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TV-Serie „The State“ : Aus dem Terrorstaat gibt es kein Zurück

Was geht in deren Köpfen vor? Die Serie „The State“ erzählt von vier jungen Briten, die sich dem IS anschließen. Jalal Hussein (Sam Otto) ist einer von ihnen. Bild: Channel 4

Die Fernsehserie „The State“ von Regisseur Peter Kosminsky begleitet vier junge Leute ins Verderben: Sie schließen sich dem IS an. Selten wurden so eindrucksvoll vor dem Islamismus gewarnt.

          Das Letzte, was die Welt jetzt braucht, ist ein Fernsehdrama über den „Islamischen Staat“. Das Letzte, was die Opfer der Terrorgruppe ertragen können, ist, dass ein Sender eine solche vierteilige Serie ins Programm nimmt, kaum dass die Toten des Anschlags von Barcelona gezählt sind. Mit dieser Kritik sah sich der britische Sender Channel 4 konfrontiert, als „The State“ dort Ende August anlief. Die zwanzig Jahre alte Bethany Haines, deren Vater David 2014 von IS-Terroristen ermordet wurde, formulierte den Appell in der „Daily Mail“ am eindringlichsten. Wie sollten die Familien der Opfer so etwas ertragen? Eine Fernsehserie, die in die Köpfe derer kriecht, die sich der Mördertruppe „Daesh“ anschließen? Verständnis wecken für verblendete Mörder und Vergewaltiger?

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Nichts davon vermittelt die Serie „The State“ des Autors und Regisseurs Peter Kosminsky, der, wie er britischen Zeitungen sagte, eher die Befürchtung hatte, seine Serie könne Hass auf den Islam befördern. Wer die vier Teile von „The State“ gesehen hat, wird den Eindruck gewinnen: Kosminsky leistet mit seinem harten Realismus weder dem einen noch dem anderen Vorschub. Er zeigt, wie es in einem „Staat“ zugeht, in dem Menschenverachtung Gesetz ist, in dem diejenigen das Sagen haben, die Andersgläubigen, Andersdenkenden oder einfach dem Nächstbesten das Menschsein absprechen und ihnen ohne Bedenken, in vermeintlich göttlichem Auftrag, aus Lust an der Macht über Leben und Tod, unvorstellbare Grausamkeiten antun.

          Nur in den ersten Minuten könnte man „The State“ als Werbefilm von „Daesh“ missverstehen – wenn sich vier junge Leute aus Großbritannien unter konspirativen Umständen, mitten in der Nacht auf den Weg ins Herrschaftsgebiet des Terrors machen. Jalal Hussein (Sam Otto) ist neunzehn Jahre alt und ein nachdenklicher Typ. Er will herausfinden, was mit seinem Bruder geschehen ist, der als „Märtyrer“ für das „Kalifat“ gestorben sein soll. Jalals Freund Ziyaad Kader (Ryan McKen ) kann es nicht erwarten zu kämpfen. Die achtzehnjährige Ushna Kaleel (Havani Seth) hat kein anderes Ziel, als eine „Löwin“ zu werden – Ehefrau eines IS-Mannes, dem sie Kinder gebiert. Die Chirurgin Shakira Boothe (Ony Uhiara), sechsundzwanzig, nimmt ihren neunjährigen Sohn Isaac (Nana Agyeman-Bediako) mit auf die Reise. Ihre Beweggründe erscheinen am abstrusesten. Sie hat eine Karriere, die sie im „Kalifat“ fortsetzen will. Sie wird sich wundern, was „Daesh“ ihr und ihrem Sohn antut. Am Ende werden Kinder gehirngewaschen, zu Killern ausgebildet und ins Feuer geschickt.

          Keine Rückkehr in ein anderes Leben

          Dass es mit dem selbstbestimmten Leben vorbei ist, merken die Neuankömmlinge sofort. Kaum haben sie die Grenze zum IS-Gebiet überschritten, sind sie anderen ausgeliefert. Die Männer bekommen einen Crashkurs im Töten, die Frauen werden von einer amerikanischen Konvertitin, die ihre Rolle als Mutter der Kompanie auskostet, mit den Regeln bekanntgemacht. Es beginnt damit, dass sie das Haus nicht allein verlassen dürfen. Bewegungsfreiheit ist nicht das Einzige, was ihnen von nun an fehlt. Sie unterliegen einer vollständigen sozialen Überwachung, die Religionspolizei hat ihre Augen überall, doch ist das Los der Frauen mitnichten mit dem der verschleppten Jesidinnen zu vergleichen, die sich die IS-Männer als Sexsklavinnen halten und wie Vieh behandeln.

          Peter Kosminsky hat für seine Serie intensiv recherchiert und dabei auch mit IS-Rückkehrern gesprochen, denen in Raqqa doch vor Augen trat, auf was sie sich eingelassen hatten – einen totalitären Unterdrückerstaat. Jedem seiner vier Protagonisten gesteht Kosminsky Zweifel, moralische Skrupel und eine innere Wandlung zu – zum Guten oder zum Schlechten. Er zeigt Szenen der Menschlichkeit, etwa wenn Jalal eine Jesidin auf dem Sklavenmarkt für zweihundert Dollar kauft und zur Frau nimmt, damit sie und vor allem ihre kleine Tochter nicht seinen Mitkämpfern in die Hände fallen, denen man am Gesicht ablesen kann, was sie vorhaben. Shakira indes geht die Ehe mit dem einzig integren Charakter weit und breit ein, dem Chirurgen, mit dem sie im Keller Schwerverletzte operiert. Er kann jederzeit abgeholt und in den Folterkeller geworfen werden. Er ist nämlich schwul.

          Solcher Widerstand im Kleinen gegen das Unrechtsregime, dessen Taten im Verlauf der Serie immer deutlicher dargestellt werden, ist zwar möglich, am Ende aber vergebens. Und vergebens ist es auch, in ein anderes Leben zurückkehren zu wollen, selbst wenn einem die Flucht gelingt. In der totalen Niederlage trägt „Daesh“ den Sieg davon. Er besteht in Tod und Zerstörung. Ein Werbefilm für den Terror sähe anders aus als „The State“. Diese Serie ist eine beeindruckende Warnung.

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