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TV-Serie „The Split“ : Die Kinder zahlen den Preis

  • -Aktualisiert am

Machen die Sache unter sich aus: Deborah Findlay, Annabel Scholey, Nicola Walker und Fiona Button (von links) spielen die Anwältinnen in „The Split“. Bild: NDR/Sister Pictures

Die britische Anwaltsserie „The Split“ zeigt, dass Scheidungsdramen nicht nur für seichte Unterhaltung taugen. Schade, dass der NDR die sehenswerten Filme im Spätprogramm versenkt.

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          „Denken Sie, dass sie einem verzeihen, die Kinder?“ Die Scheidungsanwältin Hannah Stern (Nicola Walker) hat darauf keine Antwort. Oder eine, die der Mandant der Gegenseite nicht hören will. Ihre Erfahrung: Betrogene Ehefrauen, trennungsunwillige Ehemänner mögen irgendwann verzeihen, Kinder selten oder kaum. Zu tief die Verletzungen, zu schlimm der gefühlte Verrat, zu übel die Instrumentalisierung als Verhandlungsunterpfand, die in der Serie „The Split – Beziehungsstatus ungeklärt“ alle Kinder erleben.

          Dafür sorgen schon die Rechtsbeistände. Mit seltenen Ausnahmen: Hannah (Nicola Walker), verheiratet mit Nathan (Stephen Mangan), angezogen vom Kollegen Christie (Barry Atsma), drei Kinder, ist ein Star unter Londons Promianwälten, nicht zimperlich, aber auch nicht rücksichtslos. Bedenklich findet ihr Kanzleichef Zander (Chukwudi Iwuji), dass sie lieber Vergleiche sucht, als vor Gericht Vernichtungsschlachten zu führen. Zum Beispiel im Fall Pope gegen Pope, in dem die Nochehefrau dem getrennten Mann das Umgangsrecht mit dem gemeinsamen Kind verweigert. Nicht von ungefähr, bestückt der Comedian doch sein Programm, „Meine Ex ist eine Bitch“, mit Racheporno-Witzen auf Kosten der Mutter seines Sohnes. Druckmittel Kind, das ist Alltag in der Familienrechts-Kanzlei. Die wachsende Eltern-Kind-Entfremdung sei ungerecht für das Kind, klagt der Vater, der andererseits sein eigenes Emotionssüppchen kocht. „Ich wüsste gern, welche Scheidung das nicht ist“, kontert Hannah.

          Vielleicht MacKenzie gegen Mac-Kenzie. Multimillionär Davey (Stephen Tompkinson) hat seine Frau Goldie (Meera Syal) zum Anwaltstermin gebeten. Sie fällt aus allen Wolken – hier und jetzt soll sie Scheidungspapiere unterzeichnen. Hannah ist Rechtsbeistand des Mannes, aber wütend über seine Überrumpelungstaktik. Bis ihre Mutter Ruth (Deborah Findley), laut der „Times“ die „Doyenne des Familienrechts“, ihr das Mandat abjagt. Und Hannah sich an der Seite der abservierten Frau findet und ihr eine Scheidung verspricht, wie sie sie selbst gern hätte, sollte es so weit kommen. Ruth und ihre älteste Tochter sind nun Gegnerinnen in einem Fall, den die Boulevardblätter im Blick haben – das verbale Privatscharmützel ist eröffnet.

          Unangenehmer werden höchstens noch die Verhandlungen, in denen Hannah dem Model Kelsey Ashworth (Chanel Cresswell) einen vorteilhaften Ehevertrag garantieren soll. Seit Wochen geht mit den Entschädigungsklauseln beim möglichen Seitensprung nichts voran – die Ehe mit dem eher schlichten Fußballer Diallo Diopo (Thierry Mabonga) droht zu scheitern, bevor sie geschlossen ist.

          Glaubt man tausendundeiner Anwaltsserie im Fernsehen, dann ist Familienrecht unterhaltsam. Emotionen und Tragik werden bagatellisiert, vor Gericht geht es um Sieg und Niederlage, der skrupellose Part wird bestraft, das moralisch Gebotene triumphiert. In der britischen Serie „The Split“, die mit klugen Dialogen und Handlungswendungen punktet, ist Familienrecht kompliziert, emotional, abgründig und realitätsnah. Die Hauptfiguren treibt die Einsicht um, dass im Leben Beziehungen selten für immer Bestand haben und Erniedrigungen oft Mittel der anschließenden Schlacht sind. Als Anwaltsserie mag „The Split“ schon gelungen sein, besser noch aber wird sie durch die enge Verbindung von Rechtssphäre und Familiendramen.

          Im Mittelpunkt stehen vier starke Frauen, Mutter und drei Töchter, vier Anwältinnen, die nach dem Verschwinden des Ehemanns und Vaters vor dreißig Jahren gelernt haben, allein zu tanzen und dabei glücklich zu sein, wie es auf der Feier zu Ruths Siebzigstem heißt. „Männer kommen und gehen, doch die einzige Beziehung, die wirklich wertvoll ist, ist die, die du mit dir selbst führst“, heißt eine der Mutterweisheiten. Ruth, die die Kanzlei „Defoe“ mit Unterstützung ihrer Töchter aufgebaut hat, ist im Professionellen hart, trickreich und unbarmherzig.

          Hannah, die Älteste, sucht den Kompromiss. Die Mittlere, Nina (Annabel Scholey), führt ihre Mandate wie ihre Männerbeziehungen – nebenbei. Rose (Fiona Button), ohne Erinnerung an den Vater, wächst in die Praxis des Rechts hinein. Obwohl es heißt, dass Scheidungsanwälte selbst nie heiraten, führt sie mit ihrem Verlobten Ehegespräche in der Kirche und beginnt, am Zweck der Institution zu zweifeln. Zumal der Vater Oscar (Anthony Head) zurück ist, und bei den Töchtern Abbitte leisten will, nicht ohne verborgene finanzielle Agenda. Hannah, Nina, Rose sind Profis im Beruf und bleiben doch verratene Kinder.

          Die Erfinderin und Autorin von „The Split“, Abi Morgan, scheut das Melodram nicht, bricht es aber durch lebensweisen Humor. Sie steht konsequent auf Seiten der Kinder. Dass Moral und Recht einander nicht völlig fremd sein sollten, zeigt diese vom NDR im Programm versenkte BBC-Serie eindrücklich.

          The Split läuft heute um 22.50 Uhr im NDR-Fernsehen und ist in der ARD-Mediathek verfügbar.

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