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Sky-Serie „The Rising“ : Wie klärt man als Tote einen Mord auf?

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Irgendwo zwischen Tod und Leben: Clara Rugaard als Neve Kelly. Bild: Sky

Die Herrin des Sees: Die Sky-Serie „The Rising“ gelingt als sehenswerte Alchemie aus Mystery, Jugendserie und Psychodrama.

          3 Min.

          Dichter hat es im englischen Lake District genau so erwischt wie gekrönte Häupter. Wer etwas für erhabene Naturschönheit übrig hatte, war verzaubert. Konnte Feen, Kobolde und Geister für möglich halten. Seit den 1950ern Nationalpark, verzeichnen Karten das Gebiet mit seinen ausgedehnten Seen, tiefen Wäldern und Bergen mit weitem Ausblick als „Area of Outstanding Natural Beauty“. Denkt man sich die Touristen weg, ist der Eindruck immer noch atemberaubend – und je nach Zwielicht mysteriös. Mit einer Natur, die menschliche Angelegenheiten wie magisch in ein Ganzes einpuzzelt. In der Dinge zwischen Himmel und Erde möglich sind, die man in prosaischerer Umgehung mit Achselzucken verwerfen müsste.

          Der düster-romantisch inszenierte Lake District ist der Hauptdarsteller in der achtteiligen britischen Sky-Originalproduktion „The Rising“, in der es um die Aufklärung der Ermordung der neunzehnjährigen Neve Kelly (Clara Rugaard) und einige andere Rätsel geht. Nach einem feuchtfröhlichen Rave unter nächtlichem Himmel wacht Neve auf. War sie nachts schwimmen gegangen? Im großen See in der Nähe der Kleinstadt Keswick arbeitet sie sich an die Oberfläche und ans Ufer. Muss eine böse Feier gewesen sein, den Erinnerungslücken nach zu schließen. Alle ignorieren sie. Erst als Neve ihre Würgemale am Hals und andere Wunden bemerkt, dämmert ihr, dass sie tot sein muss. Niemand sieht sie. Für die anderen, ihre Mutter Maria (Emily Taaffe), eine Malerin, Stiefvater Daniel (Alex Lanipekun), die Stiefgeschwister Katie (Robyn Cara) und Max (Cameron Howitt) und ihren Freund Joe (Solly McLeod) ist sie vorerst vermisst. Suchaktionen stehen an. Aber was, wenn man ihren Körper nie aus dem See birgt? Wenn der Täter ungestraft davonkommt, weil sie am Abend vorher mit Joe Schluss gemacht und angekündigt hat, aus der Gegend wegzugehen? Würde man ihr diese Impulsivität des Verschwindens zutrauen?

          Ein Mordopfer, das sich selbst findet

          „The Rising“ beginnt, wie in „Whodunnit“-Crime-Serien genreüblich, mit der Auffindung des Opfers. Schon ungewöhnlicher ist, dass das Opfer sich selbst findet und erst akzeptieren muss, tot zu sein. Oder zumindest bloß noch gespensterhaft vorhanden. Dass Neve ihr Verzweiflungsrasen niederkämpfen muss und einen kühlen Kopf bekommen, um Familie und Freunde auf die Spur ihrer Leiche zu bringen. Die Polizei beim Herumrätseln beobachten und zu dem Schluss kommen, als Unsichtbare die Aufklärung des Mordes in die eigene Hand nehmen zu müssen. Unterstützt von ihrem leiblichen Vater Tom (Matthew McNulty), einem notorischen Säufer, der sie sieht und dem keiner glaubt, und ihrer ehemaligen Freundin Alex (Nenda Neururer), die nach drei Jahren in einem Jugendgefängnis gerade erst wieder in die Gegend gezogen ist und sie ebenfalls bemerkt. Warum diese beiden Außenseiter Neves Verbündete werden können, bleibt lange verborgen. Und es gibt noch eine dritte Person, die sie sieht. Schreckliches in der Vergangenheit der Gegend wird ausgegraben, Ereignisse und Verbrechen, die ebenso die Gegenwart und Zukunft erschüttern wie Neves Ermordung. Es ist, als ob die bösen Taten, die alle mit der Renovierung des herrschaftlichen Sitzes „Keaton Hall“, eines noblen Hotels, zusammenhängen, genauso wie in den Gedächtnissen in der Landschaft aufbewahrt sind.

          Das Handlungsgerüst des mehr psychologisch als horrorschaumäßig beeindruckenden Geistergrusels ist nicht neu und erstaunlicherweise nicht der englischen Schauerromantik entlehnt, sondern beruht auf einer Adaption der belgischen Mystery-Serie „Beau Séjour“ (bei Arte gelaufen unter dem Titel „Zimmer 108“). „The Rising“ bietet allerdings mehr als bloße Schauplatzverlegung. Die junge Frau Neve, eher non-binär porträtiert, wacht nicht in dem Hotelzimmer auf, in dem sie umgebracht wurde, wie in „Beau Séjour“, sondern entsteigt dem See wie ein Phönix.

          Als Geist, wie es scheint, nicht mehr auf Heteronormativität festgelegt, verlieben sie und Alex sich. Dass, sobald der Mord aufgeklärt ist, Trennung für immer anstehen wird, verstärkt die Stimmung romantischer Sehnsucht. Die Serie lässt seine queere Liebe dabei wie die ultimative Verbindung von Mut und Überwindung, von Vergangenheit und Zukunftsoffenheit scheinen. Die Natur wird, ganz genremäßig, zum wirkungsvollen atmosphärischen Verstärker der psychischen Ausnahmezustände. In den Wäldern lauert Böses, unter Wasser Sinnenverwirrendes, auf dem „Fell“, der Anhöhe, fegt der Wind Emotionen fort und ermöglicht menschliches Erkennen und Verzeihen. Neves Freiheitsdrang und Talent machte sie vor ihrer Tötung zur größten Motocross-Hoffnung des Clubs der „Vipers“. Die Motorrad-Szenen (auch Neves Geist hat eine Maschine) verbinden schließlich Mensch und Umgebung, Landschaft und Handlung, zu einer sehenswerten Alchemie von Mystery, Jugendserie und Psychodrama.

          The Rising startet heute um 20.15 Uhr auf Sky Atlantic.

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