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„The L Word“-Serie : Viel Verlangen, wenig Scham

Die „L Word“-Clique ist erwachsen geworden – und hat sich um einige schillernde Persönlichkeiten erweitert. Bild: Sky

Elf Jahre nach dem Ende wird die Serie „The L Word“ fortgesetzt. Sie erzählt nicht mehr davon, wie das ist, wenn Frauen Frauen lieben. Dafür von allem anderen.

          3 Min.

          Zwei Frauen und ein Mann in einem Konferenzraum mit Blick über Los Angeles. Eine ist Managerin bei einem Pharmaunternehmen, die andere will Bürgermeisterin werden. Der Mann hat keine tragende Rolle, er schweigt. Es geht um große Summen Geld, die Politikerin sammelt für Investitionen, aber das Angebot macht sie misstrauisch. Das Kapital des Familienunternehmens stammt aus dem Opioidgeschäft, dabei ist der Kampf gegen die Drogen ihr größtes Ziel. Solche Ignoranz, sagt sie der Managerin zum Abschied, hätte sie sich bei einem weißen, heterosexuellen Mann vorstellen können. Nicht bei einer homosexuellen Hispanoamerikanerin. Ob sie nachts schlafen könne? Kann sie dann natürlich nicht.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Amerikanische Serienunterhaltung für die breite Masse beinhaltet durchschnittlich einen (männlichen) Homosexuellen. Wenn aber einmal alle Hauptdarsteller weiblich und lesbisch wären, erfolgreich oder jedenfalls ambitioniert, wenn sie Pfarrerinnen, Barkeeperinnen, Managerinnen und Beinahe-Bürgermeisterinnen wären, nicht vorrangig Vertreterinnen einer sexuellen Orientierung? Wenn sie mit Problemen kämpften, die jeder Mensch kennt, in Liebesdingen, dem zum Scheitern verurteilten Versuch, Kindern ein Vorbild zu sein oder mit Vergangenem abzuschließen? Gelänge das, würden sich ihre Persönlichkeiten in all ihren Facetten vor dem durchschnittlich heterosexuellen Sofapublikum auffächern. Man könnte sich dann mit Interesse selbst beim Assoziieren zusehen.

          Nicht alles glückte

          Es hat das Experiment vor mehr als fünfzehn Jahren gegeben. Als 2004 die erste Folge von „The L Word“ gezeigt wurde, waren lesbische Frauen, wenn überhaupt im Fernsehprogramm vertreten, oft klischeehaft überzeichnete Charaktere. Kathy Greenberg und Michele Abbott gaben einer Gruppe selbstbewusster Frauen jenseits der Konvention mit einer aufwendig produzierten Serie den Status queerer „Sex and The City“- Stars. Shane (Katherine Moennig) etwa, die Einzelgängerin mit der dunklen Vergangenheit. Bette (Jennifer Beals), die Perfektionistin mit Leidenschaften. Alice (Leisha Hailey), Moderatorin und Unterhaltungskünstlerin. Nicht alles glückte, aber das Experiment gelang. „The L Word“ lief fünf Jahre und sechs Staffeln lang.

          Seitdem haben sich Rechte und Sichtbarkeit von Homosexuellen verbessert. Von fairen Verhältnissen kann trotzdem nicht die Rede sein. Auch deshalb haben die Serien-Schöpferinnen mit der Filmemacherin Marja-Lewis Ryan und den drei Hauptdarstellerinnen von damals eine Neuauflage gedreht. Die deutschsprachige Version trägt nicht mehr den Untertitel „Wenn Frauen Frauen lieben“. Das ist erfreulich. Stattdessen erinnert das „Q“ an die Vielfalt sexueller Identitäten. Mit „Ladies und Gentlemen, und alle dazwischen“ begrüßt Alice ihre Talkshowgäste.

          Damals wurde die Serie als unfeministisch und zu weiß für eine Minderheiten-Ermächtigungsgeschichte kritisiert. Arienne Mandi und Rosanny Zayas spielen nun zwei Charaktere, die Erfahrungen mit kultureller Ausgrenzung haben. Es geht immer noch um Diskriminierung jeder Art. Aber Themen wie das Coming-out und künstliche Befruchtung stehen nicht mehr im Mittelpunkt. Einmal tritt die amerikanische Fußball-Weltmeisterin Megan Anna Rapinoe in Alices Talkshow auf und erzählt von dem Moment, als ihr ihre Homosexualität bewusst wurde: Sie komme aus einem kleinen Ort, sagt Rapinoe, keinem Umfeld wie diesem, in dem es normal sei, zwei Mütter zu haben. Aber eben die normale Welt will „The L Word“ entwerfen.

          In der Welt der Generation Q wird Shane, als sie aus dem Flugzeug steigt, von einer Stewardess angesprochen und landet kurz darauf mit ihr im Bett. Ganz normal. Hier lassen sich Frauen von Leidenschaft verleiten und können öffentlich darüber sprechen, ohne dass ihre Karriere wankt. Hier ist jede Frau auch ein modisches Unikat. Es ist natürlich nicht immer einfach. Nicht für die Tochter der lesbischen Politikerin Bette, die als schwarzes Mädchen gleich zwei Diskriminierungserfahrungen durch die Schule tragen muss. Nicht für Bette selbst, die eine Affäre mit einer verheirateten Mitarbeiterin einholt („Es war einvernehmlich“). Aber Scham, lernt sie, ist keine Lösungsstrategie.

          Eine zweite Staffel ist schon in Planung. Das Rezept aus Komik, Drama, Romantik und Sex wird auch diesmal die Richtigen erreichen, nicht nur jene, die die Botschaft längst kennen. In einer Gegenwart, in der noch immer abwertend über homosexuelle Frauen gesprochen wird, in der die Rede von der „Kampflesbe“ und ihren kurz geschorenen Haaren weiter besteht, präsentiert uns die Serie die schlichte Erkenntnis: Nur zu, identifiziert euch. Es ist ein ganz normales Leben.

          The L Word: Generation Q beginnt heute um 20.15 Uhr bei Sky Atlantic.

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