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Neue Serie von J.K. Rowling : Ein guter Kerl, den es böse erwischt hat

Müssen erst zueinander finden: Cormoran Strike (Tom Burke) und Robin Ellacott (Holliday Grainger) Bild: Sky

Um sich von „Harry Potter“ abzulenken, erfand Joanne K. Rowling den Detektiv „Strike“, der ist nun ein Serienheld.

          Dieser Detektiv schlägt den Mantelkragen hoch, wenn er durch die Straßen Londons zieht, zündet sich die Zigarette mit dem Streichholz an und lässt den Rauch ruhig durch die Nase entweichen, während es hinter seiner zerknautschten Stirn arbeitet. Cormoran Strike mag einen fremdartigen Namen tragen, bezeichnend für ihn ist die Vertrautheit, die er ausstrahlt. Wie zusammengesetzt aus Schnittmusterbögen der Kriminalliteratur wirkt sein Charakter: Strike ist ein beschädigter Einzelgänger, ein guter Kerl, den es böse erwischt hat. Als Militärpolizist verlor er in Afghanistan ein Bein, seither schlägt er sich als Privatdetektiv durch und sammelt Schulden. Sein Privatleben ist ein Debakel: Frisch getrennt, nächtigt C. B. Strike auf dem Feldbett in seinem heruntergekommenen Büro. Nur Whisky spendet Trost. Doch dann tritt eine Zauberin auf – und das Märchen kann beginnen.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Warum Joanne K. Rowling sich nach dem ganzen Harry-Potter-Rummel – und mit alldem Geld auf dem Konto – vor ein paar Jahren an den Schreibtisch setzte und eine Figur wie Cormoran Strike erfand, kann man sich schon denken: Vermutlich wollte die Bestsellerautorin, die niemandem mehr etwas beweisen muss, sich einfach gut unterhalten. Jenseits von Hogwarts zog es sie schon mit ihrem ersten Erwachsenenroman „Ein plötzlicher Todesfall“ ins Krimigenre, danach machte sie unter Pseudonym weiter und veröffentlichte als Robert Galbraith in aller Ruhe C. B. Strikes ersten Fall: „Der Ruf des Kuckucks“. Der Band aus der Feder eines mutmaßlichen Nachwuchsschriftstellers verkaufte sich anderthalbtausendmal, bevor herauskam, wer ihn wirklich verfasst hatte. Seitdem reißen die Leser jeden neuen Strike-Roman aus den Regalen. Drei sind es bisher, der vierte soll in Kürze erscheinen.

          Cormoran Strike (Tom Burke) hat als Soldat in Afghanistan nicht nur ein Bein verloren. Ihm ist die Orientierung abhanden gekommen. Doch langsam findet er sich.

          Gibt es bessere Voraussetzungen für eine von Joanne K. Rowling selbst produzierte Serienverfilmung der Romane für die BBC, die nun auch hierzulande ausgestrahlt wird? Wohl kaum. Man kann aber auch anders fragen: Hätte sich wohl irgendjemand beim Fernsehen für Mr. Strike interessiert, wenn die Maskerade des literarischen Megastars nicht gelüftet worden wäre? Durchaus. Die Drama-Abteilung des Senders hatte den ersten Strike-Roman schon vor der Enttarnung als potentiellen Filmstoff ins Auge gefasst. Zu Recht.

          Denn der Protagonist ist zwar nicht originell, verbreitet aber in der siebenteiligen Fernsehserie „Strike“ in Gestalt von Tom Burke eine solche Wärme, dass es schwerfällt, ihm nicht mit Vergnügen und wachsender Sympathie auf allen Ermittlungswegen zu folgen. Türöffnerin zu seinem verschlossenen Charakter spielt – wie könnte es anders sein – eine Frau. Die erdbeerblonde Robin Ellacot, dargestellt von Holliday Grainger, wird Strike von einer Jobvermittlung als Sekretärin auf Zeit ins Büro geschickt. Sie schlägt ausgerechnet auf, als der Detektiv seine Ex-Partnerin aus dem Kontor wirft, und fliegt beinahe gleich selbst hinterher. Dann darf sie doch bleiben und als stets wie aus dem Ei gepellte Schönheit neben dem Verwahrlosten ihre Magie entfalten. Das Chaos verschwindet, es gibt Kaffee und Gebäck, und ein Klient legt tausend Pfund auf den Tisch.

          Versehrt: In Afghanistan verliert Cormoran Strike (Tom Burke) Teile seines rechten Beins.

          Strike soll für John Bristow (Leo Bill), den Bruder eines verstorbenen Freundes aus Kindertagen, einen weiteren Todesfall in dessen britischer Aristokratenfamilie aufklären: Die Adoptivschwester Bristows, ein berühmtes dunkelhäutiges Model, soll Selbstmord begangen haben. Die todkranke Adoptivmutter und der Sohn glauben an Mord. Doch welchen Grund sollte jemand gehabt haben, die junge Frau vom Balkon ihres Luxusapartments zu stoßen?

          Mehr Klischee geht kaum, vor allem was die Partnerdynamik in der Detektei betrifft, die exakt so aussieht, wie man erwarten würde: Es gibt Holztüren mit geriffelten Glaseinsätzen und tatsächlich Aktenschränke. Robin entpuppt sich mit abgebrochenem Psychologiestudium als perfekter Sidekick: Blitzgescheit lügt sie bei Bedarf am Telefon mit falschem Akzent, dass sich die Balken biegen, fragt raffiniert Verkäuferinnen in der Edelboutique aus, die das tote Model frequentierte, und merkt rasch, dass Ko-Detektivin ein aufregenderer Job ist, als die Stellen in Personalabteilungen, auf die sie sich bewirbt. Der Verlobte daheim wirkt bald auch eher so langweilig wie eine durch den Spiralschneider geschraubte Zucchini. Strike dämmert seinerseits, dass er neben Robin aussieht wie ein Obdachloser und es so nicht weitergeht.

          Das alles kann man nicht nur wohlwollend verzeihen, sondern amüsiert verfolgen, weil es in eine durchaus raffinierte Krimihandlung eingebettet ist, die von der Gosse bis in die Habitate der oberen zehntausend Londoner Milieus durchmisst. Strike trifft auf Modefotografen, Rapper und Anwälte, arme reiche Frauen, gefallene Mädchen und einen durchgeknallten Barbesitzer, der Wolfsmaske trägt. Weil wir uns nicht im amerikanischen Fernsehen befinden, dürfen Schauspieler auftreten, die Charakter statt Einheitsnasen und Botox in ihren Gesichtern tragen. Strike reißt eine Sterbende aus einer Badewanne mit brühend heißem Wasser und hinkt in aussichtsloser Verfolgungsjagd über einen Markt. Mehr Action ist nicht.

          Drei Episoden nimmt allein die Recherche um den Tod des Models in Anspruch. Das heißt: Strike hat Zeit, jede Menge Zeit. Gitarrenmusik folgt ihm zu Befragungen in Restaurants, Lobbys und auf der Straße. Sein bester Begleiter aber ist die Straße. In warmes Licht getaucht (Kamera Hubert Taczanowski), zeigt sich London verschrammelt, multikulturell, rauh und schön von immer neuen Seiten. Und auch von Strike gibt es immer Neues zu erfahren. Er war auf einer Eliteuni, hat eine Schwester, ist der Sohn eines Rockstars und verlor seine Mutter auf tragische Weise. Zugegeben, das klingt alles ziemlich ausgedacht. Noch konstruierter wird es, wenn es im zweiten Fall um einen verschwundenen Schriftsteller geht. Aber so atmosphärisch stimmig, wie „Strike“ inszeniert ist, darf ein Behaglichkeitskrimi sich jede Unwahrscheinlichkeit leisten.

          Strike, von heute an donnerstags um 21.20 Uhr bei Sky Atlantic.

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