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Serie „Shadow and Bone“ : Allein auf weiter Schattenflur

  • -Aktualisiert am

Erleuchtet: Alina Starkov (Jessie Mei Li) und General Kirigan (Ben Barnes) Bild: COURTESY OF NETFLIX

Diese Serie könnte nach „Die Tribute von Panem“ den nächsten Hype der Jugendliteratur auslösen. „Shadow and Bone“ gelingt trotz Fantasy-Klischees eine packende Geschichte über Flucht und Rassismus.

          3 Min.

          Eine Wand aus Düsternis türmt sich vor Alina Starkov (Jessie Mei Li) auf. So hoch, dass die junge Frau den Gipfel nicht erkennen kann. Dahinter raunt und blitzt es. Wer durch den Nebel tritt, findet sich in der Hölle wieder. „Schattenflur“ nennen die Bewohner des russisch anmutenden Königreichs Ravka in der etwas uneleganten deutschen Übersetzung diese Angstpassage, durch die nur der Hunger und die Todesangst immer mal wieder ein paar Unglückliche treiben. Viele von ihnen schaffen es nie wieder hinaus, so auch Alina Starkovs Eltern.

          Deshalb wächst das kleine Mädchen in einem Waisenhaus auf. Kein leichtes Leben, vor allem wenn man auch noch anders aussieht als alle um einen herum. Alinas Mutter stammte aus dem Land Shu Han, das Ravka aus dem Süden bedroht. Für die meisten Bewohner von Ravka sind Alinas schmale Augen deshalb eine Provokation, Anfeindungen und Ausgrenzung gehören zu ihrem Alltag.

          Hype im Young-Adult-Genre

          Nur die Freundschaft zum Waisenjungen Mal (Archie Renaux) lässt sie die Nerven behalten, als junge Erwachsene schließen sich beide der Armee an. Hier kämpfen sie Seite an Seite mit den sogenannten Grisha, Menschen mit scheinbar magischen Fähigkeiten. Manche von ihnen können bestimmte Elemente kontrollieren, manche Materie inklusive der Körper anderer Menschen beherrschen. Angeführt werden sie vom mächtigen General Kirigan (Ben Barnes), dessen dunkle Gabe lange rätselhaft bleibt. Zu Alinas Entsetzen wird bald ausgerechnet Mal zu einer Expedition durch die Schattenflur beordert. Selbstverständlich lässt sie ihn dabei nicht allein. Keine zwei Minuten sind sie unterwegs, da tritt schon die Katastrophe ein, und gerade als alles verloren scheint, entpuppt sich Alina ebenfalls als Grisha, und zwar eine, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat.

          Bereits wenige Monate nachdem die israelisch-amerikanische Autorin Leigh Bardugo den Fantasy-Roman „Goldene Flammen“ als ersten Teil einer Trilogie veröffentlichte, kaufte Dreamworks die Filmrechte. „Die Tribute von Panem“ war gerade mit überwältigendem Erfolg in den Kinos gelaufen, die „Maze Runner“- und „Divergent“-Trilogien folgten und sorgten für einen Hype des Young-Adult-Genres, der die Popkultur über Jahre beherrschte. Vielleicht wäre Bardugos „Grisha-Trilogie“ in dieser Flut mitgeschwommen, vielleicht untergegangen, letztendlich wurde nichts aus dem Projekt.

          Es ist ein Wagnis davon zu erzählen

          Nun, da kreischende Mädchenmengen in Kinoschlangen und an roten Teppichen wie Bilder aus unwiederbringlich vergangenen Zeiten anmuten, versucht der Streaminganbieter Netflix sich noch mal an einer Wiederbelebung. Einiges kommt hier bekannt vor: die auserwählte junge Frau mit der Macht, die Welt zu retten. Ihre Ausbildung, bei der sie treue Begleiter und garstige Kontrahenten trifft. Und die berüchtigte Qual der Wahl zwischen zwei Männern, einer gut und verlässlich, hier in Person von Mal, einer ambivalent und aufregend, hier General Kirigan. Auf diese bewährten Stützen baut Eric Heisserer seine Serienwelt, die dann aber deutlich ernsthaftere Form annimmt als ihre Vorgänger. Heisserer hat sich als Horrorautor einen Namen gemacht. Sein Drehbuch zum Alienfilm „Arrival“ war für den Oscar nominiert, „Bird Box – Schließe deine Augen“ legte 2018 mit 45 Millionen Aufrufen in der ersten Woche den erfolgreichsten Filmstart aller Zeiten bei Netflix hin und wurde zum viralen Phänomen. Der Autor ist ein Kenner von gesellschaftlichem Unbehagen, das er hier dem Genre entsprechend deutlich abgeschwächt ausdrückt, aber damit doch sicherstellt, dass „Shadow and Bone“ nicht auf ausgetretenen Pfaden in die Irrelevanz wandelt.

          Der Migrationshintergrund der Protagonistin geht auf sein Konto, und das macht etwas anderes aus dieser Geschichte in einer Zeit, in der aus den Vereinigten Staaten täglich neue Videos von brutalen Angriffen auf Asiaten in die sozialen Medien gespült werden. Nach der Trilogie hat Leigh Bardugo weitere Romane im „Grisha-Universum“ angesiedelt. Hieraus entnimmt Heisserer einen Handlungsstrang, der auf der anderen Seite der Schattenflur spielt. Dort sucht eine Gruppe charismatischer Gangster ebenfalls einen Weg durch die Dunkelheit. Sie wollen das Ding ihres Lebens drehen, für die junge Inej (Amita Suman) würde es endlich Freiheit bedeuten, nachdem sie mit vierzehn Jahren entführt und an ein Bordell verkauft wurde. So wie diese jungen Menschen in den dunklen Nebel der Schattenflur schauen, blicken andere in unserer Welt möglicherweise auf das Mittelmeer. Es ist ein Wagnis, von Flucht, Rassismus und Menschenhandel mit und neben Fantasy-Klischees zu erzählen. Hier gelingt es.

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