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Netflix-Serie „Quicksand“ : Sie hatte gute Noten

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Hanna Ardéhn spielt in einer beunruhigenden Mischung aus Entsetzen und Gleichgültigkeit die Eliteschülerin Maja. Bild: Johan Paulin / Netflix

Edle Partys, teure Autos und verwöhnte Jugendliche aus dem Stockholmer Villenviertel Djursholm: In „Quicksand“ stürzt eine Eliteschülerin glaubwürdig und radikal ab. Aber sie ist keines der Opfer.

          Am Ende der zweiten Staffel von „Tote Mädchen lügen nicht“ sahen wir einem Jugendlichen ins Gesicht, der drauf und dran war, eine Schulparty mit einem Sturmgewehr zu betreten. So gespenstisch das wirkte: Man konnte die schleichende Radikalisierung des Jungen halbwegs nachvollziehen – rief man dem Fernseher doch schon lange vorher, als die Serie noch mit dem Selbstmord der Klassenkameradin Hannah Baker und Gewalt gegen Frauen befasst war, entgegen: „Wieso merkt das denn keiner?“ Aktueller als in dieser Serie konnte Fernsehen nicht sein. Der Amokläufer wurde damals jedenfalls rechtzeitig aufgehalten.

          Nun fallen die Schüsse – in der neuen Netflix-Serie „Quicksand“. Sie kommt kurz vor Veröffentlichung der dritten Staffel von „Tote Mädchen lügen nicht“ (im Sommer) ins Programm. Es wirkt, als stelle sich der Sender damit selbst ein Bein. Als Vorlage dient der Roman „Im Traum kannst du nicht lügen“ der Schwedin Malin Persson Giolito, der 2016 von der „Schwedischen Krimiautoren-Akademie“ zum besten Krimi des Jahres gewählt wurde.

          Von der Schule ins Untersuchungsgefängnis

          Der Sechsteiler beginnt drastisch: mit Gewehrsalven aus dem Off und Blutlachen in einem Klassenzimmer, mit dumpfem Geschrei aus der Ferne und dem Klingeln von Handys, bei denen keiner mehr abnimmt. Wir sehen eine verstörte Achtzehnjährige, die aus einem Stockholmer Gymnasium getragen wird, zusammenbricht und kaum eine Gesichtsregung zeigt: Maja Norberg. Diese junge Frau, die Hanna Ardéhn in einer beunruhigenden Mischung aus Entsetzen und Gleichgültigkeit spielt, ist keines der Opfer. Die Staatsanwältin wirft ihr „Mord, Beihilfe zum Mord und versuchten Mord“ vor. Maja kommt in ein Untersuchungsgefängnis. Schon sehr bald, in einer der vielen Rückblenden, aus denen „Quicksand“ besteht, werden wir sie für den Bruchteil einer Sekunde mit dem Finger am Abzug eines Gewehrs sehen, ihr Freund, der ebenfalls ein Gewehr trägt, sackt vor ihr tot zusammen.

          Was man auch sieht: edle Partys, teure Autos und die verwöhnten Schüler aus dem Stockholmer Villenviertel Djursholm. Dort steht die Schule, die Maja besuchte und zu der ein Austauschprogramm mit der spanischen Privatschule Las Encinas aus der Serie „Elite“ gut passen würde. Die meisten Jugendlichen hier haben mehr Geld, als für ihre Charakterentwicklung gesund sein kann, und jetten am Wochenende quer durch Europa. Einer dieser Schüler ist das Millionärskind Sebastian Fagerman (gespielt vom schwedischen Popsänger Felix Sandman). Maja läuft ihm in den Ferien vor dem Abi über den Weg, verguckt sich in den Filou und verbringt umgehend ein paar Tage auf der Yacht von Sebastians Vater (Reuben Sallmander) im Mittelmeer, zu der vierzehn Crewmitglieder gehören.

          Das Mädchen ist hin und weg, obwohl ihr der Klassenkamerad Samir (William Spetz) mit seinem Charme und Grips eigentlich sehr viel näher wäre. Aber wie die Wahl zwischen einem Millionärssohn und dem Sohn eines Taxifahrers ausfällt, wenn man sie hat und von luxusverdorbenen Freunden umgeben ist, kann man sich ausrechnen. Erst sehr viel später merkt Maja, welchen Grad an Wohlstandsverwahrlosung Sebastian bereits erreicht hat: Er wird immer ausfälliger, stürzt ab, verliert sich in Drogen. Nicht trotzdem, sondern gerade deswegen kommt Maja von ihm nicht los.

          „Quicksand“ erzählt von dieser fatalen Beziehungsgeschichte ebenso glaubwürdig wie radikal monoperspektivisch: Was wir über die Vorgeschichte des Amoklaufes erfahren, stammt bis zum Gerichtsverfahren am Ende fast ausschließlich aus Majas Wortwechseln mit ihrem Anwalt Peder Sander (David Dencik), kurzen Verhören und Erinnerungsfetzen, die bei Gesprächen oder beim Warten auf dem Gefängnisbett getriggert werden. Das geht auf Kosten vieler Figuren, die schablonenhaft gezeichnet sind – verhilft der kühl und nüchtern erzählten Serie aber zu großer atmosphärischer Dichte. Das Drehbuch von Camilla Ahlgren („Die Brücke“) vertraut ganz auf die Schauspielkunst der Hauptdarstellerin; und schon allein wegen Hanna Ardéhn als unsympathische, aber alles andere als emotionslose Maja lohnt es sich, „Quicksand“ zu sehen. Wenn man es aushält. „Quicksand“ ist Horror-Fernsehen für Helikoptereltern. Netflix gibt als Altersempfehlung ab sechzehn an.

          Quicksand ist bei Netflix abrufbar.

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