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Agenten-Serie „Quantico“ : Und wenn die Welt in Stücke geht, sie sieht gut aus

Von der FBI-Agentin zur Terroverdächtigen: Alex Parrish (Priyanka Chopra) muss ihre Unschuld beweisen Bild: ProSieben

In „Quantico“ jagt ein Bollywood-Star als Agentin einen Attentäter. Zwischen Highschool-Komödie und Agententhriller findet sie ihre ganz eigene Strategie gegen die Terrorangst.

          Sie ist bewaffnet, zu allem entschlossen und extrem gut ausgebildet“, gibt der Officer als Warnung an sämtliche Polizeieinheiten aus. Da ist die FBI-Agentin Alexandra Parrish gerade in Gestalt des Bollywood-Stars Priyanka Chopra ohne einen einzigen Kratzer den Trümmern des größten terroristischen Anschlags auf amerikanischem Boden seit 9/11 entstiegen. Die Grand Central Station in New York wurde in die Luft gejagt - und das FBI hält die Jung-Agentin aus den eigenen Reihen für die Bombenlegerin. Schon nach dem ersten Verhör gelingt ihr die Flucht. Von nun an jagt sie die Wahrheit und den wahren Täter, während wir in Rückblenden immer wieder neun Monate zurückgeworfen werden.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der Terrorist, heißt es, sei einer ihrer Mitschüler an der FBI-Akademie „Quantico“ in Virginia gewesen, der diese Serie von ABC den Namen verdankt. Mit Alex’ Eintritt in die Kaderschmiede beginnt der vorgelagerte Handlungsbogen. Genauer gesagt, damit, dass sie Ryan Booth (Jake Mc- Laughlin) im Flugzeug um den Finger wickelt - Priyanka Chopra spielt in solchen Szenen ihren Charme als ehemalige Miss World aus -, abschleppt und zum Abschied sagt: Ihr Typ sei er nicht. Zur Begründung zählt sie in Sherlock-Holmes-Manier Details aus seinem Leben auf, von denen sie eigentlich nichts wissen kann.

          Ein Plot wie aus dem Turbomixer

          Alex Parrish ist also eine vor Sex-Appeal und Selbstbewusstsein schier platzende Frau Oberschlau, deren Intuition niemals trügt und die nur deshalb keinen Mann so richtig an sich heranlässt, weil sie ein dunkles Geheimnis mit sich trägt, das schon bald enthüllt wird. Sie hat ihren eigenen Vater erschossen, als der ihre Mutter mit einer Waffe bedrohte. Der Vater war FBI-Undercoveragent, und nur um etwas über ihn herauszufinden, ist Alex wirklich nach Quantico gekommen. Wo sie, keine große Überraschung, Booth wiedertrifft, vermeintlich Anwärter wie sie, faktisch aber - Undercoveragent. Seine Zielperson ist Alex.

          Einer von ihnen muss der Täter sein: Jeder von Alex’ Mitschülern an der FBI-Akademie Quantico hat ein düsteres Geheimnis.

          Wem all das schon zu verwickelt und banal zugleich ist, dürfte bei den 22 Folgen, die Pro Sieben immer im Doppelpack sendet, schnell das Handtuch werfen. Denn der Serienschöpfer Joshua Safran quirlt quasi mit dem Turbomixer zusammen, was er alles bei Serien wie „Homeland“ und „Grey’s Anatomy“ abgeschaut hat. Seine Expertise als Autor und Produzent der Teenie-Komödie „Gossip Girl“ packt Safran noch obendrauf. Kriminalistische Einsichten bleiben Nebensache: Wenn es beim Federal Bureau of Investigation tatsächlich annähernd so zuginge wie in „Quantico“, dann gnade uns Gott. Zwar steht der Lehreinheit eine gnadenlose Chefin vor, die wie Oberausbilder O’Connor (Josh Hopkins), stets die ungeheuren Anforderungen an die Zöglinge betont, doch geht es eher zu wie auf einer Highschool fürs Detektivspiellernen und mit intensivem Sportprogramm zum gegenseitigen Abchecken.

          An erster Stelle steht denn auch nicht schauspielerische Finesse, sondern gutes Aussehen. Das hat jeder in „Quantico“ und verkörpert zugleich eine möglichst abstruse Mischung potentiell verdächtiger Eigenschaften, die für verdächtig zu halten ein Vorurteil wäre. Dumm ist die Idee nicht, doch schafft sie Charaktere aus der Drehbuchretorte: Der einzige offen schwule Agent in spe (Tate Ellington) ist konservativer Jude, lebte aber in Gaza und interessiert sich für Nimah (Yasmine Al Massri), die gläubige Muslimin mit Kopftuch. Die ist nur die Hälfte der Zeit sie selbst, sonst übernimmt heimlich ihre Zwillingsschwester. Der gleichfalls streng religiöse Mormone hat eine dubiose Verbindung nach Malawi. Die mit Alex um Booth buhlende Natalie (Anabelle Acosta) klebt sich eine falsche Narbe an. So geht es reihum, zuweilen durchaus unterhaltsam, aber ohne innere Logik.

          Doppeltes Spiel ist ihre leichteste Übung

          Schon der erste Tag in Quantico stellt den Neuankömmlingen die Aufgabe, das bedeutsamste Geheimnis eines Mitschülers aufzuspüren. Nur wer wahrhaftig sei, könne bestehen: das FBI als Gedankenpolizei, Biographiespitzel und Traumatherapeut in einem. Geradezu lustvoll werden der 11. September, Oklahoma und Boston aufgerufen. Die Gefahr gehe nicht von Extremisten aus, sondern vom Nächsten, lehrt diese Schule. Den zu enttarnen und zu stellen ist Alex’ Aufgabe, denn keiner in Quantico ist, wer er scheint.

          Es ist erstaunlich, mit welcher Kaltschnäuzigkeit Terrorangst ins Reservoir der Drehbucheinfälle gekippt wird, die man nicht ernst nehmen muss. Psychologen könnten aus „Quantico“ wohl die schönsten kollektiven Verdrängungsmechanismen herauspräparieren. Außer Alex entsteigt kein einziges Opfer den Trümmern. Die Serie funktioniert wie eine gut geölte Maschine, die auf Hochtouren durch die Handlung häckselt, eine seelisch nie angefasste Heldin in Aktion zeigt und in jeden Subplot zig Wendungen dreht, um Spannung zu erzeugen. Das klappt sogar manchmal. Zeitraffer und Zeitlupen runden das Ganze optisch ab. Aber wenn „Quantico“ eines zeigt, dann, dass gutes Aussehen allein nicht reicht.

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