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Apple TV-Serie „Pachinko“ : Mit der Herkunft spekuliert man nicht

Sunja (Yu-na Jeon) verbindet die vier Generationen der koreanischen Familie, von denen „Pachinko“ erzählt. Bild: Apple TV+

Identitätspolitik auf koreanisch: Die epische Serie „Pachinko“ erzählt die Geschichte einer Familie, die bei allen Demütigungen ihren Überlebensmut nicht verliert.

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          Das liegt doch alles hinter uns“, sagt der Notar in Tokio nervös, als die alte Koreanerin zögert, den Kaufvertrag zu unterschreiben – und mit den alten Geschichten anfängt: den Geschichten ihrer Familie, die wie siebenhunderttausend andere Koreaner während der japanischen Besatzungszeit nach Japan zog, um dem Elend zu entkommen, aber dort eine endlose Folge von Schikanen erlebte. Die Frau schaut den Notar an: „Wenn Sie das glauben, sind Sie ein noch größerer Idiot, als ich dachte.“

          Mark Siemons
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Wie viele andere ist ihre Familie auch nach 1945 noch in Japan geblieben, weil sie in Korea kein Zuhause mehr hatte, und nun rechnet die Frau ab, weigert sich vor all den sie erwartungsvoll anschauenden japanischen Bankern, ihr kleines Grundstück und Haus zu verkaufen, das sie sich in dem fremden Land erworben hat und das die Bank nun unbedingt für einen Luxushotelneubau haben will. „Jeder Topfen Blut“, sagt sie auf Koreanisch dem zwischen ihnen sitzenden Broker Solomon, der ebenfalls koreanische Wurzeln hat, sei ein Argument gegen das Unterschreiben dieser Papiere. Diese Szene in der vierten Folge der jetzt auf Apple TV+ laufenden Serie „Pachinko – Ein einfaches Leben“ ist eine Zusammenfassung der Moral des gesamten Epos: Die Vergangenheit ist keineswegs vergangen; die komplex ineinander verschachtelten historischen Erfahrungen der verschiedenen Kulturen haben unmittelbare Auswirkungen darauf, wie Diskriminierung heute erlebt wird, auch vor dem globalisierten westlichen Hintergrund.

          Im Unterschied zur chronologisch erzählenden Romanvorlage pendelt die Fernsehversion von Soo Hugh ständig zwischen den Zeitebenen.
          Im Unterschied zur chronologisch erzählenden Romanvorlage pendelt die Fernsehversion von Soo Hugh ständig zwischen den Zeitebenen. : Bild: Apple TV

          Mit den K-Dramas aus Südkorea, die nicht erst seit „Squid Game“ so populär geworden sind bei Netflix und anderswo im westlichen Mainstream, ist diese Serie über vier Generationen einer koreanischen Familie nicht zu verwechseln. „Pachinko“ ist eine amerikanische Serie mit einer entschieden amerikanischen Perspektive. Im Unterschied zur chronologisch erzählenden Romanvorlage der New Yorker Autorin Min Jin Lee, die auf Deutsch unter dem Titel „Ein einfaches Leben“ 2018 herauskam, pendelt die Fernsehversion von Soo Hugh ständig zwischen den Zeitebenen. So werden die demütigenden Erfahrungen unter der japanischen Besatzung fortlaufend in dem Selbstbehauptungskampf des Enkels in New York und in der globalisierten Hochfinanzwelt von 1989 gespiegelt. In dem selbstbewussten, anfangs fast hochmütigen Blick, mit dem der junge Broker Solomon (gespielt von Jin Ha) allen Benachteiligungsversuchen und Vorurteilen in seiner Bank begegnet, ist unverkennbar die Fremdheitsgeschichte aufgehoben, von der die Serie als ganze erzählt.

          Die Vergangenheit ist nicht vergangen

          Von der ersten Einstellung an geht es in „Pachinko“ also um Anerkennung und Identität – allerdings nicht vornehmlich in den Kategorien von „race“, sondern in denen der geschichtlichen Erfahrung einer Nation. Koreaner und Japaner, die im westlichen Oberflächenblick vieler mehr oder weniger dasselbe sind („Asiaten“), werden in ihrer sehr unterschiedlichen, konfliktreichen Erinnerung hier scharf voneinander abgehoben. Um keine Vermischung zuzulassen, haben auch die Untertitel der koreanischen und japanischen Dialoge jeweils verschiedene Farben.

          „Pachinko“ ist kein Kammerspiel. An Ausstattung wird nicht gespart; mit dem Wechsel von weiträumigen Panoramen und bis ins letzte Detail durchkomponierten Szenen aus nächster Nähe, vor allem aber mit der großartigen Schauspielercrew erzeugt die Serie einen Sog, für den ein Bildschirm eigentlich zu klein ist. Es geht los mit dem Blick in ein koreanisches Fischerdorf bei Busan im Jahr 1915. Fünf Jahre zuvor war Korea von Japan annektiert worden, und die Angst vor den Polizisten und Spitzeln der Besatzungsmacht ist allgegenwärtig. Nachdem drei Söhne früh gestorben waren, bekommen Hoonie und seine Frau eine Tochter, Sunja, und sie überlebt. In der Figur Hoonies mit seiner Gaumenspalte und seinem verkrüppelten Fuß hatte der Literaturwissenschaftler Kim Seong-kon aus Seoul schon nach dem Erscheinen der Buchvorlage ein Symbol Koreas selbst ausgemacht: benachteiligt, schon durch seine geopolitische Lage, und international wenig artikulationsfähig. Aber, wie man ergänzen kann, zugleich auch widerstandsfähig und großherzig.

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