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Serie „Maniac“ auf Netflix : Stell dir vor, du bist an einen depressiven Computer angeschlossen

  • -Aktualisiert am

Annie (Emma Stone) nimmt an einer obskuren Arzneimittelstudie teil. Bild: Netflix

In der Serie „Maniac“ nehmen zwei junge Leute an einem Experiment teil, um ihre Traumata zu bewältigen. Doch es kommt anders als erwartet: Sie werden in irreale Welten versetzt.

          Was ist real? Owen Milgrim (Jonah Hill) ist von der Frage besessen. Verständlich, denn Owen ist schizophren. Er sieht Dinge, die nicht wirklich da sind, das sagen jedenfalls die Ärzte. Mal scheint auch der stille Mann selbst daran zu glauben, doch dann keimt wieder Hoffnung auf. Vielleicht ist alles ganz anders, vielleicht ist er für Großes auserwählt, in geheimer Mission zur Rettung der Menschheit. Als ihn eines Tages ein Anruf erreicht, mit der Aufforderung, an einer bahnbrechenden medizinischen Studie teilzunehmen, entbrennt der Glaube neu. Owen lässt bereitwillig seine superreiche Familie zurück, die vier erfolgreichen Brüder, die kreischende Mutter, den dominanten Vater. Er verabschiedet sich von den ewigen Kränkungen in seiner Rolle als schwarzes Schaf und macht sich auf den Weg in die Klinik, immer Ausschau haltend nach einem Begleiter, der ihm bei der Weltenrettung zur Seite steht.

          Diese Person glaubt er in Annie (Emma Stone) zu finden, doch die fahrige junge Frau hat ganz eigene Sorgen. Annie hat sich ihren Platz in der Studie mit unlauteren Methoden erschlichen, weil sie abhängig von einer Droge ist, die dort getestet wird. Diese soll nicht weniger bewirken als eine Revolution der menschlichen Psyche. Der Plan: In drei Stufen werden die Probanden zunächst mit ihren Traumata konfrontiert, um diese dann im Unterbewusstsein identifizieren und durch Konfrontation ausschalten zu können. Das angestrebte Ergebnis: Das Ende von Angst und Trauer, ein Leben in purer Glückseligkeit. Das ist allerdings nicht Annies Ziel, denn sie ist süchtig nach der Begleitpille zu Stufe Eins, die sie wieder und wieder den schlimmsten Tag ihres Lebens durchleiden lässt.

          In ihrem Ziel, die Studie für ihre eigenen Zwecke zu nutzen, werden Owen und Annie Verbündete und schließlich schweißt der Computer, der die Prozedur überwacht, die beiden buchstäblich mental zusammen. Denn die für das Glück zuständige Maschine namens GRTA verfällt über den Tod eines Wissenschaftlers selbst in eine schwere Depression und setzt in einem Anfall von Trauer ihre Kabel in Brand.

          Freundschaft gegen Geld

          Ein weinender Computer wirkt in der Netflix-Serie „Maniac“ nicht sonderbar. Regisseur Cary Fukunaga, der für die gefeierte erste Staffel von „True Detective“ und den Film „Beasts of No Nation“ bekannt ist und den nächsten James-Bond-Film drehen wird, schafft in eine phantastische Welt, in der Roboter Empathie wecken, während die Menschen sich voneinander entfremden. Hier spielen Männer im Park Schach mit lilafarbenen Plüschteddys, kleine Reinigungsroboter wecken das Mitgefühl von Passanten, wenn sie sich bei der Arbeit zwischen Hindernissen einkeilen und immer wieder „Fehler“ schluchzen. Menschliche Kontakte bestehen in der ärmeren Schicht dagegen zunehmend darin, dass man sich von einem sogenannten „AdBuddy“, einem „Werbefreund“ begleiten lässt, einer Person, die im Tausch gegen Mahlzeiten oder Waren Anzeigen vorliest. Wer besser betucht ist, kann ebenfalls menschliche Gesellschaft buchen, die rezitiert keine Werbung, sondern spielt die Rolle eines langjährigen Freundes. In Japan ist die absurd anmutende Konstellation bekanntlich schon Realität. Technik ist in dieser Welt nicht programmiert, sondern liebevoll gebaut, die Ausstattung lässt an die analogen Bastelphantasien von Michel Gondry denken, an dessen Film „Vergiss mein nicht“ die Serie „Maniac“ inhaltlich und in der melancholischen Sinnsuche erinnert.

          Nach der Zusammenführung durch die traurige GRTA begegnen Annie und Owen ihren Dämonen im zweiten Schritt der Behandlung gemeinsam. Von da an nimmt die Serie auch stilistisch eine abrupte Wende. Um ihre alten Probleme zu bewältigen, werden die beiden mit neuen konfrontiert, in ganz unterschiedlichen Rollen und Realitäten. Mal finden sie sich als verarmtes Ehepaar wieder, das einen Lemur aus den Fängen von Pelzherstellern befreien muss. In der Folge darauf agieren sie als Helden in einem blutigen Spionagethriller. Dann kämpfen sie sich mit aufgesetzten Elfenohren durch eine tolkiensche Fabelwelt.

          Man kann sich bei den auch in der Länge sehr unterschiedlichen Episoden des Eindrucks einer gewissen Willkürlichkeit nicht erwehren, doch zumindest Emma Stone hält die Geschichte ihrer Figur zusammen, indem sie jeder neuen Rolle ein Stück von der Annie mitgibt, die der Zuschauer kennengelernt hat. Jonah Hill hingegen geht in den verschiedenen Genre-Charakteren auf, was zum Problem wird, weil er Owen generell in einer eindimensionalen Zurückgenommenheit etabliert hat, die schwerlich Empathie für dessen Konflikte weckt.

          Es ist also überwiegend Annies Geschichte, die „Maniac“ und damit die Suche nach der Bedeutung von Wahrheit und Beziehungen trägt. „Maniac“ wird polarisieren, Netflix geht mit der Serie ein Risiko ein, dem die Starbesetzung nur bedingt entgegenwirkt. In seinem kreativen Willen ist das Experiment beachtlich. Das sichtbare Interesse Fukunagas an der verrückten Welt, in welche er die Zuschauer entführt, versöhnt mit dramaturgischen Schwächen. Was in dieser Welt letztendlich real ist? Das spielt keine Rolle. Es muss nur echt wirken.

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