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Serie „Little Voice“ : Singen und sich nicht reinreden lassen

  • -Aktualisiert am

„Little Voice“ feiert am Freitag auf Apple TV Premiere. Bild: AppleTV

Die Serie „Little Voice“ feiert die Träume junger Musiker in New York. Produzentin Sara Bareilles tritt auch unter eigenem Namen auf. Sie hat ein Musikmärchen geschaffen – ein beschwingtes Denkmal.

          3 Min.

          New York City im Sommer. Die Stadt swingt und singt. Ein Klischee und doch stimmt es: Aus den Träumen und Hoffnungen von Untergrundmusikern und -künstlern hat der Broadway einige seiner größten Shows gemacht. Klassische Musicals wie „42nd Street“, in dem ein begabtes Landei seinen Weg auf die große Bühne steppt – und Filme, allen voran Woody Allens Liebeserklärungen an Manhattan.

          Auch die Serie „Little Voice“, produziert von Singer-Songwriterin Sara Bareilles, wirkt wie ein „Oldschool“-Musical. Warmherzig, alles andere als zynisch und auf leichte Weise sehr witzig – eben wie aus der Zeit gefallen. Bess King (Brittany O’Grady), ihre junge Hauptfigur, zahlt die Miete als Hundeausführerin und Barfrau in einem Musikclub. Dazwischen unterrichtet sie adrette, aber unbegabte Kleinkinder in Riesenapartments mit Skyline-Blick am Flügel oder spielt Rockgitarre mit kaum zehnjährigen, leidenschaftlich schrammelnden Möchtegern-Bon Jovis. Gelegentlich singt sie im Seniorenheim Frank-Sinatra-Klassiker und zaubert Demenzerkrankten ein Lächeln auf die Gesichter. Die Erinnerung an Musik wird nicht im Sprachzentrum des Gehirns abgespeichert. Musik berührt uns, selbst wenn uns kaum noch etwas berührt, erklärt die Heimleiterin.

          Wenn Bess einen seltenen Gig landet, covert sie Achtziger-Jahre-Songs, dabei hätte sie eigenes Material für einen ganzen Abend. Einmal landet sie einen Job für einen Käsewerbung-Jingle, der nationale Verbreitung finden soll. Bess ist zauberhaft, schüchtern und herzensgut. Doch sie weiß, was sie will, wenn es um ihre eigene Stimme geht. Authentisch sein – in späteren Folgen werden Label-Bosse das als Marketing-Desaster bezeichnen –, ihr eigenes, suchendes Leben besingen und sich nicht reinreden lassen.

          Ihren Vater (Chuck Cooper), früher ein bekannter Bluessänger mit immer noch begnadeter Stimme, hat der Kampf um den Lebensunterhalt zermürbt. Während die Mutter zur Selbstfindung nach Ohio verschwunden ist, kümmert sich Bess rührend um ihren älteren autistischen Bruder Louie (Kevin Valdez), ein wandelndes Broadway-Lexikon, der mit seiner stürmischen Theaterbegeisterung Fremde verschreckt, der größte Peter-Pan-Fan aller Zeiten ist und als Freizeit-„Hamilton“-Darsteller mit einem Videoblog Furore macht.

          Vielleicht das Schönste an diesem Musikmärchen ist sein wiederum ganz heutiger Traum von unaufdringlicher, vom Leben geformter Diversität. Bess’ engste Freundin und „Soulsister“ Prisha (Shalini Bathina) spielt in einer Frauen-Mariachi-Band und verliebt sich Hals über Kopf in die Trompeterin. Ihre liebevollen Eltern, skeptisch gegenüber manch „kultureller Errungenschaft“ Amerikas und Fans traditionell arrangierter Ehen – zwischen Mann und Frau. Louies „Betreutes Wohnen“-WG versammelt einige einzigartige junge Männer, die trotz oder gerade wegen gewisser kognitiver Einschränkungen ihre Leidenschaften bedingungsloser leben als Normalbürger. Einer liebt die Wolken und will Wetteransager werden, ein anderer hat eine ausgesprochene Passion für Ordnung und Sauberkeit. Ein Paradies der Eigenwilligen ist „Little Voice“ aber nicht. Louie ist zwar voller Witz und Wahrheiten, eckt aber oft an. Prisha wird beim Küssen im Park von einem Homophoben niedergeschlagen.

          „Little Voice“ arbeitet mit der Prämisse, dass wir uns in Bess King (wie in: Carole King) und ihre große Stimme schockverlieben. So wie mindestens drei der Männer in dieser Serie: ihr „Storage-Booth“-Nachbar Ethan (Sean Teale), ihr Gitarrist und Ko-Sänger Samuel (Colton Ryan) und ihr Unterstützer Benjamin (Phillip Johnson Richardson). Die Musik spielt eine Hauptrolle in jeder der neun in warmen Farben gedrehten Folgen, von denen jede einen Song von Sara Bareilles im Titel trägt. Wenn Bess mit Samuel nachts im Washington Square Park eine zweistimmige Version von Amy Winehouses „Valerie“ anstimmt, wenn sie für eine stumme Seniorin „Moon River“ singt oder wenn sie einige der gefühlvollen Songs von Bareilles interpretiert, stellt sich Broadway-Zaungast-Atmosphäre ein. Tangotänzer am Brooklyn-Ufer des East River umschwirren Bess’ ersten emotionalen Videodreh (der fast eine halbstündige Folge lang dauert).

          Sara Bareilles, die auch unter eigenem Namen in „Little Voice“ auftritt, hatte mit der gleichnamigen Platte 2007 ihren Durchbruch. Inzwischen mehrfach grammynominiert, hat Bareilles mit „The Waitress“ schon ein veritables Musical geschrieben, das am Broadway mehr als tausendfünfhundert Aufführungen erlebte und auch im Londoner Westend zu sehen war. Die Liebe zur Gattung prägt „Little Voice“ umfassend und auf geradezu rührende Weise. Mit ihren Koproduzenten Jessie Nelson (auch Regie und einige Scriptfolgen) und J.J. Abrams („Star Wars“, „Lost“, Felicity“) hat die Künstlerin dem musikalischen Enthusiasmus, der so nirgendwo anders als in New York blüht, ein weiteres beschwingtes Denkmal gesetzt.

          Little Voice ist auf Apple TV abrufbar.

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