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Serie „In Treatment“ : Nachts am Fenster

Dr. Brooke Lawrence (Uzo Aduba) schlaflos in Los Angeles Bild: AP

Die vierte Staffel von „In Treatment“ knüpft an eine sechzehn Jahre alte Serientradition an und verhandelt die psychischen Folgen der Pandemie.

          3 Min.

          Bei den Gesprächen weit nach Mitternacht hilft die Flucht in verinnerlichte Worte. Die des irischen Schriftstellers C.S. Lewis zum Beispiel, der von den „wahnsinnigen Mitternachtsmomenten“ schrieb. Sie, die das zitiert, ist noch wach, weil der Tod ihres Vaters ihr den Schlaf raubt. Er, der ihr am Telefon zuhört, ist von einem grausamen Traum aus dem Schlaf gerissen worden. Er hätte seine Mutter anrufen können, stattdessen hat er ihre Nummer gewählt. Sie hätte nicht drangehen sollen, um diese Uhrzeit, weil Patienten Grenzen brauchen. Ist sie aber. Für ein paar Minuten helfen sie sich gegenseitig aus der Verlorenheit.

          Elena Witzeck
          Redakteurin im Feuilleton.

          Von solchen Momenten zehrt die vierte Staffel von „In Treatment“, dieser immer wieder neu adaptierten Serie aus dem Therapiezimmer. Überall auf der Welt standen Schlaflose in den vergangenen eineinhalb Jahren an den Fenstern ihrer Wohnungen, schauten raus, fühlten sich wie einsame Sterne in großer Dunkelheit. Hier also die verlassene Therapeutin in ihrer Villa in Los Angeles, dort ihre Patienten, die von der Pandemie noch mitgenommener sind als ohnehin schon. Da lässt sich anknüpfen, mitfühlen, auch wenn man noch nie bei Nacht über L.A. geschaut hat.

          Nur ein bisschen rassistisch und misogyn

          Die Gespräche führt Dr. Brooke Lawrence (Uzo Aduba), eine Art versehrte, junge Oprah Winfrey, zurecht ausgezeichnet für ihre Rolle in der Serie „Orange Is The New Black“. Die Handlung beginnt mitten in der Pandemie. Ihr Therapiepalast, noch von ihrem Architektenvater erbaut, sieht aus wie ein Museum, ihr Dahinschreiten vor den bodentiefen Fenstern hat etwas von Rilkes Panther. Wenn doch einmal jemand zum persönlichen Gespräch in den Vorort auf dem Hügel kommt, sieht man Brooke Tische desinfizieren und Testunterlagen ordnen. Wie schnell solche Gesten doch ins Inventar unserer Seriengewohnheiten gelangt sind.

          Laila (Quintessa Swindell) mit ihrer herrischen Großmutter
          Laila (Quintessa Swindell) mit ihrer herrischen Großmutter : Bild: Sky

          Es bleibt nicht bei der wechselnden Perspektive zwischen Behandlungssofa und Therapeutensessel, hinzu kommt der geläufige Blick auf den Bildschirm. Die Geschichten, die Dr. Brookes Patienten zu erzählen haben, müssen deshalb drastisch sein, die Dialoge schnell und scharfsinnig. Und wenn der junge, schlecht träumende Eladio (Anthony Ramos) sich im Verlauf der digitalen Therapiestunde bereiterklärt, ihr doch noch den Raum zu zeigen, in dem er sich über den PC beugt, nicht nur einen dieser Standard-Hintergründe, springt die Kamera hinüber in sein Zimmer. Von da an stehen wir Schulter an Schulter mit ihm.

          Dr. Brooke hat gerade drei Patienten. Eladio kümmert sich bei einer reichen Familie um einen Jungen mit einer Behinderung und bettelt um Medikamente, mit denen er seine bipolare Störung verbergen will. Für ihn entwickelt Brooke mütterliche Gefühle. Dann ist da die achtzehn Jahre alte Laila (Quintessa Swindell) – und Colin (John Benjamin Hickey), der jähzornige Tech-Unternehmer, der sich nach vier Jahren im Knast abgehängt fühlt, den seine neue Rolle als Wirtschaftskrimineller rasend macht, der überall Gesinnungspolizisten vermutet und dabei doch nur ein kleines bisschen rassistisch und misogyn ist. Brookes Reaktion mit erhobenen Augenbrauen: Wie das wohl funktioniert, zugleich nach Anerkennung zu verlangen und sich unter keinen Umständen in die Köpfe anderer hineindenken zu wollen?

          Vierundzwanzig Folgen Kammerspiel mit Dialog, in jeder Folge ein Patient, der am Anfang kommt und am Ende geht, als ginge man selbst hin. Am Reiz der Idee, die die israelische Serie „BeTipul“ zwischen 2005 und 2008 erfolgreich machte und ab 2008 die amerikanischen Adaption mit Gabriel Byrne, ist nichts verloren gegangen. Da wird etwas aufgebrochen, Stück für Stück. Der Prozess mag rasant verlaufen. Während Colin Brooke in Sitzung eins noch wüst beschimpft, wird ihm beim nächsten Treffen bewusst, dass er mit seinen Ausbrüchen seiner Ohnmacht zu entfliehen versucht. Und die sich als sexsüchtig ausgebende Laila hat natürlich ein ganz anderes Problem, das mit ihrer Großmutter zu tun hat und von Brooke sogleich erkannt wird. Aber in jeder vierten Folge offenbart sich etwas von den Unzulänglichkeiten der Therapeutin selbst, die sich nicht an ihre Grundsätze hält.

          Kennt man das israelische Original oder die erst kürzlich erschienene französische Adaption, erfreut auch das Aufspüren kultureller Unterschiede: wie die Therapeutin mit ihren Patienten Minderheitenrechte diskutiert (ziemlich fortschrittlich), die emotionale Temperatur der Gespräche (fiebrig), die Anlässe, bei denen Tränen fließen (jederzeit möglich). Das Klischee der in ihren Therapeuten verliebten jungen Ärztin ist überwunden. Aber an den Gefühlen der Verlassenheit, die die Einsamkeit anrichten kann, hat sich nichts verändert.

          In Treatment läuft dienstags um 20.15 Uhr bei Sky Atlantic.

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