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Detektivserie „Dunkelstadt“ : Die Ordnungsmacht ist ein Haifischbecken

  • -Aktualisiert am

Ach, ganz allein hier? Doro Decker (Alina Levshin) schleust sich verkleidet auf eine geheime Party ein. Bild: ZDF und Sofie Silbermann

Hartgekocht und weich bebildert: Die deutsche Detektivserie „Dunkelstadt“ erzählt vom Mangel an Solidarität im modernen Zusammenleben.

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          Was soll man von einer Hauptfigur erwarten, die Zigaretten der Marke „Marlowe“ raucht, Whisky kippt wie andere Altersgenossinnen Gesundheits-Smoothies und die aus jeder Suche nach einem verlorenen Haustier zuverlässig eine Schweinerei mit Leichen macht? Die außerdem ein heruntergekommenes Loft mit Hafen- und Windräderblick mehr behaust als bewohnt, gelegentlich treuherzig-zart aus großen Augen in die Welt blickt (ein Trick) und bei Bedarf im Gegner-Vermöbeln mit tausendundeinem Tiefschlag glänzt wie die Damen der Wrestlerinnen-Truppe aus „G.L.O.W.“? Einer Figur, die trotz aller Tugenden auch ein ganzes Bündel voller Unsicherheiten und Komplexe schultert und noch jeden Erfolg im Voice-over bricht?

          Moderner „Film noir“ ist diese Serie mit dem Titel „Dunkelstadt“ zwar, so, wie sie der Sender „ZDFneo“ ankündigt, aber allenfalls eine, die einen traurigen Superheldinnen-Clown gefrühstückt und als ironisches Privatdetektiv-Comic-Zitat wieder ausgespuckt hat. Und der außerdem – zack, zack – von Schauplatz zu Schauplatz rennt wie Jason Bourne auf Geheimmission, weil jede Folge zwar auch horizontal erzählt, aber vor allem in je fünfundvierzig kurzweiligen Minuten den Fall zu Ende gebracht haben muss.

          Verdichtung der Unsolidarität

          Die Serie folgt dem Motto: „Ich bin ein Gelegenheitstrinker, der Typ, der auf ein Bier ausgeht und in Singapur mit einem Vollbart aufwacht“ (Raymond Chandler, „Philip Marlowe’s Guide to Life“). Zwar könnte das mit dem Vollbart schwierig werden, obwohl Privatdetektivin Doro Decker ein Kostümarsenal besitzt, das manches Stadttheater neidisch macht, aber sonst passt es wie die Faust auf ihr ziemlich oft blaues Auge.

          In der vorerst sechsteiligen Miniserie (Originalproduktion ZDFneo) sieht überhaupt recht viel aus wie bei den berühmten „hardboiled“ Detektiven der klassischen Ära (Konzept und Drehbuch Axel Melzener und Julia Nika Neviandt) – mit dem Unterschied, dass mit der von Alina Levshin („Kriegerin“) schwer anziehend verkörperten Privatschnüfflerin jetzt eine desillusionierte Frau zuverlässig vom Regen in die Traufe gerät. Eine Frau, die sich um den Verstand saufen kann, Trenchcoat trägt, Überwachungstechnik mag, durch den Heldentod ihres Polizistenvaters aus der Bahn geworfen wurde und seitdem für ihr Überleben keinen Pfifferling mehr gibt.

          Routinejobs eskalieren zuverlässig, sobald die einsame Wölfin sich ihrer annimmt. Freunde sieht sie am liebsten von hinten. Nur Freunde mit Putz-Qualitäten bekommen einen Zeitvertrag. Wie Adnan Musa (Rauand Taleb), den sie aus brenzliger Situation gerettet hat und der jetzt mit Anhänglichkeit kontern möchte, oder wie Chris Lautner (Artjom Gilz), der ehemalige Kumpel von der Polizeischule. Doro Decker entdeckt Komplotte zwischen Politik, grünangestrichenen Aktivisten mit Profitmaximierungsgelüsten und Baulöwen wie Robert Faber (Ronald Kukulies). Sie stößt bei der Suche nach dem Beschützer einer alten Dame auf medizinische Verbrechen an Obdachlosen, ist einer Ökokommune mitsamt ihrem Oberguru Elias (Florian Stetter) auf der Esoterikspur und sucht für zwei Väter ihre Tochter, die statt in „Dunkelstadt“ zu leben lieber auf dem Land Bienen zählen will.

          Besagte Stadt ist ein Nest für Korruption wie Gotham City (gedreht wurde in Antwerpen, Kamera Emre Erkmen). Die Regie von Asli Özge zeigt sie als weichbildgewordene Verdichtung der Unsolidarität des Zusammenlebens. Immer wieder spielen Szenen am Hafen mit seinen überdimensionalen Verladekränen und riesigen Windrädern, die die Menschen in verzwergte Perspektive bringen. Die Ordnungsmacht ist ein Haifischbecken. Rolf Behring (Jörg Pintsch), Doros Ausbilder an der Polizeischule, scheint schützend seine Hand über ihre Nachforschungen zu legen oder sie zu kontrollieren. Von Folge zu Folge erfährt die Detektivin mehr über den Tag, als ihr Vater im Dienst erschossen wurde. Putzhelfer und Assistent Adnan behauptet seinen Lebensentwurf gegenüber seiner konservativen Familie; Polizist Chris, obwohl schmächtiger von Statur, spielt „The Rock“ und wankt nicht. Das lässt sich alles schnell und vielversprechend an(sehen) – und endet clever mit einem Cliffhanger, der geradezu dreist nach Fortsetzung verlangt.

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