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Serie „Dublin Murders“ : Irland sehen und schaudern

  • -Aktualisiert am

Sie spielen die beiden Vorbelasteten: Sarah Greene und Killian Scott. Bild: Starzplay/Amazon Prime

In „Dublin Murders“ wirft ein Fall zwei Ermittler auf ihre eigene Kindheit zurück. Die Serie ist düster, psychologisch dicht, das Gegenteil der heiteren Geschichten, die bei uns sonst von der grünen Insel erzählt werden.

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          Diesen Fall sollten die Detectives Rob Riley (Killian Scott) und Cassie Maddox (Sarah Greene) nicht übernehmen. Unter keinen Umständen, wie Cassie ihren Kollegen Rob beschwört. Wenn ihr Chef O’Kelly (Conleth Hill) von Robs Geschichte erfährt, können beide ihre Zukunft bei der „Dublin Murder Squad“, der Kriminalstelle für Tötungsverbrechen, vergessen und Strafzettel schreiben.

          Im Wald bei Knocknaree wurde auf einem Altar aus keltischer Frühzeit die Leiche der dreizehnjährigen Katy entdeckt. Die Archäologen, die Funde sichern wollten, bevor die alten Bäume für eine neue Landstraße abgeholzt werden, sind nervös. Der Bauunternehmer, der überall Land kauft und über ein Heer von Baukränen in den Dubliner „Docksides“ gebietet, wo glasglitzernde Luxusappartments entstehen, will lieber heute als morgen die Planierraupen schicken. Aber das öffentliche Interesse an dem Fall ist groß. Nicht nur, weil das tote, feenhafte Mädchen gerade an der Royal Ballet School in London angenommen wurde, sondern weil im August 1985 im selben Wald drei Kinder verschwanden, von denen nur eines, Adam, traumatisiert mit blutbeschmierten Füßen und zerschnittenem T-Shirt gefunden wurde.

          Jetzt, im Sommer 2006, zur Hochzeit des EU-subventionierten Finanzbooms, in denen der „keltische Tiger“ als Erfolgsmodell der Europäischen Union gefeiert wird, sind die damaligen Ermittler verstorben, aber ihre Protokolle und unausgewertete Beweise existieren noch. Und die Gedächtnisse vieler. Die meisten schweigen, wie die vier Jugendlichen, nun Erwachsenen, die 1985 als Letzte die Kinder sahen. Einer davon ist Katys Vater. Ein Jahr später heiratete er seine Frau, die die Gruppe im Kino gesehen haben wollte. Sie hat es nun „mit den Nerven“. Rosalind (Leah McNamara), die älteste Tochter, wirkt seltsam; Katys Zwilling hat, euphemistisch ausgedrückt, ernsthafte Lernschwierigkeiten. Der Vater des vermissten Peter erhängte sich zehn Jahre danach im Wald; die Mutter von Jamie, dem einzigen verschwundenen Mädchen, ist unzurechnungsfähig geworden. Adam selbst wurde bei Nacht und Nebel von seinen Eltern in ein englisches Internat gebracht und gab sich einen neuen Namen – Rob. Nun arbeitet er als vermeintlich britischer Kollege bei der irischen Polizei. Den irischen Zungenschlag hat sich Rob abtrainiert.

          Auch Cassie hat eine zweite Identität. Gleich zu Beginn der Serie „Dublin Murders“, die Sarah Phelps kongenial nach den ersten beiden Romanen von Tana French, „Grabesgrün“ und „Totengleich“, in ein beide Geschichten verwickelndes Drehbuch übertragen hat, sagt sie vor Gericht gegen einen Verbrecher aus. Als Undercover-Agentin Lexie sammelte sie zuvor ein Jahr lang Indizien, gab die Freundin des Verdächtigen. Sie kam knapp mit dem Leben davon. Ihr ehemaliger Einsatzleiter spioniert ihr nach, denn Lexie scheint wieder da zu sein. Und liegt bald erstochen in einer Ruine – eine andere Frau, Cassie wie aus dem Gesicht geschnitten.

          Acht einstündige Folgen lang verschränkt Phelps in der Koproduktion, die von Starzplay als „Original-Serie“ gezeigt wird, aber von der BBC koproduziert wurde, Robs und Cassies Recherchen in ein exzellent dicht erzähltes, atmosphärisch weit ausgreifendes Thrillerdrama. Killian Scott und Sarah Greene spielen die beiden Traumatisierten, die nur beieinander Nähe finden, brillant. Pädophilie spielt eine Rolle, Geschichte und Geschichtsverlust, Erinnerung und Identität. Bleiern hängt in den Rückblenden die Bigotterie in den Gardinenfalten ehrbarer Häuser. Viele Szenen erzählen mehrere Mentalitätsgeschichten gleichzeitig, so wie die Totenwache am weißen Sarg Katys im beengten Wohnzimmer der Familie, das vom unbedingten Bemühen um Respektabilität zeugt. „Dublin Murders“ ist immer schon da, wo die kürzlich ausgestrahlte deutsche Produktion „Der Irland-Krimi“ erst noch hin will. Die irisch-britische Serie gräbt psychologisch tief durch ihre Bilder hindurch, mutet dem Publikum Schreckenstableaus ohne telegene Abmilderungen zu und sucht nicht das schön wilde, sondern eher ihr verhasst borniertes Irland-Bild (Hauptregie Saul Dibb).

          Statt EU-Erfolgsgeschichte zeigt French in der Anthologie-Reihe „Dublin Murder Squad“ die Verlierer des Wirtschaftsbooms und seiner Folgen. In der nächsten Staffel wird ein anderer Ermittler in den Blickpunkt rücken. Dass die ersten acht Folgen vor allem in Nordirland gedreht wurden statt in der Republik, ist eine ironische Fußnote für das Brexit-Tagebuch.

          Dublin Murders – nach Tara French läuft auf dem Abokanal Starzplay bei Amazon Prime.

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