https://www.faz.net/-gsb-9lk78

Serie „Der Fall Harry Quebert“ : Die Leiche liegt im Garten, nicht im Keller

  • -Aktualisiert am

Harry Quebert (Patrick Dempsey) hat einst einen Bestseller gelandet. Nun wird er für die Öffentlichkeit aus einem anderen Grund interessant. Bild: RTL/TV Now

Schriftsteller unter Verdacht: In „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ spielt Patrick Dempsey einen Professor, der ein junges Mädchen ermordet haben soll. Einer seiner Schüler sucht nach der Lösung des Falls.

          Man kann sich den jungen New Yorker Erfolgsautor Marcus Goldman (Ben Schnetzer) als einen oberflächlichen Blender vorstellen. Am wichtigsten ist, so sieht es auch sein umtriebiger Verleger, auf dem Buchmarkt die Kunst des Selbstmarketings. Alles eine Frage des glaubwürdigen Erscheinungsbildes, schließlich hat Literatur mit Schein und Lüge zu tun.

          Das erste Buch des Hobbyboxers und Hemingway-Posierers Goldman war gleich ein Bestseller. Der verwöhnte Starautor behaust bald ein abgefahrenes Loft in Manhattan, erhält einen Riesenvorschuss für das zweite Werk und bewirtschaftet in der Zwischenzeit den Ruf einer Jahrhunderthoffnung der literarischen Welt. Inklusive der obligaten, postmodern-ironischen Haltung gegenüber dem eigenen Schreiben. Dumm nur, dass sich mit dieser Haltung ein Thema für das zweite Buch nicht einstellen will. Schreibblockade, keine Inspiration, kein Musenkuss, nicht annähernd eine Spur der Mania, des produktiven Wahnsinns, zu dem die antike philosophische Ästhetik das Dichtertum zählte.

          Schon vor Jahren hatte ihn sein Universitätsprofessor und Mentor Harry Quebert (Patrick Dempsey) gewarnt: Selbstzufriedene bleiben immer bei sich, das ist eine Kreativbremse. Er solle sich ja nicht einbilden, „The Great American Novel“-Neo-Realismus liefern zu können, wenn jemand wie Frantzen schon daran scheitere. Auch Quebert hat, vor mehr als dreißig Jahren, mit „Der Ursprung des Bösen“ einen Bestseller veröffentlicht. Seither ist er literarisch verstummt, lehrt und lebt zurückgezogen als berühmte Legende in der Kleinstadt Sommerdale an der Bilderbuchküste in Maine, und füttert die Möwen. Eine Existenz als literarische Fiktion.

          Als Quebert für einen Jahrzehnte zurückliegenden Doppelmord ganz real verhaftet wird, nachdem Knochen einer jungen Frau auf seinem Grundstück entdeckt werden, macht sich Goldman zur literarischen Verteidigung seines Vorbilds nach Maine auf, fest von der Unschuld und seinen eigenen Darstellungsmöglichkeiten der Tatsachen überzeugt. Während der Anwalt Benjamin Roth (Wayne Knight) sich Gedanken um die lukrative Vermarktung des Mandats macht – Fernsehauftritte inklusive – und an der Wahrheit nur zum Zweck der Prozesstaktik interessiert ist, beginnt Goldman in Sommerdales Vergangenheit zu graben. Die Schaffenskrise weicht der Recherche. Der Verleger ist vom süffigen Skandalstoff begeistert. So etwas wie Truman Capotes „In Cold Blood“ soll das zweite Buch nun werden.

          Mit dem Buch „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ hat der Schweizer Schriftsteller Joel Dicker vor einigen Jahren selbst einen Bestseller veröffentlicht. Die Kritik war gespalten. Einige lobten die „filmreifen Settings“ und das „postmoderne Vexierspiel“, andere fanden das Buch prätentiös und geschwätzig, die gedankliche Tiefe vorgegaukelt. „Fast“ habe das siebenhundertseitige Werk den „Prix Goncourt“ gewonnen, heißt es.

          Das Buch mag sein, wie es will, Regisseur und Ideengeber Jean-Jacques Annaud („Der Name der Rose“ nach Umberto Eco) hat in der kanadisch-amerikanischen Koproduktion gleichen Namens daraus eine Serie mit gehörigem Spannungspotential und immer neuen Aufklärungswegen gemacht, die die postmoderne Literaturdiskussion der Vorlage zwar als Antrieb eines Wahrheitssuchspiels begreift, aber keinen Zweifel daran lässt, dass sie auch zu finden sein wird. Patrick Dempsey, der den attraktiven Schriftsteller mit Philip-Roth-Appeal gibt, ist gleichzeitig ausführender Produzent der Serie. Mehr auf John Irving als auf Jorge Luis Borges, mehr auf Vladimir Nabokov als auf Italo Calvino zählend, setzt Annaud die flirrende Sommerstimmung an der Küste von Maine, viele Wolkenbrüche, die Seelenzustände spiegeln, in eine Szenerie mit vielen Schau- und Spielwerten, und er setzt auf das liebevoll-detailreiche Porträtieren einer Menge von auffällig-unauffälligen Kleinstadtcharakteren. An zeichenhaften Verweisen wird nicht gespart. Was aber hat es mit der brisanten, schwülstigen oder vielleicht unschuldigen Lolita-Ergriffenheit des Schriftstellers Quebert auf sich, die mit immer neuen Rückblenden zur leicht vergilbten Gegenwart wird?

          Die fünfzehnjährige Nola Kellergan (Kristine Froseth) ist damals, im Sommer 1975, buchstäblich zu schön um wahr zu sein. Sie bringt Männer um den Verstand, wie zu sehen sein wird, und legt sich nach einer zufälligen Begegnung am Strand dem Autor zu Füßen. Sie erfindet sich als Muse seines Werks, oder erfindet er sie? Quebert wehrt sich gegen seine Gefühle, erzählt er später, aber selbstverständlich wird aus der Bezauberung der Jugend eine Amour Fou. Beide wollen gemeinsam fliehen, sie verschwindet Stunden zuvor auf immer. Dreiunddreißig Jahre später wird ihre Leiche auf dem Grundstück des Schriftstellers entdeckt. In ihrem Grab liegt das handgeschriebene Originalmanuskript von „Der Ursprung des Bösen“ mit Zueignung seines Schöpfers. Für die Polizisten, vor allem den Sergeanten Perry Gahalowood (Damon Wayans jr.) ist der Fall klar. Bis Goldman Drohungen bekommt, weiter nachzuforschen.

          „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ könnte für Freunde horizontalen Erzählens ein Grund sein, „TVNow“ zu abonnieren. Schwer zugänglich ist sie nicht. Man muss mit keiner literaturtheoretischen Reflexion vertraut sein, um von der Geschichte, die absichtlich ein paar unwahrscheinliche Wendungen zu viel hat, gefangen zu werden.

          Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert läuft bei TVNow, der Streamingplattform von RTL.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Handelsabkommen mit Bolsonaro : Berlin ist dafür, Paris dagegen

          Die Bundesregierung will das Mercosur-Freihandelsabkommens ratifizieren. Frankreich und andere EU-Staaten hatten wegen der Haltung Brasiliens zu den Bränden am Amazonas eine Blockade gefordert. Droht kurz vor dem G-7-Gipfel Streit zwischen Berlin und Paris?
          Wer macht’s? Annalena Baerbock und Robert Habeck

          Grüne Kanzlerkandidatur : Baerbock oder Habeck?

          Die grüne Spitze kommt gut an. Doch Annalena Baerbock und Robert Habeck wollen nicht darüber reden, wer Kanzlerkandidat wird und mit wem sie im Bund koalieren wollen.
          Verkehrsminister Andreas Scheuer

          Maut-Debakel : Neue Vorwürfe gegen Scheuer

          Die Pkw-Maut kommt nicht - jetzt werden die Verträge aufgearbeitet. Hat Verkehrsminister Scheuer getrickst, damit die Mauterhebung billiger aussieht?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.