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Serie „Die Telefonistinnen“ : Wie Netflix mit unseren Gefühlen spielt

Noch mehr Drama: Der Bürgerkrieg bedroht die Telefonistinnen. Bild: Foto Manuel Fernandez-Valdes

Das hochdramatische Ende von „Die Telefonistinnen“ wird in einer perfiden Salamitaktik hinausgezögert. Das ist praktisch für Netflix, aber nervig für die Fans.

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          Wenn wir uns erinnern, was die erste Begeisterung für Streamingdienste ausgelöst hat, dann war es dies: Endlich konnte man Folge um Folge schauen, ohne auf den nächsten Sendetermin warten zu müssen. Noch heute ist das neben der riesigen Auswahl und der Werbefreiheit der größte Vorteil gegenüber linearem Fernsehen. Ab und zu müssen wir dem Programm bestätigen, dass wir noch wach und anwesend sind, weil Netflix selbst nicht glauben mag, dass wir immer noch da liegen, mit Chipskrümeln auf dem Pulli, und unbewegt die Folgen vorbeiziehen lassen. Das ganze Konzept war eine Liebesheirat aus Faulheit und Entertainment.

          Und jetzt macht Netflix das einfach kaputt – zumindest für die Zuschauer der populären Serie „Die Telefonistinnen“, die im spanischen Original so viel schöner „Las chicas del cable“ heißt. 2017 lief sie als erste spanische Netflix-Serie an und war gleich etwas Besonderes: Die Kabelmädchen arbeiten im Madrid der späten zwanziger Jahre bei einer modernen Telefongesellschaft. Dort treffen die Großthemen technische Entwicklung, politische Krisen, Korruption und gesellschaftliche Ungleichheit auf eine wunderschöne Ausstattung. Alles ist sepiafarben angehaucht, und die Kostüme allein wären Grund genug, die Serie anzuschauen.

          Netflix' grausames Schweigen

          Aber natürlich gibt es noch viel mehr Gründe, jetzt noch einzusteigen und die bisherigen vier Staffeln nachzuholen. Vorausgesetzt, man liebt das Drama. Denn die Produzenten lieben nichts mehr; das Drama quillt aus jedem Knopfloch der Kostüme, aus jeder Großaufnahme dunkler Augen und aus jedem Klickklack von eiligen Schritten auf der Straße. Die Episoden haben Titel wie „Unschuld“, „Sünde“, „Hoffnung“, „Angst“, „Glück“ und „Wahnsinn“, und die Hauptfigur Lidia Aguilar (Blanca Suárez) darf immer wieder aus dem Off kitschige Weisheiten à la „Wenn der Hass uns zu verschlingen droht, kann uns nur die Liebe retten“ zum Besten geben. Die Telefonistinnen haben ein tragisches Talent, in Schwierigkeiten zu geraten, und sei es beim Versuch, andere aus ihnen zu retten. „Las chicas del cable“ ist, so viel kann man verraten, eher keine Serie für Kopfmenschen.

          Deshalb ist es besonders schmerzhaft, dass Netflix die fünfte und letzte Staffel in zwei Teile zerhackt hat. Die ersten fünf Episoden stehen bereits online. Mit dieser Staffel sind die Telefonistinnen in der Zeit des spanischen Bürgerkriegs angekommen, und Lidia kehrt aus Amerika nach Madrid zurück, um ihre Ziehtochter Sofia zu retten, die sich freiwillig für den Kampf gemeldet hat. Dort trifft sie natürlich Carlos (Martiño Rivas) wieder, denn dass sie zwischen ihm und ihrem Jugendfreund Francisco (Yon González) hin- und herspringt wie eine Flipperkugel, gehört zu den Konstanten der Serie. Doch damit ist es jetzt vorbei, denn Carlos steht auf der falschen Seite. Erst mal. Und dann doch nicht. Es ist verwirrend, aber wirklich schön anzusehen und leidenschaftlich gespielt. Wann der zweite Teil kommt – darüber hüllt Netflix sich in Schweigen. Grausames Schweigen, denn der Cliffhanger ist fürchterlich: Lidia begegnet völlig überraschend ihrer Erzfeindin wieder und ist ihr hilflos ausgeliefert. Man könnte hoffen, dass sie in der sechsten Episode einfach nur aus diesem Albtraum erwacht, aber wer die Serie kennt, weiß: Alles, was Dramatik verspricht, wird hier knallhart umgesetzt.

          Auch die Nebenrollen bieten aufwühlende Verwicklungen: Óscar (Ana Polvorosa) wird von Francos Putschisten als trans erkannt und gezwungen, sich wieder als Frau zu kleiden – womit er noch Glück hat, dieses Vorgehen ist historisch wohl nicht ganz plausibel. Marga (Nadia de Santiago) trauert um ihren Mann, der gefallen zu sein scheint. Und Carlota (Ana Fernández) lernt einen amerikanischen Journalisten kennen, der im Deutschen so unglaublich schlecht synchronisiert ist, dass er klingt wie eine Parodie auf Howard Carpendale, es gibt also auch was zu lachen.

          „Die Telefonistinnen“ ist nicht die einzige Serie, bei der Netflix auf Salamitaktik setzt. Auch die neue Show „Liebe macht blind“ wird über mehrere Wochen gestreckt. Das ist für den Streamingdienst praktisch: Die Nutzer kommen öfter vorbei und stoßen dabei vielleicht auf andere Inhalte, die sie interessieren könnten. Für Netflix-Kunden wiederum fühlt es sich an, als böte ihr Dealer abwechselnd guten Stoff und dann wieder nur Waschpulver an: Du wartest vielleicht auf „Las chicas del cable“, aber möchtest du in der Zwischenzeit nicht vielleicht eine Show sehen, in der Leute beim Ausprobieren von Backrezepten krachend scheitern? Am Erfolg dieser Strategie darf gezweifelt werden. Das Datum für das Ende der Serie gar nicht zu verraten ist auf jeden Fall noch unbefriedigender als früher, da wir noch wussten, dass es bis zur nächsten Folge unserer Serie noch eine Woche dauert und bis zur nächsten wieder eine.

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