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Amazon-Serie „Deutschland 86“ : Die DDR im Dollarregen

  • -Aktualisiert am

Sie zieht die Strippen, auch am Kap: Maria Schrader spielt in „Deutschland 86“ die Agentin Lenora Rauch. Bild: Amazon/Ufa

Mein Gott, Walter! „Deutschland 86“ bewältigt Vergangenes noch weniger als Staffel eins der Serie, ist aber ein frischer Zugriff auf ein Land, das sich locker macht. Das sieht ziemlich gut aus.

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          Alle Spiegel lügen. Die Verwunderung, die uns manchmal ergreift, wenn wir ein Foto von uns sehen, hat auch damit zu tun, dass wir uns vor allem in seitenverkehrter Frontalperspektive kennen. Selbst jene Hohlspiegel, die jede Pore in hässlicher Vergrößerung zeigen, kommen um die Gesetze der Optik nicht herum. Deutsche Fernsehproduktionen, die sich mit deutscher Vergangenheit befassen, zeigen uns ebenfalls gern Individualschicksale in scheinbar realistischer Nahsicht. Als vor drei Jahren die bis in die Nebenrollen hinein bestens besetzte, von der UFA Fiction produzierte RTL-Serie „Deutschland 83“ ausgestrahlt wurde – ein halbes Jahr nach ihrer Erstauswertung in den Vereinigten Staaten –, durfte man daher verwundert blinzeln. Was wir da sahen, war wie ein verwackelter, aus der Hüfte geschossener Schnappschuss der jüngeren deutschen Vergangenheit, kein bisschen flapsig, aber offensichtlich desinteressiert an teutonischer Selbstzerknirschung und auf jede Tiefenplausibilität pfeifend (weshalb „Weissensee“ soziologisch die weit bessere Ostdeutschland-Serie ist).

          Dafür begegnete uns in der Saga um den in die Bundeswehr eingeschleusten DDR-Grenzsoldaten Martin Rauch eine erfrischende Lockerheit und Coolness. Es war wieder der Kalte Krieg, aber heiß erzählt, ein amerikanisch zugeschnittener Spionage-Pop-Thriller, der Nostalgie, Emotionen und Spannung wichtiger nahm als Detailgenauigkeit. Ein Jahrzehnt nach „Das Leben der Anderen“ war man über die spiegelverkehrte Melancholie der Bewältigungsmelodramen hinweg. Geschrieben hatte die Serie, die bei RTL floppte, im Ausland aber hohen Zuspruch erfuhr, die seit einiger Zeit in Berlin lebende Amerikanerin Anna Winger. Daher der freie Blick von außen. Als Produzent agierte neben Nico Hofmann ihr Ehemann Jörg Winger. Die Wingers verantworten als „Creators“ auch die von heute an bei Amazon Prime Video abrufbare, von den neu verpflichteten Regisseuren Florian Cossen und Arne Feldhusen realisierte zweite Staffel. Bei RTL soll „Deutschland 86“ zu einem späteren Termin ausgestrahlt werden; „Babylon Berlin“ und „4 Blocks“ folgten einem ähnlichen Modell.

          Hemmungslose Ostalgie in schickem Braun-Blau

          Die Haupthandlung entfernt sich diesmal weit von Deutschland. Sie spielt nicht nur an afrikanischen Stellvertreterschauplätzen des Ost-West-Konflikts, sie verliert sich dort auch ein wenig. Der am Ende der ersten Staffel enttarnte Spion Martin – ein nicht mehr ganz so bübchenhafter Jonas Nay – musste eine Weile unter dem Radar verbringen. Man hat ihn als Leiter eines Kinderheims im sozialistisch orientierten, bürgerkriegserschütterten Angola geparkt. Von seinem inzwischen dreijährigen Sohn ist Martin nur ein Foto geblieben.

          Die Regie ließ es sich nicht nehmen, die Kontraste zwischen Afrika und der beengten DDR opulent zu übersteigern: in goldenes Sonnenlicht getauchte Panoramaaufnahmen hier, hemmungslose Ostalgie in schickem Braun-Blau dort. Warum es nun ausgerechnet Martin sein muss, der seiner in Südafrika als DDR-Agentin operierenden Tante Lenora (cool und schnippisch: Maria Schrader) beim Abschluss eines schmutzigen Waffendeals mit dem eigentlich als Feind betrachteten Apartheid-Regime behilflich sein soll, erklärt sich nicht wirklich, ist aber auch egal. Vermutlich sind in der DDR inzwischen nicht nur die Devisen knapp, sondern auch die Spione.

          Schmutzige Geschäfte in Angola: In „Deutschland 86“ stellt sich für die von Jonas Nay und Maria Schrader gespielten Ost-Spione die Gewissensfrage.

          Erzählerisch fataler sind die allzu vielen Zufälle. Zahlreiche Figuren tauchen an unerwarteter Stelle wieder auf. So ist eine hübsche Pflegerin aus einem Nomadenzelt mitten in der libyschen Wüste (man darf an den „Englischen Patienten“ denken) bald als Attentäterin in Europa unterwegs. Der immer abstrusere Waffendeal-Erzählstrang, der vor allem starke Bilder produzieren soll – ein Dollarregen in Zeitlupe, aus dem ein infernalischer Todestanz wird – kippt wiederum plötzlich ins Sentimentale um, als Martin just auf seinen Lieblingsschüler aus dem Waisenhaus trifft. Für klassische Agenten-Romantik sorgt die hübsche Schnüfflerin Brigitte Winkelmann (Lavinia Wilson).

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