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Amazon-Serie „Deutschland 86“ : Die DDR im Dollarregen

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Deutlich ausgebaut wurde die Action-Komponente, womit man sich einen James-Bond-für-Arme-Look zugelegt hat, der mit dem Auftauchen des verwegenen Kriegsgewinnlers und Hyänen-Flüsterers Gary Banks (Jonathan Pienaar) gar ins Trashige kippt. Beides ist kaum mehr zusammenzubringen mit den gespreizt parodistischen Ostberlin-Szenen, in denen vor allem Sylvester Groth als mal listiger, mal verträumter Apparatschik Schweppenstette in der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) glänzt.

Diesmal muss er bei Generaloberst Markus Fuchs (statt Wolf, immer noch lustig) um seine Rehabilitierung kämpfen. Uwe Preuss gibt Fuchs wieder als köstlichen Hornbrillenochsen. Weil die HVA ohne Unterlass damit beschäftigt ist, neue Geldquellen für die klamme DDR aufzutun, wird jede noch so fragwürdige Idee mit großem Hallo begrüßt, darunter ein Pharmaversuchsprojekt aus dem Westen, das eine integre Ärztin (Fritzi Haberlandt) bald zur Verzweiflung treibt. Dass vieles davon authentisch ist, zeigt eine so kurzweilige wie interessante Begleitdokumentation von Max Mönch und Alexander Lahl. „Comrades & Cash“ porträtiert eine irrwitzig turbokapitalistische DDR, die auf der Jagd nach Valuta das Gold und Blut ihrer Bürger ebenso verschachert wie sie Waffen an alle Seiten liefert. Ausgerechnet die versierte Anke Engelke aber fremdelt mit ihrer Nebenrolle als weibliche Schalck-Golodkowski, also als Vertreterin des „Bereichs Kommerzielle Koordinierung“ („KoKo“).

Ein Bündel von eher mühsam miteinander verbundenen Nebensträngen bringt weiteres Zeitkolorit in die Serie. Sponti-Aktionen kommen vor, die auch mit dem Regimekritiker Thomas Posimski (Vladimir Burlakov) zu tun haben. Der uns ebenfalls aus Staffel eins bekannte Alex Edel (Ludwig Trepte) agitiert als Homosexueller für eine stärkere Beachtung der Immunschwäche Aids durch die Pharmaindustrie. Und immer wieder lockt eine geheime Kraft die Figuren in die Clubs, die damals noch Discos hießen, schon um den wuchtigen Soundtrack der Serie – natürlich wurde das hymnische „Major Tom“-Intro beibehalten – lebensweltlich anzubinden. Die Schauspieler sind eine Klasse für sich, kommen selbst mit künstlich zugespitzten Szenen bestens klar. Maria Schrader kann sogar „Mein Gott, Walter“ so aussprechen, als hätte es Mike Krüger nie gegeben. Man denkt eher an ein erhabenes Zitat.

Mag die Handlung von „Deutschland 86“ also zwischen historisch-nostalgisch, abenteuerlich, schwülstig und widersinnig schwanken, mögen die Dialoge hin und wieder ins Erklärhafte neigen (es gibt tatsächlich viel zu erklären bei dieser komplexen Anlage) und die Figuren nicht restlos glaubhaft sein, so ist trotzdem eine temporeiche, unterhaltsame, bildstarke Serie mit frischem Anstrich (nahtlos fügen sich Animationen ein), guter Situationskomik und einer gewissen Punk-Attitüde im Hinblick auf die Afrikahandlung entstanden; eine Reminiszenz nicht zuletzt an all die Leinwandhelden unserer Jugend, die aus brennenden Flugzeugen sprangen und auf einem Heißluftballon landeten, ohne ihre Schlagfertigkeit einzubüßen. Als historische Nachhilfestunde oder als therapeutische Selbstbespiegelung taugt dies nur bedingt, aber es vermittelt sich famos, dass die ideologisch nicht mehr trittfesten achtziger Jahre auf beiden Seiten des längst rostenden Eisernen Vorhangs von einem mitreißenden Lebensgefühl dominiert wurden, von einer erstaunlicherweise völlig unbesorgten Endzeitstimmung: „Unten trauern noch die Egoisten/ Major Tom denkt sich: Wenn die wüssten.“

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