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Serie „Deep State“ bei Fox : Gestatten, mein Name ist nicht James Bond

Vom MI6 reaktiviert, um Rache zu nehmen: Max Easton (Mark Strong). Bild: Fox Networks Group

In der Serie „Deep State“ soll ein früherer Agent verhindern, dass Iran die Atombombe baut. In Wahrheit geht es aber um etwas ganz anderes.

          Zwei Väter rufen zum Familienfrühstück. Der Nachwuchs quält sich mühsam aus den Federn. So schnell ist die Morgenmüdigkeit nicht dahin. Doch der Tag ruft. Der eine der beiden fährt mit seinen Töchtern los, auf einer einsamen Landstraße in den Pyrenäen. Der andere kämpft sich durch die Rush Hour in Teheran. Beide werden von Motorradfahrern verfolgt. Der eine behält den Verfolger im Auge, der andere bemerkt die Begleitung nicht, auch nicht, wie eine Haftbombe an seinem Fahrzeug angebracht wird. Seine Fahrt endet in einem Feuerball, die Attentäter entkommen, obwohl ihnen die iranische Polizei schnell auf den Fersen ist.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Vor zehn Jahren hätte Max Easton (Mark Strong) selbst auf dem Motorrad sitzen können. Sein letzter Auftrag als Agent des britischen Geheimdienstes MI6 lautete darauf, einen britischen Nuklearwissenschaftler zu eliminieren, der zu den Iranern übergelaufen war. Danach hat Max seinen Dienst quittiert und ein neues Leben begonnen. Von seinem alten weiß seine Frau Anna (Lyne Renee) nichts. Max hat ihr irgendetwas von einem Job bei einer Bank im Nahen Osten erzählt. Und diese, macht er ihr weis, rufe ihn nun für einen Auftrag zurück, den er nicht ablehnen könne. Dass er nicht ablehnt, dafür sorgt sein alter Chef George White (Alistair Petrie), der ihm bedeutet, dass seine Familie in die Schusslinie geraten könnte. Mit dieser Erpressung lässt Max Easton sich nicht in die Knie zwingen, wohl aber mit einer anderen Nachricht: Sein Sohn aus erster Ehe, Harry (Joe Dempsie), der beim MI6 in die Fußstapfen seines Vaters trat, ist augenscheinlich ermordet worden – in Teheran. Also macht sich Max auf, Rache zu nehmen. Für die „Sektion“, wie sich die Abteilung des MI6 nennt, für die er früher gearbeitet hat, habe die Sache höchste Priorität und für die Sicherheit Großbritanniens, ja der ganzen Welt auch, redet ihm George White ein. Iran stehe im Verdacht, gegen das Atomabkommen zu verstoßen und entwickle die nukleare Bombe.

          Stehen auf der Abschussliste: Joe Dempsie und Karima McAdams spielen die Agenten Harry Clarke und Leyla Toumi.

          Max Easton kommt relativ schnell auf den Trichter, dass an den Vorgaben so gut wie nichts stimmt und er zum Werkzeug einer Generalabrechnung in den eigenen Reihen bestimmt ist – ausgerechnet mit dem Team, für das sein Sohn gearbeitet hat, soll er anfangen. Da werden Agenten aufeinandergehetzt, auf dass am Ende niemand übrig bleibe und die Spuren all der schmutzigen Operationen verwischt werden, die auf das Konto von George White und seiner CIA-Kollegin Amanda Jones (Anastasia Griffith) gehen. „Nothing left behind“, lautet das Motto der beiden. Anfangen soll Max mit der Agentin Leyla Toumi (Karima McAdams). Doch bald überwiegt bei Max der Zweifel.

          Wer sich angesichts dieser Exposition an „24“ und Kiefer Sutherland in der Rolle des Agenten Jack Bauer oder an die Serie „Homeland“ mit Claire Danes als Carrie Mathison erinnert fühlt, liegt richtig. „Deep State“ verhandelt, was der Titel verheißt und Verschwörungstheoretiker schon immer für bare Münze nahmen: dass es einen Staat im Staate gibt, vielleicht nicht den einen „Staat“, wohl aber Operationen von Geheimdiensten, von denen außer der Strippenzieher niemand weiß, die nur manchmal im Auftrag von Regierungen handeln, dann aber auf eigene Rechnung und auf diejenige von Leuten, die mit den Kriegen und Krisen im Nahen Osten ihre Geschäfte machen. Agenten wie Max Easton sind nur willige, häufig genug unwissende Helfer. Aus dem Grund hat er seinen Job ja auch vor zehn Jahren aufgegeben. Jetzt steckt er wieder mittendrin, und seine Familie auch.

          Mark Strong spielt diesen Agenten mit stoischer Ruhe. Er strahlt die Gefasstheit eines Mannes aus, der genau weiß, dass er nur minimale Chancen hat und diese vollkommen perdu sind, wenn er die Nerven verliert. Für Action und aufbrausendes Temperament ist Karima McAdams (bekannt mir ihrem ursprünglichen Nachnamen Adebibe) zuständig, die ihre Kampfkunstqualitäten vor Jahren schon als Lara Croft in einer „Tomb Raider“-Verfilmung unter Beweis stellte. Die beiden, und eine ganze Reihe von Maxens alten und neuen Verbündeten, nehmen den Kampf gegen den „Deep State“ auf, zu dem Matthew Parkhill, der bei vier der ersten acht Folgen auch Regie führte, das Drehbuch geschrieben hat. Parkhill beherrscht das Genre des Spionagethrillers, gibt ihm allerdings auch keinen neuen Twist. Er schickt Agenten in eine Welt, in der Kategorien wie Gut und Böse, Richtig und Falsch nichts zählen und sich niemand auf hehre Ziele herausreden kann, welche die eingesetzten Mittel heiligten. Welche das sind, kann man sich denken. Perfide ist, dass in „Deep State“ die Familien mit Kind und Kindeskindern von Beginn an mit in den Strudel der Gewalt gerissen werden.

          Max Easton, sagte der Schauspieler Mark Strong in einem Interview, sei der „schmutzige James Bond“. „James Bond hat die Sprüche, die technischen Spielereien und das weltmännische Auftreten. Max steckt bis zum Hals im Dreck und Staub und versucht, es irgendwie zu schaffen.“ Der Abosender Fox hat von „Deep State“, noch bevor die erste Staffel bei uns angelaufen ist, schon die zweite Runde in Auftrag gegeben. Die Serie ist cool, routiniert, ohne Mätzchen und spannend inszeniert. Und die Orientierungslosigkeit, die sich in dem in jeder Folge eingespielten Lied „Once in a Lifetime“ der Talking Heads ausdrückt, das davon handelt, dass die Menschen gar nicht richtig mitkriegen, was in ihrem Leben läuft und plötzlich merken, dass mit ihnen (und allen anderen) etwas nicht stimmt, ist für mehr als die zunächst geplanten acht Folgen sicherlich gut. Bei dem Agenten Jack Bauer dauerten die vierundzwanzig Stunden, die er hatte, um die Welt zu retten, bekanntlich auch etwas länger.

          Deep State läuft dienstags um 21 Uhr bei Fox, zu empfangen über Sky.

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