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Serie „Bruder – Schwarze Macht“ : Sie glauben, sie müssten „Ungläubige“ töten

  • -Aktualisiert am

Unter Salafisten: Melih (Yasin Boynuince, links) und Tobi (Rouven Israel) sollen Attentäter werden. Bild: ZDF und Gordon Timpen

Die Serie „Bruder – Schwarze Macht“ zeigt, wie sich zwei junge Männer in islamistische Terroristen verwandeln. Sibel Kekilli spielt eine Polizistin, die um ihre Familie kämpft. Warum läuft dieses starke Fernsehstück nur bei ZDFneo?

          Nach den Anschlägen des 11. September 2001 führte die Spur der Täter nach Hamburg, einer weltoffenen Stadt. Hier hatten sich die Männer radikalisiert und ihre Terrorzelle gebildet. Was in einigen Moscheen gepredigt wurde und in Hinterzimmern von Gemeindecafés stattfand, blieb zuvor im Dunkeln. Die Dschihadisten trugen weder lange Bärte noch Kleidung, mit der man sie als Glaubensfanatiker identifizieren konnte. Ihre Siegesphantasien und Mordpläne waren ihnen nicht auf die Stirn geschrieben, ebenso wenig den anderen Attentätern, die seither im Namen des Islams gemordet haben. Sie lebten und leben, nicht selten äußerlich integriert, unauffällig unter uns. Bis sie verschwinden, um in Lagern ausgebildet zu werden, das sogenannte „Kalifat“ mit Mord zu unterstützen, oder, im Fall halbwüchsiger Mädchen, IS-Angehörigen sexuell zu Diensten zu sein.

          Seit langem ist das Thema der Radikalisierung Jugendlicher in Reportagen präsent. Mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde eine HR-Reportage, die sich in Frankfurt auf die Spuren eines Richtung Syrien verschwundenen jungen Mannes machte, dessen fassungsloser Vater angab, vom Sohn wegen laxer Religionsauffassung zur Rede gestellt worden zu sein. Schule und Umfeld gingen von einer Phase des pubertären Suchens aus. Vox widmete jungen Frauen, die konspirativ ihre Ausreise in vom IS kontrollierte Gebiete vorbereiteten, im vergangenen Jahr einen Dokumentar-Themenabend. Interviewt wurden engagierte Schulleiterinnen, die vergebens warnten, Eltern, Freundinnen. Niemand hatte es wirklich kommen sehen. Warum?

          Die Miniserie „Bruder – Schwarze Macht“ greift das Thema nun in einer beklemmend realistisch wirkenden Spielfilmhandlung auf. Es ist ein Jammer, dass diese exzellent geschriebene und herausragend gespielte, richtungsweisend relevante Serie nur auf dem Spartensender ZDFneo und nicht im ZDF läuft. Sie zeigt uns nämlich nahezu exemplarisch die Radikalisierung zweier junger Männer, die sich, einmal in die Fänge eines salafistischen Predigers geraten, mit Hilfe von subkulturell verbreiteter IS-Hiphop-Musik und krasser Videos als Teil einer abgefahrenen Jugendprotestkultur von großer psychischer Anziehungskraft glauben, nie gekanntes Gruppengefühl erleben und schließlich zu willigen Werkzeugen eines IS-Anführers werden.

          Kommt sie zu spät? Die Polizistin Sibel (Sibel Kekilli) versucht, ihren Bruder aus den Fängen der Salafisten zu lösen.

          Den Autoren von „Bruder – Schwarze Macht“, Raid Sabbah, Andreas Dir und Ipek Zübert, gelingt es, darzulegen, was die Terrorideologie für die jungen Männer emotional attraktiv macht. Zugleich stellen sie immer wieder Distanz her. Man begreift und versteht – aber man fühlt nicht mit Melih (Yasin Boynuince) und Tobi (Rouven Israel), türkischstämmig der eine, deutsch der andere, die ihre Tage erst als Halbkriminelle IT-Junkies vertändeln, bis sie als leichte Beute vom Salafisten Philipp, genannt Abu Nour (Lennart Lemster) erkannt werden. Abu Nour ist eine Figur wie Pierre Vogel, der eine Zeitlang in Frankfurt und Umgebung Zulauf wie ein Popstar hatte. Gerade an dieser Figur zeigt sich, wie sorgfältig „Bruder – Schwarze Macht“ an den Rollenprofilen gearbeitet hat. Charismatisch lächelnd, hat die Darstellung von Lemster durchgehend eine brandgefährliche Note. Baris (Tim Seyfi) ist der, der die Jungs schließlich für das geplante Selbstmordattentat trimmt und ihnen das letzte Quentchen Eigenwillen bricht.

          Genau recherchiert, nah an den Figuren von Randa Chahoud inszeniert und von Florian Mags Kamera in hochwertiger Thrillerserienästhetik umgesetzt, ist „Bruder – Schwarze Macht“ zuerst eine Familiengeschichte. Sibel Kekilli als Sibel ist die zunehmend zerrissene Kämpferin um die Zugehörigkeit ihres Bruders Melih. Sie selbst hat, nach Konflikten mit ihrer Familie, den lebensoptimistischen Handwerker Kurt (Bjarne Mädel) geheiratet, Tochter Miriam (Tauhida Abd El-Latif) bekommen und eine steile Karriere als umsichtige Polizistin hingelegt. Sie ist inzwischen „deutscher als die Deutschen“, bemängelt ihre Mutter Berrak (Hürdem Riethmüller), die früh Witwe wurde.

          Vaterlos aufgewachsen und von der Mutter verwöhnt, hat Melih zwar Abitur gemacht, aber das war es an Zukunft. Für seine berufliche Erfolglosigkeit macht er „Kanakenfeindlichkeit“ verantwortlich. Diskriminierung erfährt er in der Tat, genau wie seine Schwester. Polizeikollege André (Friedrich Mücke) hat ein Problem mit Ausländern, aber auch mit Frauen und anderen „Minderheiten“. Melih verschwindet, der Verfassungsschutz ist ihm auf der Spur. Der Verfassungsschützer Bahr (Thorsten Merten) versucht die verzweifelnde Sibel anzuwerben. Am Ende, als es darum geht, einen Terroranschlag zu verhindern, bekommt das Versagen von Bahrs Behörde eine tragische Dynamik. Sie Serie „Bruder – Schwarze Macht“ ist unbedingt sehenswert.

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