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Neue Serien bei Sat.1 : Ich bin ein Genie - holt mich hier raus!

Dann nicht lieber doch ins Büro? Mit den härtesten Fällen hat es Laura Diamond (Debra Messing) daheim zu tun. Die beiden Rabauken spielen erfreulich realistisch. Bild: Sat.1

Auch neue Serien sind schon mal vom alten Eisen: Sat.1 zeigt mit „Detective Laura Diamond“ und „Scorpion“, wovon das Fernsehen zu viel hat: Frauen und Nerds, die als Superhelden der Gegenwart erscheinen.

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          Endlich einmal eine wahre Heldin, eine aus dem wahren Leben, die ohne den Zusatz „super“ auskommt. Endlich mal eine, die nicht schneller laufen, höher springen, genauer schießen und besser kombinieren kann als alle anderen (als die Männer sowieso), die nicht immer blendend aussieht, eben noch die Schurken zur Strecke bringt und schon keck im Einteiler in den Pool gleitet, mit einem Griff das Smartphone in der Hand, um die letzten Infos zur Rettung der Welt durchzugeben.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Wobei - Detective Laura Diamond (Debra Messing) ist und widerfährt genau all das. Ihr erster Schuss ist ein Volltreffer und streckt den Übeltäter nieder, die forsche Kollegin im Lara-Croft-Nahkampfdress weist sie in die Schranken, und wie man mit dem Chef umgeht, weiß sie auch. Wäre da nur nicht der Notruf aus der Schule ihrer Söhne: Am Tatort ist alles rot, nicht vor Blut, sondern Fingerfarbe, mit der Laura Diamonds Zwillinge ihre Vorschule in eine rote Hölle verwandelt haben, Hieronymus Bosch hätte seine Freude daran.

          Mörder kommen und gehen – die Familie bleibt

          „Tut uns leid, Mama“, flöten die beiden Wandmaler. Es tut ihnen selbstverständlich nicht leid, und das ist auch gut so. Denn ohne diese beiden Rabauken und ohne den in Trennung lebenden Ehemann, der seine Rolle als Vater aber nicht abgibt und den Nachwuchs in Tunichtgut-Bildung fachlich bestens berät, wäre die Figur der Laura Diamond nur eine weitere aus dem Krimi-Dutzendfach, die man schnell vergisst.

          So hat sie als working mom einen Spagat zu meistern, der den Unterhaltungswert dieser Serie ausmacht. Ein Geheimnis indes, ein dunkles gar, scheint diese Frau nicht zu hüten, auch wenn der Titel im amerikanischen Original „The Mysteries of Laura“ und bei der spanischen Vorbild-Serie „Los misterios de Laura“ nach etwas anderem klingt. Aber vielleicht ist damit ja auch die telenovelahafte Comedyhaftigkeit des Krimis gemeint. Die Fälle von Laura Diamond mögen kommen und gehen, ihre Jungs und ihr Noch-nicht-Ex (darauf dürfen wir wetten) weichen ihr nicht von der Seite.

          Dass die Charaktere nach Schema F entworfen sind, fällt da weniger ins Gewicht, weniger jedenfalls als bei der zweiten neuen Serie, mit welcher der Sender Sat.1, bei dem amerikanische Reihen inzwischen gefühlte 180 Prozent des Programms ausmachen, aufwartet: „Scorpion“ handelt von einem Genie namens Walter O’Brien (Elyes Gabel), ohne dessen Hilfe die Welt, insbesondere Amerika, insbesondere das FBI, verloren wäre.

          Als Elfjähriger hatte er sich ins Computersystem der Nasa gehackt - wir sehen zu Beginn, wie das Haus seiner Familie auf dem platten irischen Land zur Strafe von einer Spezialeinheit gestürmt wird -, nun muss er mit seiner kleinen Supergenietruppe verhindern, dass über Los Angeles ein Flugzeug nach dem anderen abstürzt, weil Hacker die Navigations- und Kommunikationssysteme am Boden lahmgelegt haben.

          Egotrip mit realem Vorbild

          Ihre Zentrale richten die Nerds in einem Diner ein, in dem Walter seiner Freundin gerade auf sehr umständliche Weise den Laufpass gegeben hat (er hat sich einen Spickzettel geschrieben und einen „decision tree“ entworfen) und in dem er sogleich die vielversprechende Bekanntschaft mit der Kellnerin Paige (Katherine McPhee) macht, in deren leicht gestört wirkendem Sohn Walter das nächste Superhirn erkennt. „Ich habe schlechte Nachrichten für Sie: Ihr Sohn ist ein Genie.“ Da sitzen dann lauter Einsteins am Tresen, kleine und große, und Mama bringt die Getränke.

          Die Konstellation ist bekannt, ziemlich ausgereizt und nervt langsam gewaltig. Mit mathematischer Akrobatik hat uns schon die Serie „Numbers“ gelangweilt, und bei der „Bing Bang Theory“ ist den Brainies als neuen Herren der Welt ebenfalls eine Fachkraft aus der Gastronomie zu Diensten: Penny, die Kellnerin. Die Jungs sind alle oberschlau bis zum Nobelpreis und zur Weltraummission, die Mädchen sind für die emotionale Intelligenz zuständig und heilen die soziale Dysfunktionalität der Herren durch Handauflegen: „Take a deep breath and reset.“

          Wären da nur nicht die verschwurbelten Dialoge im Ich-hab’s-wirklich-drauf-Gehuber-Modus, die auch die Serie „Scorpion“ prägen, in der Walter alle paar Minuten einfließen lassen muss, dass er einen IQ von 197 besitzt und zu den vier klügsten Menschen der Welt zählt (die drei anderen gehören wahrscheinlich zu seinem Team). Die Serie ist zudem ein Egotrip mit realem Vorbild: Walter O’Brien mit dem Spitznamen „Scorpion“ gibt es wirklich.

          Die Realität ist aufregender als Fiktion

          Er soll früh als genialer Hacker aufgefallen sein, führt eine Firma namens Scorpion Computer Services und nimmt für sich in Anspruch, amerikanischen Behörden in allerhand Notlagen geholfen zu haben. In seinem Unternehmen, erzählt er in Interviews, würden nur wahre Genies eingestellt, denen er dann zum Überflieger-IQ den höchstmöglichen „EQ“ verpasse, soll wohl heißen: Sie werden sozial kompatibel.

          Bei verschiedenen Gelegenheiten hat Walter O’Brien inzwischen allerdings Federn lassen müssen. Was die Legende seiner Vita und seiner Sonderleistungen angeht, gibt es Zweifel. Das hat den Sender CBS aber nicht davon abgehalten, im vergangenen Jahr die Serie „Scorpion“ aufzulegen, bei der Walter O’Brien als Koproduzent fungiert.

          Die Hintergründe der neu anlaufenden Serien bei Sat.1 sind also ganz interessant. Interessanter jedenfalls als die Serien selbst. Geniale Drehbuchschreiber gibt es wahrscheinlich genauso selten wie Leute mit IQ 197.

          Detective Laura Diamond beginnt am Montag um 20.15 Uhr, Scorpion am Sonntag um 22.15 Uhr.

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