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Jubiläumsfolge von „Wilsberg“ : Sand im Getriebe

  • -Aktualisiert am

Zaunpfahl oder Paddel, egal: Tanja Steinthal (Stephanie Eidt) und Georg Wilsberg (Leonard Lansink) haben sich gewappnet. Bild: ZDF

Die inselfolkloristische Jubiläumsfolge zum 25. von „Wilsberg“ ist ein Fiasko. Höchste Zeit für den Hobbydetektiv aus Münster, in Ruhestand zu gehen. Er hat ja noch seine Bücher.

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          Dass sich halb Münster im Sommer nach Norderney aufmacht, stimmt tatsächlich (die andere Hälfte drängelt sich auf Juist). Dass man die Rentner-Cops aus zwei in die Jahre gekommenen ZDF-Schmunzelkrimireihen, „Wilsberg“ und „Friesland“, auf der Partyinsel aufeinandertreffen lässt, wirkt daher nachvollziehbar – nur hat Autor Stefan Rogall diese Idee schon vor zwei Jahren umgesetzt. Die offizielle Episode zum fünfundzwanzigjährigen Dienstjubiläum des hobbymäßig mehr oder minder (meist minder) knifflige Kriminalfälle lösenden Antiquars Georg Wilsberg führt die Kämpen nun abermals und ohne weitere Idee auf der Nordseeinsel zusammen. Der eigentliche Skandal aber ist das senil-debile Niveau des Skripts, das einen teedünnen Plot mit wattflachen Dialogen und schmierig dümmlichem Humor vereint. Auf Krimideutsch gesagt: unter aller Kanone.

          Armselig sind insbesondere die Frauenrollen – unablässig müssen sich die Protagonistinnen den Annäherungen einer libidogeplagten Altherrenriege erwehren –, und gewissermaßen zur Abrundung wird noch etwas Fatshaming (wie das heute heißt) draufgelegt. Das meiste ist aber schlicht öde. Für immer noch lustig hält die Regie von Sven Nagel dröge Bielefeld-Witze, Yoga-Parodien und Schlossknacker-Slapstick. Ansonsten wird vor allem durch den Sand gelaufen, Tee vor Meerkulisse getrunken und in Hotelzimmern geschwulstet.

          Höchstens schülertheatermäßig zu nennende Leistung

          Ständig unterhalten sich Geheimniskrämer so miteinander, dass lachhaft hinter Dünengras, Hecken oder Postkartenständern versteckte Vorwitznasen – jeder beobachtet jeden – alles mitbekommen. Auch Wilsberg (Leonard Lansink) erweist sich nicht eben als Blitzbirne, wenn er sich mit seiner Vertrauten Tessa Tilker (Patricia Meeden) vor dem Haus der halbverdächtigen Tanja Steinthal (Stephanie Eidt) so bespricht, dass diese durch die Gegensprechanlage mithören kann. Alle Darsteller haben sich schauspieltechnisch entweder gegenseitig heruntergezogen oder sind angesichts der selbst für ZDF-Witzkrimis ruinösen Fallhöhe insgeheim im Streik, anders lässt sich die höchstens schülertheatermäßig zu nennende Leistung kaum erklären.

          Wie aus Anlass des Jubiläums verkündet wird, hat uns „Wilsberg“ bislang „107 Mordopfer“ beschert. Das wird folgendermaßen aufgeschlüsselt: „insgesamt 60 Männer, 34 Frauen, sieben Hühner und ein Zuchthengst“ (nebenbei erlegt: die Mathematik). Ob der Millionär von Norderney diese Rechnung noch verkompliziert, ist die Frage. Die Sekretärin des Verstorbenen, besagte Frau Steinthal, wirft dessen Kindern (Sinja Dieks, Patrick Güldenberg) jedenfalls gemeinschaftlichen Mord vor und präsentiert überraschend ein neues Testament, in dem sie als Haupterbin eingesetzt ist. Die Kinder wiederum behandeln die Sekretärin als Erbschleicherin. Wilsberg, von Anwältin Tilker als angeblicher Erbrechtsexperte mitgenommen, schlägt sich zunächst auf die Seite der, wie im Begleittext extra vermerkt, „attraktiven“ Sekretärin.

          Einen böse verschwitzten Spielsüchtigen gibt es auch noch (Sascha Göpel), der auffällig das Casino verlassen, von Pokerschulden faseln und selbst bei Telefonaten mit einem Spielbank-Chip hantieren muss. Wie sich die ganze Sache nun entwickelt, ist vollständig egal, auch dem Film selbst, schließlich ging es nur um einen Vorwand, um den Aufmarsch der Clowns zu rechtfertigen. Da stolpern also bald die Kommissarin Anna Springer (Rita Russek), Wilsbergs jahrzehntelanger Dauerschwarm, ihr tumber Gehilfe Overbeck (Roland Jankowsky) und der aus der „Bielefeld 23“-Episode bekannte Knöterich-Polizist Harald Drechshage (Stefan Haschke) über die Promenade; der derangierte „Friesland“-Kommissar Jan Brockhorst (Felix Vörtler) samt Schnüffelnasen-Apothekerin Insa (Theresa Underberg). Nur der wackere Ekki fehlt. Die Männer, nach eigenem Ermessen allesamt Zuchthengste, steigen den hühnermäßig herumflatternden Frauen nach, was als zentrale Filmhandlung aber doch recht schütter genannt werden darf. Der einzig halbwegs gute Moment: als dem Billigheimer-Polizisten aus Bielefeld die im teuren Strandcafé geklauten Zuckertütchen aus der Hosentasche rutschen. Ansonsten: eimerweise Sand im Getriebe.

          Eines ist all das aber: ein wunderbarer Moment, um aufzuhören. Einer schlecht gealterten Serie tut man keinen Gefallen, wenn man sie an den Tropf hängt. „Ist noch ein bisschen zu früh“, sagt Wilsberg auf die Frage, ob er ein freies Grab suche, und das muss ja auch gar nicht gleich sein. Es gibt im Antiquariat doch sicher mehr als genug zu tun.

          Wilsberg: Wellenbrecher, an diesem Samstag, 8. Februar, um 20.15 Uhr im ZDF.

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