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Netflix-Serie „Gypsy“ : Eine Affäre mit sich selbst

  • -Aktualisiert am

Sam Taylor-Johnson (l.) und Naomi Watts vor einer Vorführung von „Gypsy“ Ende Juni in New York Bild: Picture-Alliance

Sam Taylor-Johnson war eine erfolgreiche Künstlerin, dann ging sie nach Hollywood. Jetzt hat sie bei der Netflix-Serie „Gypsy“ Regie geführt. Ein Gespräch über geheime Doppelleben und andere Transformationen.

          3 Min.

          Sam Taylor-Johnson gehörte zu den Superstars der „YBA“, der „Young British Artists“, die mit Arbeiten wie „Crying Men“ von sich reden machte, einem Kunstfilm mit weinenden Hollywood-Stars wie Sean Penn, Laurence Fishburne and Paul Newman. Vor ein paar Jahren verließ sie die Kunstwelt und ging nach Hollywood. Dort drehte sie den ersten Teil von „Fifty Shades of Grey“. Ihr neustes Werk ist die Netflix-Serie „Gypsy“ mit Naomi Watts in der Hauptrolle, ein psychosexuelles Drama über eine Therapeutin, die ihre Patienten manipuliert. Taylor-Johnson führte bei den ersten beiden Folgen Regie und produzierte die Serie mit.

          In „Gypsy“ geht es um eine verheiratete Therapeutin Mitte vierzig, mit Doppelleben und lesbischer Affäre. Was hat Sie als Regisseurin daran interessiert: Therapie, Alter oder Sex?

          Das hängt ja alles zusammen. Alter, Therapie und Sex. Mich interessierte der weibliche Charakter Jean, gespielt von Naomi Watts, den ich so noch nie gesehen habe. Eine Anti-Heldin, die vollkommen unvorhersehbar, vollkommen irrational handelt. Absolut kein Vorbildmaterial. Mir machte es Spaß, eine Frau zu kreieren, die eigentlich „messy“ ist, aber in der Außenwelt, in ihrer Familie und ihrem Job gut funktioniert. So was schaue ich mir selbst gern an.

          Jean oder „Diane“, wie sie in ihrem geheimen Leben heißt, scheint unter ihrem „messy“ Lebensgefühl und ihrem Doppelleben nicht zu leiden. Sie ist keine Opferfrau. War Ihnen das wichtig, sie so zu zeigen?

          Kommen sich näher: Sydney (Sophie Cookson, links) und Jean (Naomi Watts).

          Ich habe kein Interesse an Leidensdarstellungen. Ich glaube, es existieren außerdem über diese Altersgruppe von Frauen eine Menge Klischees. Zum Beispiel, dass sie alle todunglücklich sind, weil sie entweder keine Familie haben, nur ihre Familie haben und sonst nichts mehr oder den „Spagat“ zwischen Kind und Karriere nicht schaffen und deshalb vor Erschöpfung bald sterben. Sie wissen, was ich meine. Jean kämpft mit keinem dieser Themen. Es gibt bei ihr eine bestimmte Lust an Verstrickungen, Lügen und Geheimnissen.

          Die schönste Irritation an Jean ist, dass sie nicht aus Gemeinheit lügt oder um anderen zu schaden. Das wäre irgendwann sehr langweilig oder hätte bald einen Soap-Opera-Effekt. Wie würden Sie Jeans Art der Lüge beschreiben?

          Sie will niemandem etwas Böses, und sie ist auch selbst kein schlechter Mensch. Oft ist sie ja geradezu überemphatisch, mit ihrem Mann, ihrer Tochter, ihren Patienten. Ich glaube, sie lügt, um sich selbst wieder näherzukommen, um Situationen zu erzeugen, die im Drama enden könnten, wenn sie auffliegen. Das erzeugt eine hohen Adrenalinausstoß.

          Jeans wichtigstes Instrument ist dabei ihr Smartphone, das Telefon hat eine eigene Rolle in der Serie.

          Ja, denn es hilft uns dabei, Doppelleben zu führen. Das gilt für Männer wie Frauen.

          Es gibt ein paar Kritiken, die sagen, „Gypsy“ zeigt, wie ein Midlife-Crisis bei Frauen aussehen könnte ...

          Lassen Sie mich raten, das hat sicher die britische Presse und ganz sicher ein Mann geschrieben. Ich finde, so kann man die Serie auf keinen Fall betrachten. Jean kauft sich keinen Porsche oder nimmt zwanzig Kilo ab als Folge einer Midlife-Crisis. Ihr Leben ist gut, sogar perfekt, es funktioniert, und sie will da nicht raus. Sie hat einen tollen Mann, ein Haus im Grünen und eine aufgeweckte Tochter namens Dolly.

           ... die aber auf eine Art das aufgewühlte Innenleben ihrer Mutter widerspiegelt, in der Schule als Junge gelten will, öfter mal ausrastet und kurz vor der Ritalinbehandlung steht. Sieht man den wahren Konflikt von Frauen viel mehr an ihren Kindern als an ihnen selbst?

          Das ist möglich. Aber Jeans große Veränderung beginnt, als sie Sidney trifft, eine junge Barista, die sie an sich selbst in einer früheren Version erinnert. Sie schläft mit Sidney, aber beginnt eine Affäre mit sich selbst, wenn Sie so wollen. Sie will sich erinnern, welche Art Sex sie hatte, wie sie damals mit Alkohol und Drogen umging. Auf diese Art sucht sie nach Transformation im Jetzt.

          Also erzählt „Gypsy“ doch von einer Midlife-Crisis?

          Im Gegenteil. Jean kommt ihrem Kern wieder näher, obwohl ihre Aktivitäten von außen nach Zerstörung aussehen, wird sie als Frau wieder authentischer. Selbst ihr Mann sehnt sich letztendlich mehr nach der komplizierteren Sphinx in ihr als nach einer perfekten, keksebackenden, aber medikamentensüchtigen Hausfrau und Mutter, wie sie in Jeans Umfeld und Nachbarschaft häufig auftaucht.

          In Ihrem Leben gab es eine Menge Transformationen. Sie waren ein Star in der Kunstwelt, Sie haben zwei große Krebserkrankungen überlebt, Sie haben die Kunstwelt verlassen, um Filme in Hollywood zu drehen, Sie haben eine Scheidung hinter sich und vier Kinder. Ist Transformation Ihr eigentliches Thema?

          Ich habe oft auf Einladungen gewartet, statt mich selbst aktiv in Veränderungen zu stürzen. Ich wollte in die Filmwelt eingeladen werden. Aber erst als ich aus der Kunstwelt über Nacht ausgestiegen bin, kam die Einladung in die Filmwelt, und zwar in Gestalt von Anthony Minghella, der mir sagte: „Sam, du bist Filmemacherin. Mach das.“ Auf so was habe ich gewartet. Ich habe dieses blinde Vertrauen, ich glaube, ich kann alles, was ich mir vornehme, und dann stimmt das natürlich nicht. Ich scheitere, bleibe stecken, eben das ganze Programm. Mein Trick aber ist, ich probiere Dinge in einer Umgebung aus, in der ich nach Hilfe fragen kann.

          Das wäre derzeit Hollywood, wo Sie nach Hilfe fragen können ...

          Ja, das gibt es hier. Ich war immer ein guter Kollaborateur, und ich halte Kollaboration für eine gute Art, Dinge voranzutreiben.

          In Hollywood kollaboriert man ja auch gern mit seinem Therapeuten, aber was macht man, wenn es jemand ist wie Jean, die am Ende schlimmer dran ist als ihre Klienten?

          Dann ist es genau der Stoff für eine Show wie „Gypsy“, obwohl es doch so viele Momente gibt, die sich nicht wie eine Show anfühlen. Sondern wie die Phantasien, die wir mit uns herumschleppen.

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