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„Salam - Rest in Peace“ im ZDF : Wie man die Leute unter die Erde bringt

  • -Aktualisiert am

Die Geschäftsübergabe der Boulasmoums verläuft chaotisch. Bild: ZDF/Lumiere

Gestorben wird immer, aber wo findet man seine letzte Ruhe? In der ausgefeilten Culture-Clash-Komödie „Salam“ handelt eine Familie nach einem besonderen Geschäftsprinzip.

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          Geschäftsübergaben sind mit Risiken verbunden, vor allem wenn es sich um delikate Dienstleistungen handelt. Wie beim eta­blierten Brüsseler Familienunternehmen Assurances Omar, das im Stadtteil Molenbeek pietätvolle Rückführungen nach Marokko anbietet. Das Angebot: traditionelle Bestattungen in Heimaterde all-inclusive und komplett sorgenfrei. Für die Angehörigen, versteht sich. Das Geschäft läuft gut, gestorben wird schließlich immer, Bestattung in Brüsseler Gräbern ist ein No-Go für pflichtbewusste Muslime. Als aber Omar Boulasmoum (Ben Hamidou), Seniorchef, nach Mekka aufbricht und nicht nur seinen langjährigen Mitarbeitern, der patenten Tochter Nadia (Ahlaam Te­ghadouini) und dem sensiblen „Drama Queen“-Schwiegersohn Rachid (Saïd Boumazoughe) den Laden vermacht, sondern auch seinem nichtsnutzigen Sohn Ismael (Yassine Quaich), nehmen absurde Verwicklungen, nimmt das Chaos seinen Lauf.

          Die sehenswerte belgisch-marokkanisch-deutsche Krimikomödie „Salam – Rest in Peace“ ist dabei freilich weder nur situationskomisch grotesk, noch zeigt sie bloß die Umtriebe eines jungen Tunichtguts, der stets das Gute will und meistens in der Bredouille landet. Das acht Folgen lang erforschte Spannungsfeld bilden unhinterfragte Tradition versus persönliche Gefühle der Hinterbliebenen. Kulturelle Überlieferung im Clash mit veränderten Lebensumständen prägen die Dramaturgie und Dialoge von „Salam“ (Bücher von Zouzou Ben Chikha, Wannes Cappelle, Dries Heyneman, Tom Dupont und Lars Damoi­seaux nach einer Idee von Zouzou und Chokri Ben Chikha, Regie Adil El Arbi und Bilall Fallah, Kamera Maximiliaan Dierickx). Jede Folge beginnt mit der filmischen Kurzfassung eines plötzlichen Todesfalls – rückwärts abgespielt.

          Eitel ist alles Streben

          Da ist die Muslima, die beim Verkehrsunfall stirbt, weil sie sich im Auto nach dem Handy gebückt hat. Gerade noch hat sie als Pflegerin einen inkontinenten Greis gesäubert und leicht angewidert geäußert, „niemals alt werden zu wollen“. Was prompt in Erfüllung gegangen ist. Oder der berühmte muslimische Fußballspieler, genannt „der Akrobat“, eben in der Pressekonferenz des neuen Vereins unter großem Medienhallo vorgestellt, der sich beim Rasentraining vor der Presse unerwartet das Genick bricht. Ein Knacks und aus.

          Eitel ist alles Streben. Assurances Omar steht zu Diensten. Seit Neuestem auch mit Youtube-Video, in dem Ismael, genannt „Smile“, unterstützt vom Kumpel und Mitbewohner JB (Ward Kerremans), die brillanteste Geschäftsidee seit seiner gefloppten Pizzaschere anpreist. Mit Religion hat Smile nämlich genauso wenig am Hut wie mit gespielter Pietät. Seine eigene Mutter liegt seit Jahren in Tanger begraben, und er vermisst sie schrecklich.

          Wer will schon seine Liebsten, tot oder nicht, dreitausend Kilometer entfernt wissen? Smiles „Geniestreich“: kein Toten-Export mehr, sondern Import marokkanischer Erde. Zack, bäm, Beerdigung in Brüssel, aber in heimatlicher Scholle. Viraler Hass folgt auf dem Fuß. Nebenan zieht ein merkwürdiger Konvertit ein, dessen Bewährungshelferin sich sorgt. Brahim (Tom Vermeir) beginnt in Absprache mit dem Imam (Mourade Zeguendi) bei Assurances Omar auszuhelfen, obwohl er viel lieber zum Hocharabischkurs nach Ägypten reisen würde. Die WG von Smile und JB bekommt ungebetenen weiblichen Zuwachs. Ihr Vermieter Mario (Dries Heyneman), Betreiber eines dubiosen Fitnessstudios, lebt unter dem Pantoffel der gerätegestählten Vanessa (Emilie De Roo), einer schnöden Erpresserin. Leichen kommen abhanden und werden unter seltsamen Umständen wieder besorgt. Das Verteilen von Bestattungs-Flyern an Patienten in der geriatrischen Abteilung des Krankenhauses („optimierte Zielgruppenansprache“) zeitigt suboptimale Resultate. Vor allem aber ist die Beschaffung der geeigneten Erde keinesfalls so einfach wie gedacht.

          „Salam“ funktioniert, wie vielschichtiger Humor meistens, durch Tabubrüche und Stereotypenspiel. Fragen des gelungenen Lebens und des guten Todes sind die Grundlagen, auf denen sich die gesammelten Vorurteile dieser „Culture Clash“-Komödie fröhlich herumschubsen. Smiles Naivität ist auch Zeichen seiner und seiner Freunde Offenheit. Ihr Streben heißt „Bling Bling“, ihre Vorbilder sind stinkreiche Rapper. Zeiten ändern sich. Der Brüsseler Stadtteil Molenbeek, einst als Synonym für islamischen Terrorismus gebraucht und in zahllosen Reportagen als Beispiel für das Scheitern von Integration vorgeführt, ist hier entschieden vielfältig. Über die Absichten Brahims, des Konvertiten, bleibt man lange im Unklaren. Könnte er Terrorist sein? „Salam“ balanciert solche wohlfeilen Verdächtigungen und realitätsnahen Kitzligkeiten in einer entschieden freiheitlich lebensbejahenden Atmosphäre mühelos. Familie wird hochgehalten. Das Leben ist zu kurz für die Pflege von Ressentiments.

          Salam – Rest in Peace steht in der ZDF-Mediathek. Bei ZDFneo laufen alle Folgen am 20. August von 21.55 Uhr an.

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