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RTL-Serie „SS-GB“ : Papa, arbeitest du für die Gestapo?

Unterwegs in der alternativen Vergangenheit: Sam Riley spielt den Detective Douglas Archer. Bild: Foto: RTL Crime

Was wäre, wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte? RTL Crime zeigt die Serie „SS-GB“. Sie spielt den imaginierten Sieg des NS-Regimes in Großbritannien durch. Das fand das englische Publikum zunächst faszinierend, dann weniger.

          Die Programmgestalter haben sich einen hübschen Gag erlaubt: Auf den Tag genau sechsundsiebzig Jahre nach dem Handlungsbeginn von „SS-GB“ startet beim Sender RTL Crime die fünfteilige BBC-Serie nach dem gleichnamigen Thriller von Len Deighton, der sich vorstellt, dass Hitler die Luftschlacht über England gewonnen hat.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Wir schreiben den 14. November 1941. Südengland steht seit vierzehn Monaten unter deutscher Besetzung. Premierminister Winston Churchill ist hingerichtet worden, der König befindet sich in Gefangenschaft, seine Töchter konnten fliehen. Scharlachrote Banner mit dem Hakenkreuz prangen an Londons ikonischen Gebäuden. Kriminalkommissar Douglas Archer und sein verlebter schottischer Untergebener Harry haben einen Mordfall zu lösen. Den Kragen hochgeschlagen, die Krempe des Hutes heruntergezogen wie in einer Karikatur des Film noir, bildet sich Sam Rileys Archer zwischen tiefen Zügen an der Zigarette und großzügigen Whiskyschlucken ein, seine Arbeit frei von jeder politischen Verstrickung mit den neuen Machthabern fortführen zu können. Diese Vorstellung erweist sich freilich bald als Illusion. Die neuen Machthaber zeigen sich an seinen Ermittlungen über den Tod eines vermeintlichen Schwarzhändlers aufs höchste interessiert.

          Im Zentrum der kontrafaktischen Phantasie „SS-GB“, von der die Produzenten meinen, dass sie im Lichte der postfaktischen politischen Aktualität von Relevanz sei, steht das moralische Dilemma zwischen Kollaboration und Widerstand, Prinzipientreue und Pflichterfüllung. Wie weit ist die Arbeit im Dienst der Diktatur mit dem Gewissen zu vereinbaren? Vor diesem Zwiespalt steht Douglas Archer. Sein kleiner Sohn Douggie bringt es auf den Punkt mit der arglosen Frage: „Papa, arbeitest du für die Gestapo?“ Der Vater versucht dem Jungen und seinem Schulfreund Bobby zu erklären, dass die Deutschen eines Tages weg sein würden und dann alles wieder beim Alten sei. Unterdessen sei es wichtig weiterzumachen. „Wenn wir zulassen, dass die Dinge jetzt auseinanderfallen, weil die hier sind, wird es schwierig oder unmöglich sein, dahin zurückzugehen, wie es einmal gewesen ist. Das Gesetz ist alles, was wir haben und – ganz ehrlich“, fährt Archer fort, „das bin ich.“

          Vertreter der Besatzungsmacht: Oskar Huth (Lars Eidinger).

          Womit der gute Detektiv das klassische Argument vorträgt, mit dem sich deutsche Beamte nach dem Krieg aus der Verantwortung für die Untaten des Hitler-Regimes herauszureden suchten. Die Spannung in „SS-GB“ wird nicht zuletzt dadurch erzeugt, dass unklar bleibt, ob die Sympathien des aufgrund seines neusprachlichen Studiums in Oxford fließend Deutsch sprechenden Archer beim englischen Widerstand liegen. Sicher ist, dass er es sich nicht leisten kann, seinen Beruf aufs Spiel zu setzen. Seine Frau ist bei einem Bombenangriff getötet wurden. Der Witwer muss seinen Sohn versorgen.

          Nazi-Stoffe sorgen in England für hohe Quoten, nicht zuletzt weil sie die Erinnerung wachhalten an Englands größte Stunde. Deswegen ist es nicht frei von Ironie, dass mit Philipp Kadelbach ausgerechnet ein Deutscher Regie führt. Die Produzenten haben nicht gegeizt. Neben dem Engagement namhafter Schauspieler wie Sam Riley und Kate Bosworth in der Rolle der rätselhaften „New York Times“-Reporterin Barbara Barga, die offensichtlich weit mehr weiß, als sie zunächst preisgibt, wurde auch ausgiebig recherchiert, wie London 1941 womöglich ausgesehen hätte nach einer deutschen Eroberung. Die Stadt wird atmosphärisch beschworen in Sepiatönen, wie in den Farbfilmen aus jener Zeit. Die Dreharbeiten fanden weitgehend an Originalschauplätzen statt, mit der Folge, dass die Darsteller in den Pausen ihre deutschen Uniformen in Ponchos hüllten, um nicht unangenehm aufzufallen. Das Bemühen um Authentizität spiegelt sich auch in der Besetzung. Statt englischer Darsteller, die Gefahr laufen könnten ihre Dialoge mit komischem Akzent aufzusagen, wie in einer Monty-Python-Posse, verkörpern mit Lars Eidinger, Rainer Bock und Hans Hesse Deutsche die Herrscher des Reviers.

          In Großbritannien fand die Serie gemischte Aufnahme. Am Anfang wurden mehr als acht Millionen Zuschauer registriert. Bei der letzten Folge war die Zahl um fünf Millionen geschrumpft. Neben den bei historischen Verfilmungen üblichen Pedanten, die beispielsweise nörgelten, dass ein falsches Spitfire-Modell verwendet worden sei, wurde über das unverständliche Murmeln der Schauspieler geklagt. Der Fernsehkritiker Clive James frotzelte, dass Leightons 1968 veröffentlichtes Buch sich gut gehalten habe, im Wesentlichen, weil die Deutschen sowieso alle paar Jahrzehnte versuchten, Großbritannien zu beherrschen. Und der Publizist Dominic Sandbrook entwarf die satirische Dystopie einer bis heute von der Hitler-Diktatur beherrschten Welt, in der englische Schulkinder Goethe und Schiller lesen und die „Last Night of the Proms“ stets mit Wagner endet.

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