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„Rick and Morty“ bei TNT : Wie die Gurke wieder Mensch wurde

Bilder aus einer Dimension, in der Robert Habeck nicht Politiker geworden ist: Pickle Rick aus „Rick and Morty“. Bild: Cartoon Network

Eine Serie wie ein unaufgeräumtes Kinderzimmer aus der Hölle mit Anschluss ans Universum: Die vierte Staffel von „Rick and Morty“ ist mehr als ein bloßes Popkultur-Referenz-Gewitter. Die Autoren leisten Großes.

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          Nehmen wir an, ein Kind oder ein unaufmerksamer oder betrunkener Erwachsener befüllen bei einem dieser Geräte, mit denen man Leitungswasser mit Kohlensäure versetzt, die Wasserflasche mit Cola-Sirup, bevor die Kohlensäure hinzugefügt wird (bitte nicht zu Hause nachmachen!). Und nehmen wir an, das Kind sei eine Art außerirdischer Homunkulus, der Trinkwassersprudler eine interdimensional- und Zeitreisepistole und der Cola-Sirup ein seltener Kristall, der einem zeigt, wann man stirbt. Und wenn das Kind/der Homunkulus nun gefragt würde, warum er das getan hat, dann dürfte der Versuch einer Erklärung vermutlich jenem ähneln, die Trickfilm-Serie „Rick and Morty“ zu erläutern, deren vierte Staffel jüngst bei TNT angelaufen ist. Wir wollen es trotzdem oder – im Geiste dieser Universalserie – eben deshalb probieren.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Rick Sanchez ist ein unfassbar schlauer, alter, weißer Mann mit gottgleichen (durch Geist und Wissenschaft errungenen) Kräften und einem Verdauungsproblem. Zusammen mit seinem Enkel Morty Smith erlebt er Abenteuer, die kein Kind jemals erleben sollte. Daraus bezieht die Serie einen Großteil ihres nicht (nur) von dieser Welt stammenden Humors.

          Das einzige, das ihm gefährlich werden kann, ist er selbst

          Ricks vom graublauen Haarkranz eingefasste Halbglatze und sein Laborkittel kennzeichnen ihn zuverlässig als verrückten Wissenschaftler. Er hat ein Alkoholproblem und das einzige, das ihm gefährlich werden kann, ist er selbst. Statt eines parasprachlichen „Äähs“ oder Räusperns stößt Rick kontinuierlich auf, während er spricht. Die Linguistin Brooke Kidner von der University of Southern California will 209 Rülpser in den ersten drei Staffeln der Serie gezählt haben, die Justin Roiland (neben Dan Hermon einer der beiden Erfinder der Show, der sowohl Rick als auch Morty spricht) laut „Vice“ dank kalorienarmem oder normalem Bier und einer Flasche Wasser produziert. Nach Kidners Ansicht hat das Aufstoßen beim Sprechvorgang unter anderem die parasprachliche Funktion eines emotionale Zustimmung signalisierenden „hmms“. Doch das ist nur Bedeutungsgarnitur, wir schweifen ab.

          Worin liegt die Genialität dieses Mannes, der nicht durch das Internet so gerissen und mächtig wurde, sondern durch eine Skrupellosigkeit, die selbst vor der eigenen Tochter Beth (Mortys Mutter) nicht haltmacht? Zum einen sicherlich darin, dass er, wenn er sich zum Beispiel wie in Staffel 3 in eine Gurke verwandelt hat („Pickle Rick“ – einfach, weil er es kann) mit Sicherheit einen Weg findet, die Sache rückgängig zu machen. In diesem speziellen Fall auf unappetitliche, aber sehr unterhaltsame Weise mit Hilfe via Fangbiss erledigter Kakerlaken und Ratten und einer blutigen, aber einzigartig dichten Hommage-Collage aus Actionfilmen von „Iron Man“ bis „John Wick“.

          Doch die originelle Menschwerdung der Gurke zeigt schon – auch darin liegt der Zauber dieser Serie –, dass „Rick and Morty“ mehr ist als ein bloßes Popkultur-Referenz-Gewitter. Die Autoren leisten Großes. Oder hätten Sie gewusst, wie sich die klügste Gurke des Universums wieder zurück in einen Menschen verwandeln soll? Zwar ist weder bewiesen noch übermäßig wahrscheinlich, das William Shakespeares in Zahlenwerte codierte Werke in den Nachkommastellen von Pi enthalten sind – bei „Rick and Morty“ aber darf man annehmen, dass die Serie bildliche Echos von allem enthält, was schon einmal auf einer Höhlen-, einer Leinwand oder einem Bildschirm aufgetaucht ist. Und was kann die Serie ihren Zuschauern – zumal in der vierten Auflage – nun mitgeben? Natürlich auch nur das, was das Fernsehen seinen Schülern schlussendlich immer mitgeben wollte – und worin das korrumpierte Internet mit seinen illusionären Freiheitsversprechen zunehmend versagt: Trink nicht beim Autofahren, achte Mutter, Vater und Großvater, kümmere dich um dein Haustier und lass die Finger von der Zeitreisemaschine, verdammt nochmal!

          Die ersten fünf Episoden der 4. Staffel „Rick and Morty“, mittwochs um 22.40 Uhr bei TNT-Comedy.

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