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Schauspielerin Christina Hecke : Aus den Trümmern

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Christina Hecke in „In Wahrheit“ Bild: ZDF und Manuela Meyer

Vor zehn Jahren wäre Christina Hecke fast bei einem Unfall gestorben. Diese Erfahrung prägt ihr Spiel bis heute. Das sieht man auch in der neuen ZDF-Serie „In Wahrheit“.

          Der Glanz der Fernsehbranche scheint an diesem Saarbrücker Oktobertag ein uneinlösbares Versprechen zu sein. Nasskalte Witterung hat längst über dünne Kleidung triumphiert, auf einem Parkplatz des Pingusson-Baus – als einstige französische Botschaft altersschwaches Erbe des kurzlebigen Saarstaats – drängt sich der Produktionsfuhrpark, während das Gebäude gehetzte Menschen in Richtung des hier noch irgendwie hineingequetschten Caterers ausspuckt. Christina Hecke lässt sich die triste Umgebung nicht anmerken. Inmitten der tyrannischen Nachkriegsmoderne isst die 38-jährige Hauptdarstellerin der neuen ZDF-Reihe „In Wahrheit“ zu Mittag. Viel Zeit hat sie nicht: Der Drehplan ist durcheinandergeraten, und die Maske wartet, um sie wieder in Kriminalhauptkommissarin Judith Mohn zu verwandeln.

          An der Saar wird die zweite Folge des Formats gedreht, der Sender verspricht sich viel von Konzept und Besetzung: Der Realität entliehene, nur minimal verfremdete Fälle werden von Ermittlern gelöst, die sich von den Kommissar-Klonen einschlägiger Konkurrenzangebote abheben sollen. Da ist viel Anspruch und noch mehr Fallhöhe dabei. Dass Arte die Vorausstrahlung der Debütfolge „Mord am Engelsgraben“ im Juni die vierthöchste Primetime-Quote einbrachte, die jemals für den deutsch-französischen Kultursender gemessen wurde, ist beim ZDF deshalb mit einer Mischung aus Erleichterung und Genugtuung registriert worden.

          Falls „In Wahrheit“ tatsächlich ein Erfolg wird, dann wahrscheinlich nicht dank dramaturgischer oder inszenatorischer Raffinesse, sondern wegen Hecke. Sie entzieht sich jeder Schublade, ist ein natürliches Mysterium, klar und tief und zu allem bereit, auch zum Schlimmsten, zur Katastrophe. Eine existentialistische, archaische Schwere prägt ihr Spiel. Das ist selbst in einem auf den Massengeschmack zielenden Format zu erkennen: Den privaten und beruflichen Krisen ihrer Judith Mohn verleiht sie tragische Beiläufigkeit, eine Nonchalance des Erduldens. Stets wandelt sie am Rande des Absturzes mit einer spröden Grazie, in der diese Gefahr sich kristallisiert und zum Wesensmerkmal der Schönheit wird.

          Das kann keine Schauspielschule lehren, sondern nur das Leben. „In diesem Beruf ist es eine Kunst, weich zu bleiben. Ich musste Umwege gehen, um mich zu finden, das hilft dabei“, sagt sie zwischen zwei Bissen, bevor sie im Halbdunkel des Pingusson-Hauses verschwindet. Eine halbe Stunde später zeigt sich am Set, was damit gemeint ist: Der große Saal ist zum Polizeipräsidium geworden, und Regisseur Matthias Tiefenbacher feilt akribisch am Film, lässt selbst eine minder wichtige Szene ein halbes Dutzend Mal drehen. Inmitten der hektischen Betriebsamkeit versenkt sich Hecke immer wieder in sich selbst, um dann im nächsten Augenblick aufzutauchen und mit funkelnder Präzision zu spielen.

          Künstliches Koma – neun Tage lang

          Am Wochenende darauf hat sich Erschöpfung in ihre Züge gegraben. An den beiden Tagen zuvor dauerten die Dreharbeiten jeweils knapp 16 Stunden, an der gesamten Crew nagt die toxische Kombination aus zu viel Stress und zu wenig Schlaf. Hecke sitzt im Restaurant ihres Hotels in Saarlouis, wärmt ihre Hände an einer Teetasse und erzählt, wie aus einer im Rhein-Main-Gebiet aufgewachsenen Tochter eines Bankiers und einer Hausfrau eine sich früher selbst verzehrende Schauspielerin wurde.

          Sie bilden ein Team: Judith Mohn (Christina Hecke) und Freddy Brecker (Robin Sondermann).

          Schon mit 17 Jahren trieb sie der Wunsch nach Unabhängigkeit in die eigene Wohnung, sie begann ein Jurastudium, an der Frankfurter Goethe-Universität – nicht ohne Interesse – und entschloss sich im achten Semester trotzdem, Schauspielerin zu werden, spontan, während der Zugfahrt zur Uni. Weil sie zu alt für die Annahme an einer staatlichen Schule war, ließ sie sich privat ausbilden, bekam ein Anfängerengagement am Bamberger Stadttheater. Und stürzte sich mit der Konvertiten eigenen Unbedingtheit jahrelang in den Moment, entzog sich privat wie beruflich keinen Ausschweifungen, die für sie vor allem Abschweifungen waren. Sie selbst spricht von Zentrifugalkräften, die sie immer weiter vom Kern, vom eigenen Zentrum entfernt hätten.

          Der Beginn ihrer Katharsis lässt sich präzise terminieren: Samstag, 8. Dezember 2007. Auf der Autobahn 81 wurde sie bei Heilbronn von einem plötzlich einscherenden Fahrzeug geschnitten, verlor die Kontrolle, streifte erst die Leitplanke und wurde dann von der Böschung in die Luft katapultiert. Nach exakt 70 Metern landete ihr zerstörtes Auto auf dem Dach und sie schwerverletzt in einem anderen Leben. Die Ärzte versetzten sie in ein neuntägiges, künstliche Koma. Danach waren alte Gewissheiten neuen Einsichten gewichen. Und einem Imperativ: Ich muss mein Leben ändern.

          Kochen ist Autarkie

          Dem gehorchte sie mit calvinistischer Strenge. Heute verlässt sie sinnentleerte Empfänge, die sie in ihrem ersten Leben bis in den frühen Morgen besuchte, nach wenigen Stunden, steht dafür im Sommer wie im Winter gegen 4.30 Uhr auf: „Es ist die Stille des aufziehenden Tages, von der ich nicht genug bekomme“, sagt Hecke. Dreht sie länger an einem Ort, sucht sie sich eine Ferienwohnung, um selbst kochen zu können. „Wenn man eine Hauptrolle spielt, ist man nur fremdbestimmt. Kochen ist Autarkie, wie im eigenen Bett schlafen.“ Und sie erwartet zuerst eines: Ehrlichkeit. „Wir begegnen uns ständig in Projektionen. Die Bereitschaft, unbequem zu sein, nimmt ab. Mich zieht Bewusstheit an, mit allem anderen kann ich wenig anfangen.“

          Soll von einem seiner früheren Fälle erzählen: Markus Zerner (Rudolph Kowalski).

          Das Destillat ihrer Erfahrungen schaffte auch eine Sensibilität für erdschwere Charaktere. Wie in Urs Eggers Burn-out-Drama „Brief an mein Leben“, in dem sie die Lebens- und Leidensgefährtin der Hauptfigur war. In den Szenen mit ihr verschob sich das Sujet, der Film wurde zum Objekt einer freundlichen Übernahme. Auf ihrem Gesicht waren Unnahbarkeit, Stolz, Ernst, Eigensinn, Einsamkeit – alles Ausdruck, in jedem Muskel ein Sinn, kein Wort ohne Glut.

          „Wir müssen reden.“

          Unterschätzen sollte man sie nicht. Irgendwo in grundsanftem Naturell lauert eine Renitenz der Reserve, bereit zum Ausbruch, wenn Hecke etwas wichtig ist. Das musste auch das ZDF erfahren: Als dort eine Renaissance der Serie „Ein Fall für zwei“ geplant wurde – dem Dauerläufer, der mindestens genauso in die Jahre gekommen ist wie die Frisur von Claus Theo Gärtner alias Josef Matula –, war sie für die Rolle der Staatsanwältin Connie Leinfelder vorgesehen. Monatelang beteiligte sich Hecke an der Konzeption der Figur, um dann festzustellen, dass Absprachen nicht mehr gelten, wenn Autoren sich einem tradierten Frauenbild verschrieben haben: Connie Leinfelder, die Selbstbewusste, war in den Drehbüchern degeneriert zu Connie Leinfelder, dem Accessoire mit Blümchen-Handtasche.

          Bevor die Spirale wieder zur Drehung in die falsche, nach außen führende Richtung ansetzte, sandte sie trotz Warnungen ihres Umfelds eine E-Mail an Produktionsfirma und Sender. Es täte ihr leid, aber das sei eigentlich alles anders vereinbart worden, ob man sie im Sinne des Projekts nicht besser durch eine Kollegin ersetzen wolle, sie habe zwar kein Ersatz-Engagement, trete aber gerne zurück. Nach wenigen Tage meldete sich bei ihr Reinhold Elschot, stellvertretender ZDF-Programmdirektor: „Wir müssen reden.“ Beide trafen sich nicht auf dem Lerchenberg, sondern auf neutralem Mainzer Territorium und sprachen lange miteinander. „Offenbar hat sich dabei schnell gezeigt, dass ich keine Hysterikern auf der Suche nach Aufmerksamkeit bin, sondern dass es mir um die Sache geht“, sagt sie, und ein wenig von der Entschlossenheit, die sie damals gezeigt haben muss, hat sich plötzlich in Stimme und Gestik geschlichen.

          Erste Hilfe: Judith Mohn (Christina Hecke) kümmert sich um Emma Roux (Lisa Hofer).

          Das Resultat dieses Gipfeltreffens besonderer Art dürfte Seltenheitswert besitzen: Sie schrieb alle Szenen mit ihrer Figur um, und Connie Leinfelder entstieg phönixhaft einem Trümmerhaufen zerschlagener Klischees. Nach der ersten Staffel schied Hecke aus, aber die Sensation ihrer Neuerfindung minderte das nicht: Mit Antoine Monots Strafverteidiger trieb diese Staatsanwältin ein Wechselspiel aus erotischer Verheißung und spöttischer Ablehnung, eine Schauplätze zersprengende Schlachtendichtung der Geschlechter. Die Garbo habe Unschuld verkörpern können, hat der britische Kritikerpapst Kenneth Tynan einmal geschrieben, und die Dietrich Amoralität. Hecke kann beides. Wenn es sein muss, in einer Szene, einer Einstellung, einer Sekunde.

          Geschadet hat ihr diese Widerständigkeit nicht. Sie ist gefragt, ihre Qualitäten haben sich herumgesprochen. Im Sommer drehte sie für das ZDF in Namibia, und nur vier Tage, bevor sie für „In Wahrheit“ ins Saarland reiste, kam sie aus Frankreich zurück, wo sie für eine Folge der ARD-Serie „Kommissar Dupin“ vor der Kamera stand. In diesem Jahr, hat sie kürzlich ausgerechnet, war sie beinahe sechs Monate nicht in ihrer Wohnung in Prenzlauer Berg.

          Heckes Charaktere entstehen – ähnlich dem Aufbau chemischer Verbindungen durch Einwirkung von Tageslicht – aus sich selbst heraus. Buch und Regisseur sind nur Ausgangspunkte einer Reise in unbekannte Gewässer, der kein fremder Stilwillen den Kurs weist. Getrieben, gemäßigt, zum Wort dressiert, zur Gestik kommandiert: die aus Höhen entstehenden Abgründe einer Darstellerseele kennt sie, hat sie aber hinter sich gelassen. „Mein Vater meinte einmal zu mir: Du bist vom ersten Tag an eine Grenzgängerin gewesen“, sagt sie. Da kennt jemand seine Tochter. Christina Hecke ist kein kläglicher Märtyrer des Fernsehens, sondern: Wunder und Wunde.

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