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„Polizeiruf“ aus München : Die Verlorenen

  • -Aktualisiert am

Er ist bedient: Hauptkommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) muss sich im jüngsten Fall mit einer Bande von Neonazis herumschlagen. Bild: BR

Jan Bonnys „Polizeiruf: Das Gespenst der Freiheit“, der vorletzte Fall mit Matthias Brandt, handelt vom Horror einer Gesellschaft ohne Empathie. Das ist großes Fernsehen.

          3 Min.

          Wie müde muss er sein, dieser Gentleman unter den Ermittlern, ein Adliger ohne Land, der seine Autorität ohne den üblichen erzählerischen Ballast allein aus seiner Würde gewinnt. Über die Jahre scheint er immer melancholischer geworden zu sein angesichts der Verderbtheit der Gesellschaft, die ihrer Gier und Dummheit die Wehrlosesten opfert. Allzu oft hat er sich der endlosen Orgie aus Schuld und Rache in den Weg gestellt, ein preußischer Urkonservativer als letztes Aufgebot des Anstands in Bayern. „Herr Meuffels, wollen Sie damit auf ewig weitermachen?“, lautet denn auch die Abschlussfrage in der aktuellen Episode. Dabei wissen wir längst von seiner Selbstdemission. Der furiose Matthias Brandt wird im Winter seine „Polizeiruf“-Abschiedsvorstellung geben. Und so schade dieser Abgang ist, fühlt es sich aus der Logik der Figur heraus richtig an. Eines aber wollen wir klarstellen: Es heißt „Herr von Meuffels“, bitte schön! Niemand hat diesen Ehrerweis so sehr verdient wie der Kommissar mit Faible für edle, schöne Schuhe (das er übrigens mit dem Schauspieler teilt).

          Hier sitzt er also und hört sich die Aussage des Opfers einer in letzter Sekunde verhinderten Vergewaltigung an. Der Täter in der Bahnhofsunterführung war ein syrischer Flüchtling. Vier Männer sind der Frau zu Hilfe geeilt, haben allerdings so heftig zugeschlagen, dass der Syrer, das Gehirn im Blut schwimmend, kurz darauf gestorben ist. Nur kurz währt das Erstaunen darüber, dass sich der „Polizeiruf“ tatsächlich auf dieses verminte Gelände traut und mit Uneindeutigkeiten polarisieren könnte. Schnell nämlich erweist sich die Aussagende, „Glupschi“ genannt (Ricarda Seifried), als Teil einer Clique von stumpfen Rechtsradikalen, die sich regelmäßig in einer billigen Flachbaukneipe volllaufen lassen und dann auf alles Fremde einprügeln. Sogar ein gebildeter Halbiraner namens Farim (Jasper Engelhardt) gehört zur Gruppe. Morde sind eine neue Qualität, aber eine, auf deren Geschmack man gerade kommt. Es ist also mehr ein NSU- als ein Ereignis von Köln-„Polizeiruf“.

          Handschrift: Bonny setzt auf grobkörnige Realität

          Jan Bonny zählt zu den Regisseuren mit sofort erkennbarer Handschrift. Er lässt seine Figuren oft in dunklen Ecken agieren, setzt auf grobkörnige Realität voller Lärm und blickversperrendem Gewusel, fürchtet weder schmutzige Erotik noch Gewalt aus nächster Nähe. Und doch besitzt diese Härte bei ihm eine wächserne Zartheit, erweist sich oft als geschmolzene Liebe. Bereits der Vorspann, ein verwackelter, haltloser Blick in den Himmel aus dem nächtlichen Großstadtverkehr heraus (betörende Kamera: Nikolai von Graevenitz), ist so authentisch wie verträumt. Die bald folgende Fensterperspektive auf die erleuchtete triste Straße hinunter ist fast eine visuelle Reminiszenz an Jan Bonnys für den WDR leider zu mutigen Pilotfilm „Über Barbarossaplatz“ (2016).

          Nicht ganz überzeugen kann indes das Buch, das es im vollen Sinne gar nicht gibt; es findet sich nur die Angabe „nach einer Idee von Günter Schütter“ (also des Erfinders der Figur Hanns von Meuffels). Auf artifizielle Raffinesse wird zwar bewusst verzichtet, aber einige Stereotype weniger in Bezug auf die tourettehaft „Sieg Heil“ brüllende, am liebsten „Rumänenficker“ klatschende Jungnazibande, die hartnäckig „Asylanten“ sagenden rechten Polizisten oder den eine Spur zu maliziös lächelnd seine Überlegenheit ausspielenden Verfassungsschützer wäre in diesem Fall mehr gewesen. Auch Farims Anbiederung an diese Rechten wirkt unglaubwürdig. Aber vielleicht ist das so bei den Tauchgängen in die Wirklichkeit, die sich ja auch nicht darum schert, ob man ihre Banalität für zu klischeehaft hält.

          Von einer abgeglittenen Jugend, die ins Empathielose flüchtet, wurde schon oft erzählt. Seine bestechende Spannung gewinnt der Film daher auf jener zweiten Ebene, auf der von Meuffels gegen ein ebenso kaltes, nicht auf Besserung abstellendes System der Überwachung anrennt. Hier hat Bonny einen Goldgriff getan und dem Ausnahmeschauspieler Brandt einen Gegner gleichen Kalibers kontrastiert: Joachim Król, der nicht zuletzt in „Über Barbarossaplatz“ durch sein kompromissloses Schauspiel überzeugte, hebt den Verfassungsschützer Peter Röhl in den Rang eines gewissenlosen Mephisto.

          Das Tauziehen, das sich von Meuffels, der sich zwar in einer leeren Kneipe lässig selbst ein Bier zapft, aber angesichts der Verschlagenheit des Geheimdienstes nach Worten ringt, mit seinem zwischen aufgesetzter Jovialität, Offizierston und Wahnwitz – „Hinten kackt die Ente!“ – kaum zu greifenden Antagonisten um die Seele des zwischen den Kulturen und Werten verlorenen, selbst von seinen „Freunden“ nur als „Halbkanacke“ angesehenen Farim liefert (Kronzeuge oder V-Mann?), ist Fernsehen in Bestform, ein wahrer Thriller. Zu dieser Wahrheit gehört aber auch der verstörende Einbruch hässlichster Gewalt, gegen die kein zivilisierendes Kraut gewachsen ist, nicht einmal im Garten eines Gentlemans mit besten Manieren. Kein Wunder, dass er genug hat.

          Der Polizeiruf 110: Das Gespenst der Freiheit läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

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