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Serie „The Unicorn“ bei Sky : Papa, du musst unter Leute

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Was ist das denn? Wade (Walton Goggins) braucht die Hilfe seiner Tochter Grace (Ruby Jay). Bild: Sky/CBS

Die Serie „The Unicorn“ kommt wie gerufen: Ein Witwer und Vater von zwei Töchtern sucht, von den Freunden gedrängt, eine Lebenspartnerin. Übers Internet und „Social Media“. Das birgt Humorpotential.

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          365 Tage später. Es gibt noch fünfzehn Tiefkühl-Lasagnen in der Megatruhe auf der Terrasse. Zugang zur Mikrowelle freilich nur, wenn man einen der Hunde beiseiteschiebt, die sich auf der Küchenarbeitsplatte tummeln. Immerhin sorgt ein Tier dafür, dass die Teller in der Spüle wieder blankgeputzt aussehen. Was man vom Rest des Hauses nicht sagen kann. Brownies auf dem Dinnermenü, nach der knochenharten Arbeit als Landschaftsgärtner, nachts eng aneinander geschmiegt zu fünft im Bett. Vater, zwei Töchter und zwei Hunde. Oder besser gesagt: Witwer, Halbwaisen und die übrigen Familienmitglieder.

          Zum Thema Selbstisolierung hätte Wade (Walton Goggins) sicher eine Menge zu berichten. Wenn er dazu noch Lust hätte. Ein Jahr nach dem Tod seiner Frau Jill („du hast sie umsorgt wie einen Rockstar“) ist der persönliche Tiefpunkt erreicht. Die hausgemachten Mahlzeiten aus der Nachbarschaft sind aufgebraucht. Die letzte Schüssel im Ofen, das jüngste Gericht zum Greifen nah, der Mann zusammengesunken auf dem Küchenboden, sprechen die Freunde ein Machtwort. Ein ganzes trauriges Jahr lang war der Witwer nur für seine Töchter, die zwölfjährige Natalie (Makenzie Moss) und die vierzehnjährige Grace (Ruby Jay), da, hat Schulwegtransporte organisiert und Girls-Soccer-Linienrichterdienste übernommen, Mutter und Vater zugleich gespielt und nicht nur auf dem Platz die Fahne hoch gehalten.

          Der naive Anfänger braucht eine Social-Media-Strategie

          Der Mann muss wieder unter Leute. Beziehungsweise unter Frauen. Eine Freundin finden. Zumindest Sex, darin sind sich Michelle und Ben (Maya Lynne Robinson und Omar Miller) und Delia und Forrest (Michaela Watkins und Rob Corddry) einig. Leider sind alle fünf Freunde bereits seit zwanzig Jahren vom Dating-Markt. Aber gute Menschen helfen einander – zunächst damit, Wade auszureden, bei seinem Datingprofil allzu ehrlich zu sein. Frauen wollen große Männer, meistens trifft man sich im Restaurant sitzend, wo ist das Problem? „Deine liebste Beschäftigung im Bett?“ „Kuscheln“, erklären die energische Michelle und die nicht minder engagierte Delia kategorisch. Versuchter Einspruch zwecklos, wenn auf Instagram, bei Tinder oder sonstwo doch jeder lügt, was das Zeug hält. Wade, der naive Anfänger, braucht eine Social-Media-Strategie. Unbedingt eine kleine Kunde in Content-Symbolik. Und nicht gleich Facebook-Freund werden. Nicht jeden Beitrag liken. Nicht umgehend antworten. Vokabeln und Internet-Phänomene wie „Ghosting“ lernen. Vor allem, um sich als gutherziger Kerl mit Moralfimmel vor der gnadenlosen Welt der Singlefrauen da draußen zu schützen. Michelle, selbst glücklich verheiratet, kommt zuerst drauf: Wade ist ein Einhorn, ein „Unicorn“, jene illusorische Kreatur, „nach der alle Frauen Ausschau halten“. Ein Witwer, der sich als alleinerziehender Vater aufopfernd um seine pubertierenden Töchter kümmert, selbst wenn das heißt, sich unendliche Telenovelas wie „Passion Train“ anzugucken (wie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ in der Eisenbahn). Wade ist gutaussehend, warmherzig und traurig – was ihn, so die Freunde, in der Summe fast so begehrenswert macht wie einen „heißen Priester“.

          Der Rest der achtzehnteiligen Familienserie „The Unicorn“ ist genau so liebenswert witzig, wie die Prämisse der ersten Folgen verspricht. Verkuppelt zu werden hat ja oft ein Fremdschäm-Moment, aber davon sind die Serienerfinder Bill Martin und Mike Schiff weit entfernt. Wade mit seinen Töchtern und die Freunde mit ihren Kindern bilden einen prilblumigen Kosmos der All-American-Family-Bodenständigkeit, in der existentielle Krisen ernst-, aber niemals hingenommen werden.

          Wades Datingabenteuer sind Gegenstand beständigen Pointenringens. Für Ältere absonderliche Social-Media-Phänomene sind für die Jüngeren ein Muss. Wenn Grace heimlich zu einer besonders angesagten Location fährt, um Fotos für ihre Insta-Story zu machen, fragt der Vater besorgt: „Es geht dir um Likes?“ Nein, so das Kind, nur darum, „normal“ zu sein. Wade lernt, auch seine Freunde hinterfragen nach und nach ihr Leben und ihre Beziehungen. In der Hinterbliebenengruppe sprechen die Frauen unerwartet offen über Sex. Forrest kreiert mit „Zoya“ eine Fake-Figur, um Wades Datingprofil zu überwachen, und spürt im anonymen Chat mit seinem Freund verwirrende Nähe. In jeder langjährigen liebevollen Partnerschaft gebe es Ungesagtes und Eingefahrenes, bespricht er mit Delia. „The Unicorn“ macht aus derlei Erkenntnissen kein Drama, sondern Situations- und Wortwitz.

          In der gegenwärtigen Krise und dem „Social Distancing“ als Gebot der Stunde ist „The Unicorn“ nicht nur gelungene Comedy, sondern Kommentar zur gemeinschaftlichen Lage. Fern davon, ihre Figuren dem Auslachen auszuliefern, feiert sie die freundschaftliche Unterstützung, die auch mal unendlich nerven kann – akzeptiert den Verlust und die Kontingenzerfahrung als Lebensgrundlage. Ihr Witz reicht von absurder Inszenierungskomik bis zum humorigen Sprücheklopfen. Zynikern und notorischen Schwarzsehern wird an „The Unicorn“ höchstens die wundersame Welt des zeitgenössischen Datinggebarens gefallen. Alle anderen werden Wade, seine Töchter und Freunde, die Hunde nicht zu vergessen, einmal richtig drücken wollen. Aus Sicherheitsgründen natürlich von Schirm zu Schirm. Eine zweite Staffel hat der amerikanische Sender CBS nicht in Auftrag gegeben.

          The Unicorn, 20.15 Uhr bei Sky One sowie auf Sky Ticket, Sky Go und über Sky Q.

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