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HBO-Serie „Irma Vep“ : Spione im Spiegelkabinett

Sie wird zum Mittelpunkt einer filmischen Familienaufstellung: Alicia Vikander als Mira Harber Bild: Sky

Die HBO-Serie „Irma Vep“ blickt aus einer Gegenwart des Videostreamings auf die Anfänge des Kinos zurück. Das gelingt der Serie ziemlich gut.

          3 Min.

          Im Sommer 1996 drehte der Filmregisseur Olivier Assayas einen Film über einen französischen Filmregisseur, der ein Re­make von Louis Feuillades klassischer Stummfilm-Thrillerserie „Die Vampire“ von 1915 drehen will. „Irma Vep“ war sein Kommentar zum Kino und zum eigenen Werk, sein „Achteinhalb“, sein „The Player“, seine „Amerikanische Nacht“. Mit der Schauspielerin Maggie Cheung, die der fiktive Regisseur – dargestellt von der Nouvelle-Vague-Ikone Jean-Pierre Léaud – aus Hongkong nach Paris holte, damit sie die Spionin Irma Vep verkörperte, begann As­say­as am Set seines Films eine Affäre; später wurde sie für kurze Zeit seine Frau.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Jetzt hat Olivier Assayas für HBO ein Remake von „Irma Vep“ gedreht – in Form einer achtteiligen Miniserie. Kann man das Spiegelgefecht zwischen Film und Leben noch weiter treiben? Man kann, und das Serienformat der Streamingdienste und Bezahlsender ist da­für, wie „Irma Vep“ beweist, das ideale In­s­tru­ment. Sein Alter Ego, das abermals Re­né Vidal heißt, wird jetzt von Assayas’ Lieblingsschauspieler Vincent Macaigne gespielt und leidet noch immer an seiner gescheiterten Ehe mit einem Filmstar aus Hongkong, in den er sich am Set eines früheren „Vampire“-Remakes verliebte. Und auch das Produktionschaos des „Irma Vep“-Spielfilms ist wieder da, die Krisen, die Nervenzusammenbrüche, die Liebeskriege unter den Darstellern, das Eingreifen eines Ersatzregisseurs. Das klingt nach einer Selbstumkreisung der autistischen Art. Aber „Irma Vep“, das Remake eines Remakes, ist alles andere als das.

          Denn die Konstellation hat sich auf vielsagende Weise verschoben. Die Ge­schich­te beginnt damit, dass ein Hollywoodstar engagiert wird, damit die Produktion auf dem internationalen Fernsehmarkt überhaupt ei­ne Chance hat. Als Mira Harberg (Alicia Vikander) in Paris eintrifft, wird sie zum Mittelpunkt einer filmischen Familienaufstellung, bei der jeder der Beteiligten seine Bedürfnisse auf sie projiziert. Vi­dal braucht sie für seine Trauerarbeit und den Neubeginn seiner Karriere. Die Kostümbildnerin Zoe (Jean­ne Balibar) sucht in ihr ein Liebesobjekt und wird so zur Rivalin von Miras Assistentin Regina. Und der drogensüchtige deutsche Schauspieler Gottfried (Lars Eidinger) lotet mit Mira am Set die Grenze zwischen Kunst und Leben aus, was ihm den Neid seines französischen Kollegen Robert (Hippolyte Girardot) und seinem Regisseur Missbrauchsvorwürfe zweier MeToo-Aktivistinnen einträgt.

          Bi­lanz des visuellen Mediums in seiner Zeit

          Außerdem sitzen Mira (deren Name ein Anagramm ihrer Rolle ist) die Gespenster ihres eigenen Lebens im Nacken: eine Agentin, die sie lieber heute als morgen für das nächste Großprojekt nach Hollywood zu­rück­holen will; ein Exfreund, der ebenfalls zu Dreharbeiten in Frankreich weilt und diesen Zufall für eine Wiederbelebung der Beziehung zu nutzen versucht; und ei­ne Exfreundin (Adria Arjona), die sie auf so laszive Weise quält, dass man sich am Duell der beiden kaum sattsehen kann.

          Es sind die Zutaten einer Soap Opera, und eine solche wäre „Irma Vep“ todsicher geworden, wenn Assayas mit seinem Material nicht etwas ganz anderes im Sinn ge­habt hätte. Er wollte tatsächlich eine Bi­lanz des visuellen Mediums in seiner Zeit ziehen, nicht nur des Kinos in seinem ökonomischen Siechtum, sondern auch der hybriden, pseudoepischen Formen, die auf manchen Streamingplattformen blühen. Deshalb ist es ebenso eine verzweifelte Ko­ket­te­rie wie eine Verbeugung vor Feuillade, wenn er René Vidal zu seiner Psychotherapeutin sagen lässt, „Irma Vep“ sei gar keine Fernsehserie, sondern ein Film in acht Teilen. Bei Feuillade, dessen zehnteilige „Vam­pire“ in Pariser Kinos en bloc liefen, stimmte das noch; hier ist es eine Illusion. „Irma Vep“ ist auch deshalb so lustig, weil die Situation, die Assayas beschreibt, ei­gent­lich zum Heulen ist. Eigentlich – aber nicht hier. In den Szenen, die Vidal am Set von „Irma Vep“ dreht (bis er durch einen Hollywoodprofi ersetzt wird), ersteht das alte Kino mit seiner Liebe zur Geschichte und zum Dekor für Au­gen­blicke wieder auf: die funkelnden Interieurs, die Kostüme und Kulissen, die Zug- und Autofahrten, der ganze Überfluss ei­ner vergangenen Zeit. Noch schöner sind die Sequenzen, in denen die Lebenserinnerungen von Feuillades Hauptdarstellerin Musidora bebildert werden: Hier schlüpfen die Schauspieler des Remakes in die Rollen der Akteure des Originals, und die Erzählung wird endgültig zum Spiegelkabinett.

          Das serielle Wunder von „Irma Vep“ be­steht darin, dass Assayas diese komplizierte Hommage und den bonbonbunten Rummel, den er darum herum entfesselt, acht Folgen lang im Gleichgewicht hält. Manchmal überlagern sich die beiden Sphären so­gar, etwa wenn Eidingers Gottfried, der nach einem entgleisten Sex­spiel im Krankenhaus liegt, in klassischer Slapstick-Manier aus dem Fenster flieht. Erst in den letzten Folgen wird die Balance brüchig, und das hat mit einem Filmtrick zu tun, der in Frankreich erfunden, aber in Hollywood perfektioniert wurde. Denn Mira, für die der Catsuit, der zu ihrer Rolle gehört, zur zweiten Haut wird, kann jetzt durch Wände gehen und ihre früheren Geliebten in de­ren Hotelzimmern heimsuchen. Einen Mo­ment lang staunt man über den Effekt, dann merkt man, dass er die heikle Schönheit einer Fiktion zerstört, in der der digitale Zauber nichts verloren hat.

          Die Industrie habe das Kino übernommen, ruft Gottfried auf der Abschlussparty nach seinem letzten Drehtag, alles gehöre jetzt den Plattformen und Konzernen. Mag sein, aber „Irma Vep“ führt vor, wie man die Spielräume nutzt, die es auch in diesem System noch gibt. Die Streamingdienste und Bezahlsender werden die Textur des Erzählens in Bildern verändern. Aber das Kino scheint immer wieder durch.

          Irma Vep läuft an diesem Freitag um 20.15 Uhr auf Sky Atlantic.

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