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Serie über Österreich-Skandal : Wie die Ibiza-Falle zuschnappte

Da war das Video noch nicht publik: Andreas Lust spielt den FPÖ-Politiker Heinz-Christian Strache Bild: dpa

Sky hat den Skandal, der Österreichs FPÖ/ÖVP-Regierung zu Fall brachte, zu einer Serie gemacht. Sie erzählt die Geschichte aus Sicht des Anwalts, der die Strippen zog. Das sorgt für einen ganz bestimmten Twist.

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          Von heute an ist bei Sky eine kleine Serie über die Ibiza-Affäre zu sehen, also jene Affäre, die 2019 in Österreich die Mitte-rechts-Regierung unter Sebastian Kurz (ÖVP) und Heinz-Christian Strache (FPÖ) jäh beendete. Die Macher des Vierteilers haben mächtig Glück mit ihrem Timing. Gerade ist mit der Razzia im Wiener Bundeskanzleramt und dem zweiten vorzeitigen Ausscheiden von Kurz als Regierungschef das ganze Thema aktuell wieder hochgekocht. Zwar hat Kurz mit „Ibiza“ im engeren Sinne nichts zu tun und Strache, der unfreiwillige Hauptdarsteller des Ibiza-Videos, nichts mit der jetzigen Inseratenaffäre von Kurz. Aber in einem weiteren Sinne hängen die beiden Geschichten natürlich doch zusammen.

          Stephan Löwenstein
          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.

          Nicht nur deswegen, weil die Korruptionsstaatsanwaltschaft in einer Post-Ibiza-Ermittlung auf das Handy des Kurz-Vertrauten Thomas Schmid gestoßen ist, das sich dann als ergiebige Quelle für alle erweisen sollte, die Kurz ohnehin alles Üble zutrauten. Sondern auch, weil Schlüsselzitate in beiden Affären genau das Gleiche besagen, wenn auch mit unterschiedlichem Zungenschlag. In einem seiner berüchtigten Chats schreibt Schmid über den Chef der Mediengruppe „Österreich“, in der man für viel Geld der Steuerzahler inserierte und teils manipulierte Umfragen im redaktionellen Teil unterbrachte: „Geniales Investment. Und Fellner ist ein Kapitalist. Wer zahlt, schafft an. Ich liebe das.“ Und Strache sagte auf Ibiza: „Journalisten sind sowieso die größten Huren auf dem Planeten.“

          Auch über die konkreten strafrechtlichen Vorwürfe gegen „Österreich“ hinaus, die von der Mediengruppe zurückgewiesen werden, ist im Schlaglicht beider Affären manch fragwürdige Enge zwischen Politik und Medien sichtbar geworden. Trotzdem geben solche Aussagen mehr über ihre Urheber preis als über den Journalismus im Allgemeinen. Das ist eines der Themen dieser Ibiza-Verfilmung: wie zwei Journalisten von der Süddeutschen Zeitung die Story über das Video zugesteckt wird, das Strache belastet, und wie sie diese durch Recherche zu ihrer Geschichte machen. Hier folgt das Drehbuch eng der Darstellung, die Bastian Obermayer und Frederik Obermaier in ihrem eigenen Buch gegeben haben.

          Doch die eigentliche Heldenfigur dieser Verfilmung ist ein Mann, der in der ganzen Geschichte bislang nur schemenhaft aufgetaucht war: der Wiener Rechtsanwalt Ramin Mirfakhrai. Er hatte sich durch eine Aussendung seines eigenen Anwalts dazu bekannt, das Ibiza-Video als ein „zivilgesellschaftlich motiviertes Projekt“, bei dem „investigativ-journalistische Wege“ beschritten worden seien, mit initiiert zu haben. Zugleich hatte er bislang anwaltlich „jegliche identifizierende Berichterstattung“ untersagen lassen und war damit weitgehend durchgekommen, obgleich er angesichts der Folgen des Videos zweifellos eine Persönlichkeit öffentlichen Interesses ist.

          Eine fragwürdige Heldenfigur

          Jetzt also wird die Geschichte aus seiner Warte erzählt. Wie der vormalige Chauffeur von Strache, vergrätzt wegen schlechter Behandlung, mit Fotos von Geldtaschen im Kofferraum und Kopien falscher Spesenbelege zu Mirfakhrai kommt. Wie er, dessen Geschäft eigentlich die anwaltliche Betreuung lukrativer Immobiliengeschäfte ist, erst nicht so recht weiß, was er damit anfangen soll. Denn als solche beweisen sie nichts, auch die Polizei springt nicht darauf an. Wie er im Kreis seiner jüdisch-persischstämmigen Familie mit immer größerer Sorge ein Anwachsen der FPÖ von Wahl zu Wahl sieht, in Fernsehbildern geschnitten mit Aufmärschen rechtsextremer Mobs.

          Mirfakhrai, als soigniert, aber etwas wankelmütig gespielt von David A. Hamade, tut sich zusammen mit Julian Hessenthaler, den er im Zusammenhang mit einer etwas windigen Geschichte kennengelernt hat. Der „Ibiza-Detektiv“ (Nikolas Ofczarek) ist die Erzählfigur, kein Marlowe und erst recht kein Bond, sondern irgendetwas zwischen abgebrüht und burlesk. Die beiden hecken also aus, wie man das Material des Chauffeurs mit Aufnahmen unterlegen könne, die für sich sprechen und daher alles beweisen. Seine Figur changiert mehr als die des Anwalts, er braucht Geld, treibt Mirfakhrai aber auch mit moralischen Argumenten voran.

          Der Rest ist Geschichte: Sie kontaktieren Straches Vertrauten Johann Gudenus unter dem Vorwand eines Immobiliengeschäfts und führen die falsche Oligarchin „Alyona Makarowa“ ein. Wer sie ist und woher sie kommt, das wird diskret umgangen, außer dass Hessenthaler sie aus zwielichtigen Etablissements kennt, sie aber eher als Geliebte denn als Dienstleisterin zu ihm kommt. Wie zufällig verabredet man sich auf der Ferieninsel, damit Gudenus dort Strache in ihre Ibiza-Falle führt. Die sechs Stunden jenes Gesprächs, in dem Strache allerlei korrupte Erbötigkeit mit der ständigen Beteuerung vermischt, alles müsse mit Recht und Parteiprogramm kompatibel sein, füllen die dritte Episode der Serie. Der vierte Teil endet dann nicht mit dem Paukenschlag, dem Rücktritt Straches und Ende der türkis-blauen Koalition, sondern in einer Art Fade-out. Hessenthaler, zunehmend paranoid und heruntergekommen, sucht Zuflucht in Rumänien und wird am Ende in Berlin wegen Drogenvorwürfen festgenommen.

          Das stimmt dann wunderbar mit seinen eigenen Theorien aus Interviews und Aussagen überein, er sei ein Opfer eines rachsüchtigen Systems. Ob jemand außer dem Anwalt ihm Geld und Unterstützung gegeben hat, bleibt ausgeblendet (außer dass die Zeitung nichts zahlte). Auch bei Mirfakhrai wird über ein paar weniger schöne Details hinweggehudelt, etwa dass er Gudenus nach dessen Aussage gefälschte Dokumente zeigte. Aber es handelt sich eben nicht um eine Dokumentation, auch wenn der Film über manche Strecken so tut. Unterhaltsam ist er trotzdem, oder gerade deswegen.

          Die Ibiza-Affäre beginnt heute um 20.15 Uhr bei Sky Atlantic, abrufbar über Sky Q und Sky Ticket.

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