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Arte-Serie „Occupied“ : Wann ist der Zeitpunkt für aktiven Widerstand gekommen?

  • -Aktualisiert am

Ingeborga Dapkunaite überzeugt auch in der zweiten Staffel der Serie „Occupied“ als russische Botschafterin Irina Sidorova. Bild: Arte

Russische Soldaten besetzten vor anderthalb Jahren in der Arte-Serie „Occupied“ norwegische Öl- und Gasfelder. Jetzt läuft die zweite Staffel an – ihr fehlt es aber an Durchschlagskraft.

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          Fast anderthalb Jahre ist es nun her, dass russische Soldaten in der norwegischen Serie „Occupied“ die Öl- und Gasfelder Norwegens besetzten – eine auch von der EU unter Führung des französischen Kommissars Pierre Anselme (Hippolyte Girardot) gedeckte Aktion. Sie sollte den beschlossenen Ausstieg Norwegens aus dem Ölgeschäft und den Einstieg in grünere Energien verhindern, den Kontinent vor der überhasteten Umstellung auf Elektroautos bewahren. Und den russischen Machtradius, so wollte es Moskaus fiktive Führung, spürbar erweitern.

          Die russische Einflussnahme im Land fiel danach immer gravierender aus: Die gesamte erste Staffel einer der ungewöhnlichsten Serien der vergangenen Jahre, bei der jede Folge die Ereignisse eines anderen Monats beschreibt, zeichnete den Prozess einer schleichenden Unterwanderung und Unterwerfung nach. Wir erlebten den Machtzuwachs der gewieften russischen Botschafterin Irina Sidorova (Ingeborga Dapkunaite) und den ratlosen Ministerpräsidenten Jesper Berg (Henrik Mestad), dessen Politik sich viel zu lange darauf beschränkte, alles zu vermeiden, was zu kriegerischen Handlungen führen könnte.

          Endlich zum Kampf um Norwegen bereit?

          Am Ende musste er sich von Widerstandskämpfern der Gruppierung „Fritt Norge“ fragen lassen, ob er endlich zum Kampf um Norwegen bereit sei. Statt einer Antwort musste der Zuschauer lange in Bergs angstbleiches Gesicht blicken. Das große Staunen von Staffel eins, zu der auch die Geschichten der opportunistischen Restaurantbesitzerin Bente Norum (Ane Dahl Torp), ihres Mannes und Journalisten Thomas Eriksen (Vegar Hoel), der Juristin Hilde Djupvik (Selome Emnetu) und des Personenschützers Hans Martin Djupvik (Eldar Skar) gehörten, stellt sich in der nun anlaufenden Fortschreibung der Ereignisse nicht mehr ein. Aber die spannende Frage steht weiter im Raum: Kommt die kleine, selbst vom früheren Bündnispartner Amerika im Stich gelassene norwegische Demokratie aus der Nummer je wieder raus?

          Ministerpräsident Jesper Berg lebt mittlerweile im Stockholmer Exil, das ihm trotz der anfänglichen Unterstützung der russischen Aktion durch Schweden offenbar Zuflucht gewährt. Über ein Online-Computerspiel, ein Kriegsspiel, bei dem sich die Spieler gegenseitig ansprechen können, hält er Kontakt zum Widerstand – in gespenstischen, von virtuellen Maschinengewehrsalven untermalten Szenen.

          In Oslo, einer von Anschlägen des Widerstandes erschütterten Stadt, hat sich unterdessen eine neue Regierung gebildet, um die Russen durch Kooperation zu beschwichtigen. Diese wiederum weiten ihre Präsenz immer stärker aus: Russische Investoren kaufen Immobilien und Hotels, russische Touristen strömen ins Land, bald wird auch von einem neuen Handelsvertrag und dem förmlichen Wechsel der norwegischen Öl- und Gasfelder in die Hände eines russischen Oligarchen die Rede sein.

          Allerdings kommt es zu einem ernsten Konflikt, als Moskau beginnt, heimlich Raketen auf der Erdgasverflüssigungsanlage Melkøya in Hammerfest zu stationieren. Hier setzt die neue Staffel ein: Auf der Fabrikinsel unweit des Nordkaps fallen bei einer Container-Untersuchung der norwegischen Küstenwache Schüsse. Die Sache hat das Zeug, zur Initialzündung eines bewaffneten Befreiungskampfes zu werden. Doch es kommt anders – wieder zum Vorteil der Russen. Und es dauert nicht lang, bis die Lage auch für Berg in Stockholm ungemütlich wird.

          Das Gedankenexperiment bleibt reizvoll

          Diesmal fehlt es der Geschichte ein wenig an Durchschlagskraft. Es gibt zwar weiterhin charismatische Schauspieler wie Ingeborga Dapkunaite als Sidorova oder Ane Dahl Torp als Gastronomin Bente. Aber weder Eldar Skar als neuer Geheimdienstchef Hans Martin Djupvik noch Janne Heltberg als neue Ministerpräsidentin bringen das Format mit, die diese Rollen nun bräuchten.

          Hinzu kommen erzähltechnische Unachtsamkeiten: Zu viele Ereignisse werden dem Zuschauer weiterhin nur über abgefilmte Fernsehnachrichten vermittelt; das nutzt sich jetzt ab. Und manche Kapitel hat die zweite Staffel auch schlichtweg verschenkt. Jene potentiell aufregenden Pariser Szenen zum Beispiel, in denen Jesper Berg die EU zur Unterstützung der norwegischen Sache zu bewegen versucht. Sie lassen uns ziemlich kalt. Möglicherweise rächt es sich hier, dass die zweite Staffel zwei Folgen kürzer sein musste als die erste.

          Das Gedankenexperiment, dessen Grundzüge der Thriller-Autor Jo Nesbø bereits Jahre vor der russischen Annexion der Krim entwickelt hat, bleibt nichtsdestotrotz reizvoll. Und die Frage, die es mit sich bringt, klingt ungleich schärfer und nachdenklicher, ja zweifelnder als bei jenen historischen Serien und Filmen zum Thema Widerstand, die im einst von Hitlers Truppen überfallenen Norwegen heute Konjunktur haben: Wie würde man sich selbst verhalten, wenn die Demokratie, der Rechtsstaat und die staatliche Eigenständigkeit aus heiterem Himmel auf dem Spiel stehen?

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