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„NOS4A2“ auf Amazon Prime : Hüte dich vorm bösen Onkel mit den Süßigkeiten

  • -Aktualisiert am

Tüftlerstolz: Vic (Ashleigh Cummings) und Vater Chris (Ebon Moss-Bachrach) Bild: Dana Starbard/AMC

Hier läuft selbst Graf Orlok schreiend davon: „NOS4A2“ ist die Serienadaption von Joe Hills „Christmasland“. Schafft es der Fernsehhorror ebenso zu überzeugen wie seine Vorlage?

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          Das erste kleine, aber bedeutsame Rätsel, das die Horrorserie NOS4R2 für manchen aufwerfen mag, ist ihr Titel. Was soll diese Kombination aus Buchstaben und Zahlen bedeuten? Wie spricht man sie aus? Wer den Code nicht entschlüsseln kann, wird auch aus der Serie zunächst nicht schlauer, erfährt aber in der Exposition immerhin den Ursprung des Ganzen: Ein kleiner Junge namens Daniel (Asher Miles Fallica) fürchtet sich nachts und will im Bett seiner Mutter schlafen. Das ist allerdings schon von deren Liebhaber besetzt und so kauert sich das Kind allein vor den Fernseher.

          Geräusche locken den Jungen schließlich vor die Tür, auf der Schwelle liegt eine weihnachtliche Zuckerstange. Sie entpuppt sich nur als winziger Vorgeschmack auf die festlichen Freuden, die im hell erleuchteten Rolls-Royce glitzern, der ein paar Meter weiter in der Einfahrt parkt. Daniel steigt ein, schlimme Dinge passieren und der Wagen rollt hinfort, mit freier Sicht auf das, vielmehr in die, als aus der Zeit gefallene Nummernschild: NOS4R2. Moderner Code für eine alte Sagengestalt, englisch ausgesprochen klingen die Komponenten aneinandergereiht wie die andere große Vampirikone neben Dracula, „Nosferatu“.

          Eine fesselnd exzentrische Aura

          Eine gewisse Ähnlichkeit mit Murnaus Monster hat der Oscar-Prämierte Maskenbildner Joel Harlow mit viel Latex und Schminke auf Darsteller Zachary Quintos Gesicht modelliert, mit dem Harlow schon aus Star Trek (2010, Regie: J. J. Abrams) vertraut ist. Quinto erkennt man mit der fahlen Faltenhaut und den nicht auf die Eckzähne beschränkten spitzen Beißern kaum wieder, leider wirkt auch sein künstlerischer Ausdruck durch die Maske gedämpft. Wie ein klassischer Vampir sieht seine Figur dann doch nicht aus, sie saugt auch kein Blut, scheut nicht das Tageslicht oder erfüllt andere gängige Genremotive.

          Handelt es sich bei dem gruseligen Charlie Manx also nun um einen Untoten, oder ist er vielleicht selbst nur Nosferatu-Fan? Dass er den kleinen Daniel und andere entführte Kinder ins „Christmasland“ chauffieren will, wo jeden Tag Weihnachten sei, macht die Verwirrung perfekt. Nach der auf mehreren Ebenen sehr verstörenden Einleitung präsentiert Serienerfinder Jami O’Brien, der für den amerikanischen Sender AMC schon die erfolgreiche Spin-off-Serie Fear the Walking Dead verantwortet, die eigentliche Hauptfigur: Vic McQueen (Ashleigh Cummings) ist eine 18-jährige Schülerin, die sich wohl Schlimmeres vorstellen könnte, als eines Tages von einer Limousine abgeholt und weit, weit weggebracht zu werden. Während das Mädchen in ihrem Kinderzimmer von einem Kunststudium träumt, knallt es unten im Haus, die Eltern werfen sich Vorwürfe und Gegenstände an den Kopf. Für Vics Mutter Linda (Virginia Kull) kommt eine teure Ausbildung für ihre Tochter nicht in Frage, diese Uni-Kids zögen anschließend ohnehin nur wieder zu Hause ein, weil sie keinen Job fänden. Der Vater Chris (Ebon Moss-Bachrach) sieht das anders, er traut ihr alles zu, so wie sich selbst, wenn er mal wieder zu viel getrunken hat. Entkommen kann Vic dem Drama körperlich und geistig auf ihrem geliebten Motorrad – so auch an dem Tag, der ihr Leben verändert. Bei einer Fahrt durch die Wälder entdeckt sie ein Portal, das sie zu Dingen führt, die Menschen verloren haben: Kreditkarten, Uhren und, so die Vermutung, vielleicht auch entführten Kindern. Das hofft jedenfalls Maggie (Jahkara Smith), ein junges Medium, das aus Scrabble-Steinen liest.

          NOS4R2 basiert auf dem gleichnamigen Roman von Joe Hill, eigentlich Joseph Hillstrom King, der auch mit dem Pseudonym kaum verhindern kann, immer in einem Atemzug mit seinem berühmten Vater genannt zu werden, dem Horror-Großmeister Stephen King. Auch der hat schon einige Erfahrungen mit Verfilmungen seiner Stoffe gemacht, manche wurden den Werken gerecht, andere blieben enttäuschende Effekthascherei. NOS4R2 liegt irgendwo dazwischen. Die Darsteller können überzeugen, allen voran die Australierin Ashleigh Cummings, die der mitunter doch etwas klischeebelasteten Teenager-Heldin aus schwierigem Elternhaus eine fesselnd exzentrische Aura mitgibt.

          Leider kann das über die dramaturgischen Schwächen nicht hinwegtrösten. Die Figuren kommen spät zusammen, es fehlt ein entschiedener Handlungsdruck und klare Höhepunkte. Scheinbar endlos fährt Charlie Manx durch den luftleeren Raum, in seinem Rolls-Royce, der trotz der Unterschiedlichkeit des Modells irgendwie sehr an Stephen Kings berühmten Killer-Wagen Christine erinnert. Brutale Horrorszenen reihen sich an blutleere Pubertätskonflikte – immer wieder unterbrochen vom Medium Maggie, die ihren Arm bis zur Schulter in die Scrabble-Tasche steckt, um die Steine zu fragen, was als nächstes passiert. Momente, an denen sich der Zuschauer festhalten oder orientieren könnte, sind rar. Und auch nach drei Folgen weiß man noch immer kaum, wohin die Reise eigentlich gehen soll. Man muss schon sehr unter dem bösen Bann des Unholds stehen, um länger dranzubleiben.

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