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Serie zum zweiten Weltkrieg : Eine Bombe in Größe dieser Ananas dort

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Auftrag „Schweres Wasser“: Norwegens Widerstand gegen die deutschen Besatzer Bild: NDR

Die Serie „Saboteure im Eis“ schildert den Kampf um das „Schwere Wasser“ im von den Nazis besetzten Norwegen. Dazu biegt sie die historischen Fakten ein bisschen zurecht.

          Manche Storys strotzen so vor Heldenmut, dass sie immer wieder erzählt werden müssen: die Geschichte der norwegischen Widerstandskämpfer etwa, die im Krieg per Fallschirm über ihrem besetzten Heimatland absprangen, um die Produktion von „schwerem Wasser“ und damit den Bau einer deutschen Atombombe zu verhindern. Schon 1948, drei Jahre nach Ende der Okkupation, wurde sie zum ersten Mal auf die Leinwand gebracht, in einem Film, in dem viele Akteure sich selbst spielen durften. 1965 nahm sich der amerikanische Western-Regisseur Anthony Mann des Themas an. Die Hauptrollen, einen norwegischen Physiker und einen Widerstandskämpfer, spielten Kirk Douglas und Richard Harris. Und dann – durchaus noch im Fahrwasser des Heldenepos „Max Manus“, mit dem 2008 eine andere Episode der norwegischen Widerstandsgeschichte ins Kino gelangte: Patriotenkino deluxe – gelangte 2015 die NRK-Miniserie „Der Kampf um das Schwere Wasser“ auf den Bildschirm. Mehr als eine Million Zuschauer wollten sie allein im kleinen Norwegen sehen.

          In Deutschland, wo der Sechsteiler „Sabotage im Eis“ heißt, dürfte die Produktion kaum solche Marktanteile einfahren. Dafür läuft sie einfach zu spät, und wer sie sieht, muss trotz allen Vorschusslorbeers sagen: Weder Regisseur Per-Olav Sørensen noch Petter S. Rosenlund, von dem das Drehbuch stammt, hatten Lust auf ungewöhnliche Experimente.

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          Aber die Kurzserie muss sich auch nicht verstecken, weil sie es mühelos schafft, die Geschichte aus drei unterschiedlichen Blickwinkeln zu erzählen: aus Sicht der deutschen Wissenschaftler in Berlin, die mit der 1938 entdeckten Kernspaltung experimentierten. Aus Sicht der Fabrik am norwegischen Kraftwerk Vermork, für die das „schwere Wasser“ zunächst ein Abfallprodukt der Düngemittelproduktion war. Schließlich aus Sicht der Männer, die das Herzstück der Anlage und später ein Schiff, das „schweres Wasser“ geladen hatte, eine Fähre mit vielen Zivilisten an Bord, in die Luft jagen sollten. Dass die Aktion womöglich gar nicht die entscheidende Bedeutung besaß, die ihr oft nachgesagt wird, steht auf einem anderen Blatt.

          Der erste Erzählstrang folgt dem Physiker Werner Heisenberg (Christoph Bach). Der verklemmte Nerd, der 1932 den Nobelpreis erhält, ist den NS-Ideologen suspekt, weil er jüdische Forscher zitiert, Konferenzen zur „arischen Physik“ meidet und zu Pfadfinderzeiten das Nacktbaden mochte. Nach Kriegsausbruch 1939 muss er beinah an die Front.

          Doch das weiß eine schützende Hand zu verhindern. Und so arbeitet Heisenberg bald, Seite an Seite mit Carl Friedrich von Weizsäcker (David Zimmerschied), im Rahmen eines großen Uranprojekts für das Regime. Heisenberg glaubt, das militärische Interesse an seinen Forschungen zum Wohle von Fortschritt und Wissenschaft ausnutzen zu können. Später wird er Hitlers Generälen eine ananasgroße Bombe zur Vernichtung Londons versprechen. Aber er wird auch sagen: „Der Stand unserer Forschung gleicht dem unserer Feinde in England, Kanada und Amerika. Keiner von uns wird schnell zu revolutionsartigen Ergebnissen kommen.“ Deutschland war von der Ananas weit entfernt. Spätestens an dieser Stelle kommt man nicht umhin, die Geschichte des „Manhattan-Projekts“ in Amerika nachzuschlagen, dessen Wurzeln ebenfalls bis 1939 zurückreichen, bevor es im Herbst 1942 dann so richtig beginnt – angefacht von der Angst vor einer deutschen Uranbombe. „Saboteure im Eis“ beschränkt sich auf das Geschehen um Heisenberg. Auch die Begegnung mit Niels Bohr in Kopenhagen 1941 wird nachgestellt.

          Der zweite Erzählstrang folgt dem Fabrikdirektor Björn Henriksen (Dennis Storhøi). Ihn hat es so nicht gegeben, wie die Serie überhaupt aus dramaturgischen Gründen die Fakten ein wenig zurechtbiegt. Aber Henriksens Story ist lose an die eines echten Hydro-Direktors angelehnt, der Historikern zufolge den Krieg 1940 mit einer Spende an die deutschen Besatzer begann, und ihn damit abschloss, zwei Millionen an die Widerstandsbewegung zu geben. Dem Plot tut das gut. Erzählstrang drei handelt von den tollkühnen Männern, mit denen Leif Tronstad (Espen Klouman-Höiner) zu tun hat – ein junger Professor, der nach dem deutschen Überfall auf Norwegen von Schottland aus, angeleitet von einer (fiktiven) britischen Nachrichtenoffizierin, verschiedene Aktionen gegen die Fabrik vorzubereiten beginnt.

          Tronstad läuft stets etwas zu andächtig herum, aber seine Männer liefern Action zu großartigen Geländeaufnahmen: Einsätze mit Waffe im Anschlag und Dynamit im Gepäck. Sie überstehen schwere Rückschläge, monatelange Strapazen auf dem verschneiten Hochplateau der Hardangervidda. Die eigene Vergangenheit ins Bild zu setzen hat in Norwegen zurzeit Konjunktur: Auf „Max Manus“ und die „Saboteure im Eis“ folgte 2016 der Film „Das Nein des Königs“ sowie das Fluchtdrama „Der 12. Mann“. Letzteres ist erst vor wenigen Tagen in Oslo in die Kinos gekommen.

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