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Neue Sky-Serie „1992“ : Hier wäscht keiner seine Hände in Unschuld

Stütze der Gesellschaft? Mitnichten. Für den Werber Leonardo Notte (Stefano Accorsi) zählt nur der Schein, er verkauft Politiker wie Zigaretten. Bild: Stefano Cristiano Montesi

Die Serie „1992“ zeigt, wie in Italien eine korrupte Schicht durch eine noch korruptere abgelöst wurde. Selten hält ein Land sich derart den Spiegel vor. Gibt es hier keinen Platz für Helden in weißen Westen?

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          Das hier ist mehr als eine Leibesvisitation, es ist die Selbstuntersuchung eines kranken Mannes, und er ist mehr ist als ein Polizist mit frommem Namen: Luca Pastore (Domenico Diele) fletscht die Zähne, betastet sein Zahnfleisch, die Kamera kriecht in seine Mundhöhle, heftet sich an die Fingerkuppen, mit denen er seine Bauchdecke betastet, das Fleisch auf den Rippen, den Rücken, bis er den Blick hebt und sich im Spiegel begegnet: jung, durchtrainiert und doch die Verkörperung eines infizierten Landes ohne Aussicht auf Heilung.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          Luca Pastore leidet an Aids; schuld war eine verseuchte Blutkonserve oder eher: das korrupte Pharmaunternehmen, das sie in Umlauf gebracht hatte. Das alles erfahren wir erst später. Der Polizist steigt in seine Uniform, fährt los, klettert aus dem Streifenwagen und die Treppen einer dieser Mailänder Prunkwohnungen hinauf mit Barockschnörkeln überall. Wir sehen viele Lirescheine mit vielen Nullen, sie quellen sogar aus der Toilette, und ein Mann wird abgeführt, der vorgeblich nicht weiß, wie ihm geschieht: Mario Chiesa, Politiker der italienischen Sozialisten (PSI), Aspirant auf das Bürgermeisteramt der Stadt, Leiter eines Altenheims. Gerade wurde er dabei erwischt, wie er sieben Millionen Lire Schmiergeld einsteckte. Damit eine Reinigungsfirma einen öffentlichen Auftrag bekommt. Eine Hand wäscht die andere. Es ist der 17. Februar 1992 - und in Italien beginnt ein politisches Erdbeben, das mehr zutage fördert, vernichtet und neu aufrichtet, als die zehnteilige Serie „1992“ zu zeigen vermag.

          Was sie präsentiert, ist dennoch beachtlich. Nach „Gomorrha“, der in ihrer Schonungslosigkeit und in ihrem Realismus beispiellosen Mafia-Serie, die auf den Recherchen Roberto Savianos gründet, versucht sich Sky Italia (mit der Produktionsfirma Wildside) zum zweiten Mal an einer Eigenproduktion, in der das Belpaese seine Wunden zeigt. Dieses Mal geht es um den Korruptionsskandal, der erst Mailand, dann Rom als „Tangentopoli“, als Metropolen des Schmiergelds entlarvte. Staatsanwalt Antonio Di Pietro führte seine Ermittlungen unter dem Namen „Mani Pulite“. Um saubere Hände also sollte es gehen, doch was an schmutzigen Geschäften ans Tageslicht kam, wollte kein Ende nehmen. Während Di Petro ein System von Korruption, Amtsmissbrauch und illegaler Parteienfinanzierung offenlegte, fielen in Sizilien die Anti-Mafia-Richter Giovanni Falcone und Paolo Borsellino den Anschlägen der Cosa Nostra zum Opfer. Italien taumelte. Bis 1994 zerlegte der Bestechungs-Skandal die großen Parteien und stürzte den Ministerpräsidenten Bettino Craxi, es gab Verhaftungen noch und noch, Selbstmorde, Unternehmen wie Fiat steckten mit drin, dann verjährten Anklagen, die Lega Nord gedieh prächtig, und ein Medienmogul stieg in den politischen Ring: Silvio Berlusconi. Er wurde gleich im ersten Anlauf Ministerpräsident. Willkommen in der Zweiten Republik.

          Sex sells Politiker und Zigaretten

          „Wir Italiener sehen 1992 als das Jahr, in dem der Kampf gegen die Korruption eine korrupte politische Klasse hinwegfegte - und den Weg frei machte für eine noch korruptere“, sagt Regisseur Giuseppe Gagliardi bei der Präsentation der Serie auf der Berlinale. Bisher hat er vor allem Dokumentarfilme gedreht. Darauf, dass seine erste Fernsehserie „1992“ nicht zu dokumentarisch gerät, habe er Wert gelegt: Natürlich stimmten die Kostüme, die Frisuren, die Mobiltelefone mit Antennen, aber „1992“ wolle nicht „Mad Men“ spielen. Die Zurschaustellung einer Epoche und ihrer Objekte interessiert Gagliardi nicht, und die eingeschnittenen Szenen aus dem Fernsehen knallen mit ihren Bonbonfarben auf eine Ästhetik von heute.

          Sein Politdrama folgt sechs mehr oder weniger lose miteinander verbundenen Charakteren durch ein Jahr, in dem die politischen Umwälzungen auch ihre Leben verändern werden. Es sind fiktive Figuren vor dem Hintergrund einer realen Geschichte, zu deren Personal reale Personen wie Di Pietro, Chiesa, Umberto Bossi, Berlusconi und viele weitere zählen. Die Hintergründe werden nicht groß erklärt - „1992“ wurde für das italienische Publikum konzipiert. Dann überlegte Sky es sich anders: Die Serie wird im März auch in Deutschland, Großbritannien, Irland und Österreich starten. Wenn man sich die Serie als literarisches Genre denken wolle, sagt Gagliardi, dann als historischen Roman. Geschrieben haben ihn die Autoren Alessandro Fabbri, Ludovica Rampoldi, Stefano Sardi und Nicola Lusuardi.

          Dieser Roman hat allerdings viel von einem Comic, nicht optisch, aber in der Typisierung seiner Figuren. Das beginnt mit ihren sprechenden Namen. Im Schnelldurchlauf haben sie in der ersten Folge ihre Auftritte, jede auf ihrer eigenen Bühne. Da ist der Werber Leonardo Notte, verkörpert von Stefano Accorsi, der die Idee zu „1992“ hatte. Notte glänzt als aufgehender Stern am Agenturhimmel. Die achtziger Jahre hat er hinter sich gelassen, die Zeit der heilen Familie aus der Keks-Werbung, er lernt von seiner halbwüchsigen Tochter und von den Blicken alter dicker Männer auf junge Frauen, was begehrenswert ist: Showgirls, die in kurzen Röcken über Fernsehbühnen tänzeln. Die Zeit der „veline“ hat begonnen, sex sells, ganz gleich ob Zigaretten oder Politiker. Er begreift schnell: So lassen sich Bananenrepubliken retten.

          Wo niemand ein Held ist

          So lassen sich auch Karrieren planen. Das Showgirl Veronica Castello, für deren Rolle Miriam Leone, die Miss Italia von 2008, gecastet wurde, schläft mit dem Unternehmer Mainaghi (Tommaso Ragno), um in der Show „Domenica In“ auftreten zu können. Der Plan geht auf - doch auch Mainaghi gerät ins Visier der Ermittler. Seine Tochter Bibi (Tea Falco) fühlt sich zu Luca Pastore hingezogen, der es nicht nur wegen der Schmiergeldaffäre auf ihren Vater abgesehen hat. Was seinen Kollegen Rocco (Alessandro Venturi) wirklich antreibt, ist ebenfalls rätselhaft. Klar in seinen Zielen ist einzig der Irak-Heimkehrer Pietro Bosco.

          Guido Caprino spielt diesen Mann, dessen Willkommen am Flughafen gleich ein Rausschmiss ist, mit einer Präsenz, die ihresgleichen sucht. Der Underdog mit dem Gewaltproblem schlägt im Schatten des Mailänder Doms zwei Albaner krankenhausreif, als sie einen alten Mann ausrauben wollen. Der Alte gehört der Lega Nord an. Bosco wird von ihm erst als „Batman“ gefeiert, dann als Kandidat aufgestellt. Bald brüllt Bosco, der sich nie für Politik interessiert hat und sich immer als jemanden sah, der den Schädel hinhält für das vermeintliche Pack da oben, seine Wahrheit über eine Piazza voller Menschen. Sein Aufstieg ist unaufhaltsam.

          „1992“ springt in schneller Folge von einer Mikrostory zur nächsten, die Verbindungen zwischen den Figuren sind oft mutwillig konstruiert - dass Bosco ausgerechnet Veronica in einer schicken Bar anspricht, nimmt man ihm nicht ab -, und dass alle zwanzig Minuten eine Sexszene mit Schauwert ansteht, kann man sich bald ausrechnen. Von der Wucht „Gomorrhas“ ist 1992 weit entfernt. Und doch entsteht aus den Szenen in Fernsehstudios, auf Meetings, in klein- oder großbürgerlichen Wohnungen ein Bild davon, wie das große Ganze ins Rutschen gerät. Hier ist niemand ein Held, hier kämpft niemand für eine gute Sache, sondern jeder für sich. Die Serie urteilt nicht und weist keinen Ausweg, sie stellt nur fest. Der Werber gleitet im Porsche durch die Nacht und hört „Everybody Hurts“, der Polizist bricht in das Haus eines Verdächtigen ein und knallt ihm den Schädel auf die Tischplatte, damit es vorangeht mit den Aussagen. Sich so ohne Läuterung der eigenen Geschichte zu stellen, das hat Größe.

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