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Neue Sky-Serie „1992“ : Hier wäscht keiner seine Hände in Unschuld

Sein Politdrama folgt sechs mehr oder weniger lose miteinander verbundenen Charakteren durch ein Jahr, in dem die politischen Umwälzungen auch ihre Leben verändern werden. Es sind fiktive Figuren vor dem Hintergrund einer realen Geschichte, zu deren Personal reale Personen wie Di Pietro, Chiesa, Umberto Bossi, Berlusconi und viele weitere zählen. Die Hintergründe werden nicht groß erklärt - „1992“ wurde für das italienische Publikum konzipiert. Dann überlegte Sky es sich anders: Die Serie wird im März auch in Deutschland, Großbritannien, Irland und Österreich starten. Wenn man sich die Serie als literarisches Genre denken wolle, sagt Gagliardi, dann als historischen Roman. Geschrieben haben ihn die Autoren Alessandro Fabbri, Ludovica Rampoldi, Stefano Sardi und Nicola Lusuardi.

Dieser Roman hat allerdings viel von einem Comic, nicht optisch, aber in der Typisierung seiner Figuren. Das beginnt mit ihren sprechenden Namen. Im Schnelldurchlauf haben sie in der ersten Folge ihre Auftritte, jede auf ihrer eigenen Bühne. Da ist der Werber Leonardo Notte, verkörpert von Stefano Accorsi, der die Idee zu „1992“ hatte. Notte glänzt als aufgehender Stern am Agenturhimmel. Die achtziger Jahre hat er hinter sich gelassen, die Zeit der heilen Familie aus der Keks-Werbung, er lernt von seiner halbwüchsigen Tochter und von den Blicken alter dicker Männer auf junge Frauen, was begehrenswert ist: Showgirls, die in kurzen Röcken über Fernsehbühnen tänzeln. Die Zeit der „veline“ hat begonnen, sex sells, ganz gleich ob Zigaretten oder Politiker. Er begreift schnell: So lassen sich Bananenrepubliken retten.

Wo niemand ein Held ist

So lassen sich auch Karrieren planen. Das Showgirl Veronica Castello, für deren Rolle Miriam Leone, die Miss Italia von 2008, gecastet wurde, schläft mit dem Unternehmer Mainaghi (Tommaso Ragno), um in der Show „Domenica In“ auftreten zu können. Der Plan geht auf - doch auch Mainaghi gerät ins Visier der Ermittler. Seine Tochter Bibi (Tea Falco) fühlt sich zu Luca Pastore hingezogen, der es nicht nur wegen der Schmiergeldaffäre auf ihren Vater abgesehen hat. Was seinen Kollegen Rocco (Alessandro Venturi) wirklich antreibt, ist ebenfalls rätselhaft. Klar in seinen Zielen ist einzig der Irak-Heimkehrer Pietro Bosco.

Guido Caprino spielt diesen Mann, dessen Willkommen am Flughafen gleich ein Rausschmiss ist, mit einer Präsenz, die ihresgleichen sucht. Der Underdog mit dem Gewaltproblem schlägt im Schatten des Mailänder Doms zwei Albaner krankenhausreif, als sie einen alten Mann ausrauben wollen. Der Alte gehört der Lega Nord an. Bosco wird von ihm erst als „Batman“ gefeiert, dann als Kandidat aufgestellt. Bald brüllt Bosco, der sich nie für Politik interessiert hat und sich immer als jemanden sah, der den Schädel hinhält für das vermeintliche Pack da oben, seine Wahrheit über eine Piazza voller Menschen. Sein Aufstieg ist unaufhaltsam.

„1992“ springt in schneller Folge von einer Mikrostory zur nächsten, die Verbindungen zwischen den Figuren sind oft mutwillig konstruiert - dass Bosco ausgerechnet Veronica in einer schicken Bar anspricht, nimmt man ihm nicht ab -, und dass alle zwanzig Minuten eine Sexszene mit Schauwert ansteht, kann man sich bald ausrechnen. Von der Wucht „Gomorrhas“ ist 1992 weit entfernt. Und doch entsteht aus den Szenen in Fernsehstudios, auf Meetings, in klein- oder großbürgerlichen Wohnungen ein Bild davon, wie das große Ganze ins Rutschen gerät. Hier ist niemand ein Held, hier kämpft niemand für eine gute Sache, sondern jeder für sich. Die Serie urteilt nicht und weist keinen Ausweg, sie stellt nur fest. Der Werber gleitet im Porsche durch die Nacht und hört „Everybody Hurts“, der Polizist bricht in das Haus eines Verdächtigen ein und knallt ihm den Schädel auf die Tischplatte, damit es vorangeht mit den Aussagen. Sich so ohne Läuterung der eigenen Geschichte zu stellen, das hat Größe.

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