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ZDF-Krimi „Jenseits der Spree“ : Für die Familie lässt er alles stehen und liegen

  • -Aktualisiert am

Partner im Dienst: Jürgel Vogel und Seyneb Saleh Bild: ZDF und Stefan Erhard

Im neuen ZDF-Freitagskrimi „Jenseits der Spree“ zeigen Jürgen Vogel und Seyneb Saleh neue Rollenbilder. Er kümmert sich um die Familie, sie will Karriere. Das entspricht dem Zeitgeist und ist ganz unverkrampft.

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          Manchmal haben Traumata ihr Gutes. Für den Polizisten Robert Heffler (Jürgen Vogel) brauchte es das tragische Ende einer Geiselnahme, um den Alleingänger zum Work-Life-Balance-Vorzeigemann zu machen. Der Fall liegt zu Beginn von „Jenseits der Spree“, der neuen Freitagskrimi-Reihe im ZDF, schon drei Jahre zurück. Drei bessere Jahre als zuvor, scheint es, und doch Zeit für die Rückkehr in den Außendienst eines Berufs, den er liebt.

          Heffler, so kündigt der Sender ihn an, ist ein neuer Typ Kommissar. Alleinerziehender Vater mit Gluckeninstinkt, mit seinen drei jugendlichen Töchtern (Lea Zoe Voss, Luna Jordan und Bella Bading) bewusst vom Zentrum in die östliche Peripherie Berlins gezogen. Arbeit ist für ihn nicht alles, Familie zählt im Zweifelsfall mehr. Aus der Großstadthektik ging es nach Köpenick, wo rund um das außen nostalgische, innen funktionale Backsteinrevier, in dem die Mädchen schon mal Hausaufgaben erledigen, alles recht dörflich wirkt und das Leben einen entschieden entschleunigten Rhythmus hat.

          Heffler ist nun Disponent und erstellt Einsatzpläne, trägt keine Waffe mehr und lässt in Besprechungen alles stehen und liegen, wenn Zeit fürs Abendessen ist. Unverständlich für die neue, strafversetzte Kollegin Kay Freund (Seyneb Saleh). Sie ist professionell und karrierefokussiert, persönlich eher unstet, feiert privat schon einmal die Nächte durch und fährt direkt zum Tatort. Die Junge und der Bewährte, joborientierte Frau und familienaffiner Vater, das ergibt eine ganz gute Mischung für den traditionsreichen Sendeplatz („Ein Fall für zwei“, „Der Kriminalist“, „Der Alte“), auf dem Heffler & Freund nun erst einmal vier Fälle lösen dürfen (was etwas übertrieben als „erste Staffel“ angegeben wird).

          Wenig überraschend spannt Dienststellenleiterin Katharina Koblinski (Elisabeth Baulitz) beide als „Notfall“ im Außendienst zusammen. Spannungen und Kabbeleien, früher in solchen Dienstpartnerschaften gang und gäbe, bleiben aus, man arbeitet einfach prima zusammen, ergänzt sich aufs Beste, der Ton bleibt leicht. Heffler ist gechillt, Freund zwar neugierig, aber respektvoll. Zielorientierung ist Trumpf.

          Serientrailer : „Jenseits der Spree"

          Wenn man davon ausgeht, das Fernsehen die Verhältnisse nicht nur realistisch abzubilden hat, sondern brauchbare Alternativen darstellt (was nichts mit Erziehungsfernsehen zu tun haben muss), ist der sichtbare Versuch, mehr auf Zusammenhalt statt auf Spaltung zu setzen, nicht schlecht gelungen. So geht es nach dem Willen der Formatentwickler beziehungsweise Drehbuchschreiber (Felix Benesch, Stefan Rogall, Regine Bielefeldt und Maike Rasch) um diversere Unterhaltung auf der Höhe der Zeit. Wo noch in den letzten Jahren Frau Kommissarin als Alleinerziehende immerzu ihr Kind unterzubringen genötigt war und der gestresste Herr Kommissar üblicherweise mit den Mördern auch der Gefahr des frühen Herztods begegnete, dreht „Jenseits der Spree“ die Sache, fügt aber noch Prisen Landluft, Bodenständigkeit und Entspannung hinzu. Nebst dem Schauplatz Köpenick mit ansehnlichen, fast idyllischen Spreeblicken. Die Sache funktioniert aber vor allem, weil mit Jürgen Vogel, der die Bandbreite von hart bis zart überzeugend gibt, und der für das Fernsehen noch zu entdeckenden Seyneb Saleh zwei am Start sind, die den Rollentausch des klassischen Krimis glaubhaft und lebendig machen.

          Die in je einer Stunde mit dramatischer Schluss-Zuspitzung zu lösenden Fälle sind klassisches Mitrate-Material, sozusagen Pflichtübung für diesen Sendeplatz. Zum Auftakt ist der Mord an einem Äthiopier aufzuklären. Spuren führen zu einer Spedition und einer Chefin, die sich der Zudringlichkeit eines – äußerst bösewichthaftig gespielten – Mitarbeiters erwehren musste, und zu einem halbkomatösen Kunstsammler und seiner allzu netten Pflegerin. Großen Subtilitätsgewinn darf man nicht erwarten, solide Drehs und Wendungen schon. Es steht zu erwarten, dass es für Heffler & Freund nach den ersten vier Fällen munter weitergeht.

          Jenseits der Spree, heute um 20.15 Uhr im ZDF

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