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Neue ZDF-Sitcom „Ellerbeck“ : Was für ein Schweinkram

  • -Aktualisiert am

Die Bürgerinitiative mag es gern drastisch: Sabine (Cordula Stratmann) verteilt erst Flugblätter und tritt dann zur Bürgermeisterwahl an. Wer da wohl gewinnt? Bild: Frank Dicks

2015 scheint das Jahr von Cordula Stratmann zu sein. In der ARD ist sie als „Die Kuhflüsterin“ zu sehen. Beim ZDF protestiert sie jetzt in „Ellerbeck“ gegen Mastbetriebe. Die Sitcom über Wutwurstbürger passt in die Zeit.

          Eine Sitcom, in der ständig beim Griechen Ouzo gebechert wird und ein Kleinstadtbürgermeister (der glatt als früher Kurt Beck durchgehende Markus John) in Sonnenkönigattitüde dem irgendwie immer anwesenden Frühstücksfernsehpublikum, dessen Perspektive wir hier einnehmen, folgenden Satz aufs Brot schmiert: „Demokratie ist ja griechisch und heißt übersetzt: ‚Jeder Arsch darf mitbestimmen‘“, so eine Sendung passt einfach zum gegenwärtigen Politzirkus wie der Hahn auf den Misthaufen.

          Wenn einem also die fröhlich blödelnde Lokalpolitik-Persiflage „Ellerbeck“ (Regie: Marcus Weiler, Buch: Dietmar Jakobs und Lars Albaum) wieder einmal zu dick aufzutragen scheint, und das tut sie bei der Vordergrundhandlung in der Tat, dann darf man sich ins Bewusstsein rufen, dass alles jenseits der Kindergärtnerin-zeigt-wo-der-Hammer-hängt-Handlung tatsächlich ein veritables Abbild der deutschen Provinz darstellt: die mit durchgedrücktem Rücken stolz verkündete Hauptkulturleistung der Stadt: „Heimat des deutschen Kaffeemühlenmuseums“; die gepiercte, gelangweilte Tochter, die auf väterliche Vermittlung eine Vorzimmerdamenausbildung beim Bürgermeister absitzt, aber nur von ihrer Band „Kadaverkotze“ träumt; die unvermeidliche Wirtschaftsstandortgroßtat „Eller-Center“, der nun eine weitere folgen soll: die größte Schweinemastanlage Europas. Das Unternehmen „Globo Fleisch“ hat schon eine Haxe in der Tür.

          Die Wutwurstbürger bei der Arbeit: Sabines (Cordula Stratmann, 2. v. li.) Initiative macht gegen die geplante Mastanlage mobil, die in Ellerbeck gebaut werden soll.

          Schöne Schnodderigkeit

          Dagegen protestiert eine engagierte Chaostruppe, die zum Beispiel die Femen-Strategie übernimmt, ihren Slogan („No Mast“) aber auf Bierbäuche schreibt. Eigentlich sind diese Wutwurstbürger, dargestellt durch Charaktermimen wie Inka Friedrich, Kai Lentrodt oder Oliver Nägele, aber ganz knuddelig. Von der Teilnahme an der Kommunalwahl versprechen sie sich nicht viel, zumal noch ihre Spitzenkandidatin abspringt. Kurzerhand wird die Kindergärtnerin Sabine Ebert aufgestellt, und man muss schon arg aufpassen, um sie nicht mit der ebenfalls von Cordula Stratmann gespielten „Kuhflüsterin“ zu verwechseln, die gerade in der ARD auf der Provinzweide grast: 2015 ist ein Stratmann-Jahr offenbar. Es gibt Schlimmeres. Ein wenig „drüber“ agiert sie meist schon, mehr grimassierend als schauspielernd, aber niemand sonst kann in so schöner Schnodderigkeit Sätze wie diese hinwerfen: „Bürgermeisterkandidatin? Nee. – Gut, wenn man für was richtig brennt, ne? Also der Jesus hat sich ja für seine Idee auch kreuzigen lassen, ne? Aber der war auch Single und hatte nicht so ’ne Verantwortung im Job.“

          Natürlich wird die schusselige, aber grundehrliche Kindergärtnerin von den Ellerbeckern zur Bürgermeisterin gewählt. Das ist doch ein Anfang! Schwester Hanna zum Beispiel wartet darauf seit fast zweihundert Folgen im drögen Kaltenthal. In Ellerbeck ist allerdings nach sechs Episoden schon wieder Schluss.

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