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Neue ZDF-Serie „Lu von Loser“ : Glücklichsein ist eine Zumutung

  • -Aktualisiert am

Heldenhaft: die schwangere Lu (Alice Gruia) beim Frauenpower-Fotoshooting Bild: ZDF und PATRICK ESSEX

Kein Job, kein Elterngeld, kein Partner, keine Wohnung: Die ZDF-Miniserie „Lu von Loser“ wirft einen eigenwilligen, neuen Blick auf Schwangerschaft.

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          Es war eine Frist ohne Verhandlungsspielraum. Bis Mai 2020 musste „Lu von Loser“ abgedreht sein, für dann war die Geburt von Alice Gruias Kind ausgerechnet. Bis dahin hatte es im Bauch der Drehbuchautorin, Regisseurin und Hauptdarstellerin der Serie eine tragende Rolle, in der letzten Folge dann den ersten Auftritt jenseits des Mutterleibs.

          Darauf, dass die Protagonistin auch sonst einiges mit ihrer Erfinderin gemeinsam hat, lässt ihr Name schließen: „Lucia“ hat Alice Gruia ihre schwangere Heldin genannt. Diese stellt sich selbst stets als „Lu“ vor, kurz für Loser oder Lusche, so wie sie sich gerade fühlt. „Findest du Kölle etwa nicht total geil?“, fragt der Mann einer alten Schulkameradin bei einer peinlichen Begegnung in der U-Bahn. Lu starrt ihn nur an.

          Im neunten Monat schwanger, hat sie Berlin, ihre Band und damit die Träume von einer Musikkarriere hinter sich gelassen und lebt nun mit 32 Jahren wieder in ihrem alten Kinderzimmer bei ihrer Mutter in Köln, wo sie unter den Posteraugen von Kurt Cobain und den Backstreet Boys ihr Leben an sich vorbeiziehen sieht. Kein Job, kein Elterngeld, kein Partner, keine Wohnung – das sind nicht die einfachsten Voraussetzungen für baldiges Mutterglück.

          „Ich fühle mich gar nicht willkommen“, sagt „die Schwangerschaft“, gespielt von einer Frau Mitte vierzig in einer Selbsthilfegruppe, nachdem Lu sich zögerlich von ihr hat umarmen lassen. Hier ist also keine Hilfe zu erwarten, genauso wenig von ihrer Mutter, gespielt von Martina Eitner-Acheampong, die hier quasi ihre bekannteste Figur, Erika aus „Stromberg“, wunderbar wiederbelebt. Mal schreit und kritisiert, dann klammert sie wieder, freilich alles im Zeichen der Liebe. Ähnlich anstrengend ist der überbesorgte Kindsvater Timo (Jonas Baeck), der allerdings in Rolle und Spiel neben den Frauen verblasst. Doch es gibt auch schöne Momente in Lus Leben, wenn etwa der Typ, der sie penetrant zum Lächeln auffordert, unerwartet aufgemischt wird. Oder, der Klassiker, wenn sich Risse in der vermeintlich heilen Fassade anderer Beziehungen auftun.

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          Die Erwartung, dass man im Leben glücklich zu sein hat, ist allgegenwärtig, in der Schwangerschaft erreicht sie allerdings oft ganz neue Sphären, zumindest wenn es keine besonderen körperlichen Beschwerden gibt. In dieser Zeit kann sich Mutter noch nicht über kurze Nächte oder wunde Brustwarzen beschweren, alles steht im Zeichen der Vorfreude: Nest bauen, Mutterschutz, Füße hoch, Zeit mit dem Partner genießen. Sorgen? Zweifel? Andere können gar nicht schwanger werden! Mit der Absicht, dieses Sentiment aufzubrechen, bewegt sich Alice Gruia international in prominenter Gesellschaft von Serien wie „Working Moms“ oder „The Letdown“ bei Netflix, stilistisch verbindet sie einiges mit „SMILF“ und dem offensichtlichen Vorbild „Fleabag“, das in Deutschland bei Amazon zu sehen (und unbedingt zu empfehlen) ist.

          Acht lohnenswerte Episoden

          Generell sind in der Popkultur Erfolgsgeschichten und Enthusiasmus aktuell eher out und „Loser“-Figuren in, auch wenn diese immer öfter in Superhelden-Anzüge gesteckt werden. Ob es dafür in der Komödie einer neue Genre-Bezeichnung bedurfte, kann man in Frage stellen. Das ZDF hat sich entschieden, den englischen Begriff der „Sadcom“ für „Lu von Loser“ zu übernehmen, gemeint ist damit eine traurige Form des traditionell lockeren „Sitcom“- Formats. Ursprünglich für das Internet konzipiert, besteht die Serie aus acht kurzen Episoden à fünf bis zehn Minuten. Im Fernsehprogramm werden sie am Stück auf dem gewohnt undankbar späten Sendeplatz des Kleinen Fernsehspiels ausgestrahlt, in der ZDF-Mediathek sind sie ein Jahr lang besser aufgehoben.

          Hier können sie Neugierige mit ihrer Kürze locken, um sie dann mit Irritation, manchmal meisterhafter Situationskomik und aufrichtiger Zurschaustellung menschlicher Schwächen und Bedürfnisse gefangen- zunehmen – und ehe man sich versieht, sind alle Folgen durchgelaufen. Nur wenige Monate vergingen von der ersten Idee bis zum letzten Drehtag, noch dazu in der Pandemie und mit schwangerer Autorenfilmerin. Unter Druck können Diamanten entstehen, ihre Reinheit bleibt Nebensache, solange Form und Symbolik stimmen. Mit diesem hier macht das ZDF seinen Zuschauern und Zuschauerinnen ein unkonventionelles, aber sehr begrüßenswertes Geschenk zum Muttertag.

          Lu von Loser läuft an diesem Montag, 23.55 Uhr, im ZDF.

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