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Neue Serie „Star Trek: Picard“ : Veteranen sind die neue Jugend

Jetzt, da Patrick Stewart alt ist, können wir seine Picard-Interpretation mit Vorgriffen auf ein damals nur spekulativ konstruierbares Spätwerk vergleichen, die „TNG“ mehrmals inszeniert hat, etwa in der Episode „All good things…“ (1994), als die Feindschaft zwischen Picard und dem transdimensionalen Überdrecksack Q bis ins letzte weiße Haar nachglühte, oder in „The Inner Light“ (1992), als Picard vierzig Jahre in wenigen Minuten durchlitt, ein einfacher Mann auf einer Welt der Dürre und Entbehrungen.

Das Ergebnis des Vergleichs: Der Alte, den der Alte spielt, ist lebhafter und listiger, energischer und reflektierter als der Alte, den der Jüngere gespielt hat. Mit der politischen Moral freilich haben es beide, aber nie wie ein linker Langbart von der Uni, der bei irgendeiner Soli-Veranstaltung für eine Minderheit, der er nicht angehört, erst die Teilnahme zusagt und sich dann drückt, weil sein wirrer Studienstundenplan nicht aufgeht. So einer würde der Sternenflotte in der Romulaner-Flüchtlingskrise mangelnde Empathie mit Leidenden vorwerfen, Picard dagegen nennt sie „dishonorable“, also „ehrlos“, denn der Mann ist Oppositioneller wegen Rückgrat und Stolz statt aus Zivilreligion, was vorzüglich zu Hannah Arendts berühmter Beobachtung passt, dass Verfolgten im Nationalsozialismus sich nicht unbedingt auf Jesusleute, Sozialistinnen des Herzens oder sonstige Überzeugte verlassen konnten, dafür umso eher auf Individuen verschiedenster Herkunft, die nicht willens waren „mit einem Mörder zusammenzuleben: mit sich selbst.“

Technik und Ethik, eine Gegenwartsfrage von morgen

Wie er zu Außerirdischen oder Androiden steht, entscheidet so jemand nach dem eigenen Gewissen, das ihm aber auch verrät, dass ihn andere nicht als ihren Retter anhimmeln müssen, sondern dass er umgekehrt, wenn er ihnen helfen will, gehalten ist, ihnen zuzuhören, ihre Erfahrungen für voll zu nehmen. Diese komplexe Sozialmoralkonstellation erhebt „Star Trek: Picard“ hoch über die schwach motivierten Minderheiten-Allegorie-Klebebildchen und Emanzipationsposen der bislang bestenfalls durchwachsenen Enttäuschung „Star Trek: Discovery“, die seit 2017 den „Star Trek“–Kanon ausbauen soll.

Erste Mäkelei an Picards neuen Abenteuern in einschlägigen Foren hat zwar beanstandet, Brent Spiner als Data sei in Rückblenden nicht genügend automatenalterslos. Aber gerade solche Patinamomente stehen der neuen Show, weil sie eine wichtige Wahrheit der infotechnischen Ära bebildern: Nicht nur Luke Skywalker oder Sarah Connor altern (in Gestalt von Mark Hamill und Linda Hamilton), sondern auch der Terminator (soweit er Schwarzenegger heißt) und Data, weil wir heute wissen, dass Apparate altern, die wir als unsere vergegenständliche Zukunft betrachtet haben. Bei der Einführung der CD auf dem Musikmarkt hieß es, sie sei unverwüstlich, aber wer weiß, wie lange es noch Geräte gibt, die sie lesen können?

Ein Borg-Würfel, Artefakt der gefährlichsten Sorte Cyborg in der ganzen Science Fiction, wird in „Star Trek : Picard“ ausgeschlachtet und modernisiert; nicht mal das teilautomatisierte Böse ist also vor dem Obsoletwerden sicher. Im Guten wie im Schlimmen vermenschlicht Kunst Maschinen, seit wir Vorrichtungen haben, die uns ergänzen und modifizieren, von der Brille bis zum Herzschrittmacher. Technik erzählend zu vermenschlichen, artikuliert den Anspruch, die Geltung menschlicher Ethik auf sie auszudehnen. Wenn wir das nicht schaffen, entgleitet und die Menschlichkeit, die wir für unseren fixen Besitz und unser Erbteil halten. Jean-Luc Picards Sorgenfalten handeln davon. Man ehre sie.

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