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Neue Serie auf Vox : Lohnt sich Verbrechen am Ende doch?

Umringt von ihren besten Helfershelfern: Viola Davis spielt die Anwältin Annalise Keating mit Wucht und Verve. Bild: ABC

Auf Vox startet die Serie „How to Get Away with Murder“: Die Anwältin und Juraprofessorin Annalise Keating vertritt die Lehre, vor Gericht sei alles erlaubt. Müssen deshalb ihre Studenten gleich eine Leiche beseitigen?

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          Was ist das Ein und Alles eines Strafverteidigers? Es ist das Curriculum, auf das die charismatische Juraprofessorin und Anwältin Annalise Keating ihre Studenten verpflichtet. Sie fasst es in sechs Worte, die sie in der ersten Vorlesung groß an die Tafel schreibt: „How to Get Away with Murder.“ Wie man mit einem Mord davonkommt, darum geht es, und nur darum. Den Angeklagten freizubekommen, ob er oder sie schuldig ist oder unschuldig, ob er oder sie lügt wie gedruckt oder die Wahrheit sagt - das ist einerlei. Die Moral von der Geschicht’ erfolgreicher Anwälte ist, dass es keine Moral gibt. Gerechtigkeit ist auch nicht gefragt. Es geht allein um den Sieg vor Gericht, den zu erringen jedes Mittel recht ist. Um Delinquenten vom Verdacht eines Verbrechens zu befreien, verlässt die Anwältin Annalise Keating auch selbst den Boden der Legalität. Beziehungsweise: Sie lässt ihre Studenten den Boden bereiten.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Vier oder fünf wählt sie aus jedem Jahrgang für ihre Kanzlei aus. „Die Besten“, sagt sie, aber es sind selbstverständlich nicht die Besten, sondern jene, die ihr am besten als Helfershelfer passen - erfolgshungrige, persönlich angreifbare junge Leute, deren Stärken und Schwächen die Professorin auf den ersten Blick erkennt. Wie weit diese fünf Zauberlehrlinge zu gehen bereit sind, sehen wir in der allerersten Szene: Sie schaffen eine Leiche beiseite. Wer das Opfer ist, erfahren wir am Ende der erste Folge; wer den Mord begangen hat, am Ende der ersten Staffel der Serie. Wie man mit einem Mord davonkommt, das wird für die Schüler von Annalise Keating zu einer ganz persönlichen, existentiellen Lektion. Für sie alle geht es um nichts anderes mehr als um die Frage, die ihre Lehrerin an die Tafel geschrieben hat.

          Verwegene Konstruktionen machen alles passend

          Viola Davis spielt diesen weiblichen Mephisto mit solcher Wucht und Verve, dass die anderen Schauspieler nur noch blass aussehen. Einer Figur allerdings gibt die Drehbuchautorin und Produzentin Shonda Rhimes etwas mehr Raum, weil es ihr in die Konstellation passt: dem jungen Wes Gibbins (Alfred Enoch), dem sich Annalise Keating von ihrer scheinbar persönlichen, scheinbar schwachen, scheinbar emotionalen Seite zeigt. Dabei folgt sie in jedem Augenblick ihrer Maxime, dass Schwäche nur etwas für Verlierer ist. Und sie ist eine Siegerin, eine Wölfin unter Wölfen. Das unmoralische Angebot, das sie ihren Eleven macht, ist unwiderstehlich, es verheißt Macht, Erfolg und Geld. Wes Gibbins versteht, worum es geht, er wird das Leichenbeseitigungskommando anführen.

          Annalise Keating (Viola Davis) predigt ihren Studenten sechs Worte.
          Annalise Keating (Viola Davis) predigt ihren Studenten sechs Worte. : Bild: ABC

          Wer aber nach der ersten Folge denkt, die Lösung zu ahnen, macht seine Rechnung ohne Shonda Rhimes. Sie treibt das Whodunit Folge für Folge in immer unwahrscheinlichere Richtungen und macht jeden verdächtig. Schon in der ersten Folge gibt es neben dem vor Gericht verhandelten Fall nicht einen, sondern zwei Morde und haufenweise mögliche Täter. Beweise verschwinden lassen, Zeugen diskreditieren, Zweifel säen - so lautet der Dreisatz von Annalise Keating, und das Textbuch von Shonda Rhimes baut darauf auf. Mit Logik und Wahrscheinlichkeit freilich ist es nicht weit her, was passen soll, wird durch verwegene Konstruktionen passend gemacht, und ins Schema passen müssen auch die Charaktere.

          Die Klasse von „Breaking Bad“ oder „Homeland“ erreicht Shonda Rhimes, von der Serien wie „Grey’s Anatomy“ und „Private Practice“ stammen, mit „How to Get Away with Murder“ nicht. Was immer sie ihren Figuren zumutet, wie sehr sie moralische Grenzen dehnt und verwischt und die Ränkespiele und Nöte ihrer Protagonisten schildert, es wird doch irgendwie ein verqueres Loblied des amerikanischen Traums daraus. Und sehr spannende Unterhaltung auch.

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