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Neue Serie über Gianni Versace : Es war einmal in Amerika

Serienkiller und Spekulationsobjekt: Darren Criss als Versace-Mörder Andrew Cunanan in „American Crime Story: The Assassination of Gianni Versage“ Bild: Die Verwendung ist nur bei redak

Mode, Homophobie, Aids, Mord und das große amerikanische Versprechen: Davon erzählt die neue Serie „The Assassination of Gianni Versace“.

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          Zwanzig Jahre lang hatte Antonio D’Amico, der Partner des Modedesigners Gianni Versace, kein öffentliches Wort über den Morgen des 15. Juli 1997 verloren, den Tag, an dem er, als er auf der Terrasse von Versaces Villa in Miami Beach beim Frühstück saß, zuerst die Schüsse hörte. Und dann, nachdem er das Tor geöffnete hatte, seinen berühmten Freund blutend auf den Stufen fand. Im Juli des vergangenen Jahres redete er zum ersten Mal darüber, wie er den Mord erlebt hat, und gab der britischen Zeitung „Observer“ ein Interview, gewissermaßen aus Protest: D’Amico hatte im Internet die ersten Szenen aus der Serie „American Crime Story: The Assassination of Gianni Versace“ gesehen und fand sie lächerlich: Wie Ricky Martin, der ihn spielt, Versaces Körper in den Armen hält, als wolle er Michelangelos „Pietà“ nachahmen; wie Versace, der bekennende Homosexuelle, der sich nie für Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit geschämt habe, bei einem Strandspaziergang aus Angst vor den Paparazzi D’Amicos Berührung zurückweist. Künstlerische Freiheit hin oder her, so sei das nie gewesen.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          D’Amicos Interview war der inoffizielle Trailer zur neuen Staffel der Reihe „American Crime Story“, die im vergangenen Jahr den Prozess von O. J. Simpson so grandios als Drama nacherzählt hatte. Auch das Haus Versace half in den vergangenen Monaten kräftig mit, die Erwartungen zu befeuern: Giannis Schwester Donatella stellte offiziell klar, dass die Macher der Serie mit niemandem aus der Familie geredet hatten und dass es sich deshalb nur um Fiktion handeln könne; auch das Buch der Journalistin Maureen Orth, auf dem die Serie beruhe, sei nur „Klatsch und Spekulation“. Orths These, ihr Bruder sei zum Zeitpunkt seines Todes HIV-positiv gewesen, wies Donatella Versace als „reißerische Behauptung“ zurück. Zufrieden war sie nur mit der Besetzung ihrer Rolle: Wenn es schon sein müsse, so sagte sie zu Penélope Cruz, dann sei sie froh, dass sie es sei.

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          So verständlich das Unbehagen der Familie ist, dass nun der Mord an Gianni Versace zum Thema eines Fernsehdramas wird, so paradox ist ihr Insistieren auf Authentizität. Denn selbstverständlich weiß auch Donatella Versace, dass es darauf ankommt, was man aus einem Typ macht – in der Mode wie beim Film. Niemand liebte Übertreibungen so sehr wie Versace, der Mann, dem es nie grell und golden und geil genug sein konnte. Niemand vor ihm missachtete die Regeln von Geschmack und stilistischen Proportionen so lustvoll wie er. Und niemand wusste besser als Versace, dass ein Modelabel nicht in erster Linie Kleider verkauft, sondern Träume, Märchen und Mythen.

          Auch wenn also Ryan Murphy, der Schöpfer und Produzent von „The Assassination of Gianni Versace“, dem Haus Versace brav entgegnete, wie sorgfältig recherchiert und faktengeprüft Orths Buch sei, interessiert er sich zum Glück nicht zu sehr für die dokumentarische Wahrheit. Authentisch wirkt die Serie trotzdem schon dank des Umstands, dass Versaces Villa in Miami Beach heute ein Boutique-Hotel ist, welches, wenn es nicht gerade von den Kardashians gemietet wird, gerne für Dreharbeiten zur Verfügung steht. Und auch die eher spanisch geprägten Schauspieler Édgar Ramírez (als Gianni Versace) und Penélope Cruz haben fleißig an der cultural appropriation ihrer italienischen Figuren gearbeitet.

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