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Netflix-Serie „The Rain“ : Jugendliche irren durch den Wald

Sie sind auf sich gestellt: In „The Rain“ geht es durchs Unterholz. Bild: Netflix

Flucht vor der Apokalypse: In der Netflix-Serie „The Rain“ ist die allgemeine Wetterlage vorwiegend toxisch. Das haben wir von der Machart her leider schon viel zu oft gesehen.

          Über die Hänge von zwölf nebligen Bergen sei er gestolpert. Gewandelt und gekrochen sei er auf sechs gewundenen Autobahnen. Inmitten von sieben traurigen Wäldern habe er gestanden und vor einem Dutzend toter Ozeane: „It’s a hard rain’s a-gonna fall“, prophezeite schon Bob Dylan und nahm damit alles vorweg, was die dänische Netflix-Serie „The Rain“ ausmacht.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Der titelgebende Regen, der in naher Zukunft über Dänemark niedergeht, hat es in sich: Ein Virus, der ursprünglich dazu gedacht war, Menschenleben zu retten, ist unter ungeklärten Umständen in die Atmosphäre gelangt und tötet jeden, der mit ihm in Kontakt kommt, binnen Minuten. Simone (Alba August) und ihr jüngerer Bruder Rasmus (Lucas Lynggaard) fliehen, angeleitet von ihrem Vater Frederik (Lars Simonsen), in einen geheimen Bunker im Wald. Dass der Vater und sein Arbeitgeber, die Pharmafirma Appollon, etwas mit den Ereignissen zu tun haben, dämmert den Kindern erst später, dem Zuschauer wird es in Rückblenden dargelegt. Mutter Ellen (Iben Hjejle) stirbt noch in der ersten Folge, Vater Frederik macht sich auf, ein Gegenmittel zu beschaffen. Die Geschwister sind also auf sich allein gestellt. Sie verbringen die nächsten sechs Jahre im Bunker.

          Mit verlangsamenden Momenten hält man sich in der achtteiligen Serie nicht auf. Der tödliche Regen fällt schnell und unbarmherzig. Da wird nicht viel erklärt. Rasch schreitet auch die Kindheit im Bunker voran. Eben noch bettete Simone ihren kleinen Bruder in Wolldecken. Eine Zeitrafferaufnahme später macht ein ausgewachsener Rasmus Klimmzüge an einer Regalhalterung. In „The Rain“ müssen alle schnell erwachsen werden.

          Das heißt auch – existentielle Entscheidungen treffen. Also beschließt Simone, dass es Zeit ist, zu gehen, als die Nahrung knapp wird. Sie schließen sich einer Gruppe anderer Jugendlicher an, die auf der Suche nach Nahrung von Bunker zu Bunker zieht. Versammelt sind hier die Archetypen einer Jugendgang: Martin (Mikkel Følsgaard) ist der Anführer, Patrick (Lukas Løkken) ist der Mitläufer, Beatrice (Angela Bundalovic) ist die geheimnisvolle einsame Wölfin. Lea (Jessica Dinnage) und Jean (Sonny Lindberg) sind die Außenseiter. In den ersten Folgen sieht man sie durch den Wald stapfen, in Gewächshäusern Unterschlupf und im vermeintlich menschenleeren Kopenhagen nach Nahrung suchen. Zugleich sind sie natürlich auf der Suche nach sich selbst.

          Die Macher von „The Rain“, Jannik Tai Mosholt („Borgen“), Esben Toft Jacobsen und Christian Polativo, haben sich eine schwierige Ausgangssituation geschaffen. Warum das Virus zwar im Regen, in Flüssen, Seen und Pfützen, nicht aber im Nebel und sonstiger Luftfeuchtigkeit vorhanden sein soll, wird nicht erklärt. Viele Szenen bleiben erklärungsbedürftig. Über die sechs Jahre, die Simone und Rasmus im Bunker verbracht haben, geht die Handlung zu schnell hinweg. Auch der Kontrast zwischen der sterilen Welt der Bunker und der verseuchten Außenwelt wird bildlich kaum eingefangen. Üppig eingesetzte Computeranimationen verwandeln die Post-Apokalypse nicht selten in ein Wachsfigurenkabinett.

          Als genuin dänisch oder skandinavisch geht die Serie nicht durch, es sei denn, man lässt die immer wieder prominent abgebildeten Rucksäcke eines schwedischen Outdoor-Ausrüsters gelten. Punkten kann die Serie immerhin durch die geschickt eingeflochtenen Momente jugendlicher Unbeschwertheit, von denen eigentlich niemand so richtig weiß, woher sie rühren. Aber genau das lässt sie so realistisch erscheinen.

          The Rain, von heute, Freitag 4. Mai, an bei Netflix.

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