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Netflix-Serie „Away“ : Was braucht es wirklich, um zum Mars zu reisen?

  • -Aktualisiert am

Hilary Swank spielt die amerikanische Astronautin Emma Green. Bild: Diyah Pera/Netflix

Wenn Raumfahrt zur Realityshow wird: Die Netflix-Serie „Away“ bewegt sich trotz hochkarätiger Besetzung auf allzu bekannten Umlaufbahnen.

          3 Min.

          In einer frühen Szene der Netflix-Serie „Away“ sitzt die Familie Green bei einem romantischen Abschiedsdinner zusammen. Sie wollen den bevorstehenden Launch der Mars-Mission feiern, die Emma Green (Hilary Swank) kommandieren wird. Die feierliche Stimmung wird von einer bangen Frage ihrer Tochter Alexis (Talitha Bateman), Einzelkind im Highschool-Alter, gestört: „Stimmt es, dass die Chancen für dein Überleben fünfzig-fünfzig stehen?“ Ja, sagt Emma, es sei „ein Job mit Risiken“, aber sie habe immerhin die besten Wissenschaftler der Welt hinter sich. Alexis’ Vater Matt (Josh Charles), Raumfahrtingenieur in der Kommandozentrale der „Atlas“-Mission, geht dazwischen: „Ich werde deiner Mutter niemals etwas zustoßen lassen.“

          Hilary Swank spielt die Kommandantin der „Atlas“-Mission, die auf einer insgesamt dreijährigen Reise erstmals Menschen zum Mars bringen soll. Zu Greens Crew gehören der Russe Misha (Mark Ivanir), ein erfahrener alter Kosmonaut, der aus seiner vermeintlich überlegenen Expertise keinen Hehl macht; der tiefgläubige Afrikaner Kwesi (Ato Essandoh), der hier seinen allerersten Raumflug bestreitet; die Chinesin Lu (Vivian Wu), der die Ehre der Volksrepublik offenbar über ihrer Familie steht; und der Inder Ram (Ray Panthaki), ein gutaussehender und feinfühliger Pilot.

          Die Serie, von Jason Katims produziert und von Andrew Hinderaker konzipiert, wurde von einem gleichnamigen „Esquire“-Artikel von 2014 inspiriert. Die Reportage, die die Vorbereitung des Astronauten Scott Kelly auf seinen zwölfmonatigen Aufenthalt auf der Internationalen Raumstation ISS beschreibt, sei ihm nicht mehr aus dem Kopf gegangen, sagte Katims auf der diesjährigen virtuell abgehaltenen Sommerkonferenz der amerikanischen Fernsehkritiker. Kellys Langzeittrip im All produzierte einen Wust medizinischer Daten zur Vorbereitung auf die geplante Mars-Mission der Nasa in den 2030er oder 2040er Jahren, und der Gedanke an die Belastungen für die Astronauten einer solchen Mission stand Pate für „Away“.

          Jede Woche eine neue Krise

          Verschiedene Sequenzen der Serie sind dem Stück von Chris Jones direkt entnommen – darunter Katastrophenszenarien und haarsträubende biologische Anpassungsprozesse, die sich in der Schwerelosigkeit abspielen. Aber während der Journalist Jones seine Erkenntnisse zum Anlass nahm, über die körperliche, psychologische und metaphorische Transformation von Menschen fern ihres gewohnten Kontexts nachzudenken, bleibt die Serie meist zu melodramatisch, um sich über das Offensichtliche hinaus zu erheben.

          Vielmehr entfaltet jede Episode eine Art Krise der Woche, die von gefährlichen technischen Pannen über waghalsige Manöver und Dramen am Boden bis hin zu zwischenmenschlichen Konflikten an Bord reicht. Vieles bleibt gängigen Unterhaltungsklischees verhaftet: Kommandantin Green darf sensibel und weiblich sein; der knarzige Kosmonaut Misha misstraut Greens Kommandotauglichkeit; die linientreue Chinesin Lu verbirgt unter ihrer kühlen Disziplin noch eine andere Seite. Swanks Emma Green ist eher Muttertier als Führungspersönlichkeit. Sie bringt den Sorgen und der Skepsis ihrer Crew-Mitglieder größtmögliches Verständnis entgegen, auch dann noch, als diese kurz vor der Meuterei stehen. Sie tröstet ihre leidende Tochter und baut ihren kranken Mann auf. Und sie meistert Krisen, indem sie Gefahren an sich reißt, um ihre Crew zu schützen. „Mir gefiel, dass sie verletzlich beschrieben wurde“, sagte Hilary Swank auf der virtuellen Pressekonferenz zur Serie, „und dass dies nicht als Schwäche, sondern als Stärke gewertet wird. Ich finde das sehr zeitgemäß.“ Trotzdem finden sich Szenen wie jene, in der die Kommandantin einen lebensgefährlichen Stunt hinlegt, um endlich den Respekt ihres männlichen Kritikers zu gewinnen. Das ist nachgerade antifeministisch. Allzu oft wird dann der Holzhammer bemüht.

          Auch die Beziehung zwischen Green und ihrem Ehemann Matt, der selbst Hoffnungen auf die Leitung der Mars-Mission hatte und wegen gesundheitlicher Erwägungen zurücktreten musste, wirkt bemüht. Dass sich die womögliche medizinische Untauglichkeit von Matt prompt in einem Kollaps manifestiert, kaum dass Emma den Ritt zum Mars angetreten hat, verwirft eine vielleicht spannendere Konstellation, in der aus Ungewissheit und gekränktem Stolz Konfliktmaterial gewonnen werden könnte. Stattdessen meistert man hier schlicht eine Krise nach der anderen. Die Serie ist mit solch heiligem Ernst darum bemüht, Emma als sensible, aber starke Frau zu zeichnen, dass auch Swanks Natürlichkeit den Eindruck nicht verdecken kann, dass sich hier eine weibliche Führungsperson in Gefälligkeit erschöpfen muss, statt Kante zeigen zu dürfen.

          Chris Jones’ „Esquire“-Artikel umschrieb die Raumfahrt mit dem Zitat von Buzz Aldrin, nach dem Mut die „allmähliche Akkumulation von Disziplin“ sei. Hier wirkt Raumfahrt eher wie eine Realityshow, die ihren Teilnehmern allzu durchsichtige Rollen zugedacht hat. Es mag freilich problematisch sein, eine Science-Fiction-Serie an ihrer Realitätsnähe zu messen. Aber was andere Raumfahrt-Epen der vergangenen Jahre so eindringlich machte, war ihre unbedingte Glaubwürdigkeit. Sandra Bullocks einsamer Kampf gegen das Verlorengehen im Weltall in „Gravity“ war ein zutiefst verstörendes Erlebnis. Das Auftauchen von Schürfkonzernen auf dem Roten Planeten in der Bugwelle der ersten Mars-Mission rahmte in der Nat-Geo-Serie „Mars“ einen faszinierenden Konflikt. Und Matt Damons Robinsonade in „The Martian“ entfaltete sich zu einer aufrichtigen Liebeserklärung an die Wissenschaft.

          „Away“ sei im Kern ein Stück über den menschlichen Willen und das Vermögen dieses Willens unter Druck, sagte Katims. Vielleicht ist es dieser hehre und humorlose Heldenanspruch, der seiner Serie die Befreiung aus allzu überkommenen Umlaufbahnen versagt.

          Away ist auf Netflix abrufbar.

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