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ZDF-Krimi „Die Toten von Salzburg" : Der Herr Hofrat versteht sich auf Inklusion

  • -Aktualisiert am

Liebe auf den ersten Blick: Die Ermittler Hubert Mur (Michael Fitz, M.) und Peter Palfinger (Florian Teichtmeister, l.) Bild: ZDF und Hubert Mican

Im ZDF geht eine gelungene bayrisch-österreichische Ermittlung in Serie: „Die Toten von Salzburg“ bietet viel Lokalkolorit und ein neues Polizistentraumpaar im grenzüberschreitenden Ermittlerverkehr.

          Assam ist ein Tee, der viel Aufmerksamkeit braucht, weswegen der Hofrat Seywald (Erwin Steinhauer) seinen neuen Topmann aus Graz, den Major Palfinger (Florian Teichtmeister), im Caféhaus empfängt. Eine Leiche gibt es auch schon, aber die ist ohnehin tot, also kann auch erst einmal auf die Buttersemmeln gewartet werden.

          Keine unziemliche Hast. In Salzburg gehen die Uhren anders, da verlangsamt das Kopfsteinpflaster den Schritt, und durch die Horden von Barockfassaden bestaunenden Touristen ist ohnehin kaum ein Durchkommen. Wer mit wem mauschelt, ist ohnehin klar. Es gilt, aus der Not eine Tugend zu machen. In dieser Disziplin ist der polizeivorsitzende Hofrat mit seinem schneidigen Bärtchen spitze, und an einer schön weichen Suada mangelt es ihm auch nicht, sogar wenn es um politische Scharmützel mit der knochentrockenen Landtagspräsidentin Zirner (Susanne Czepl) geht. Da gilt: immer schön bedeckt halten. Glückliches Salzburg. Eine Stadt, in der die Bedienung im Caféhaus heißt wie ihr berühmtester Sohn, die versteht etwas von Lebensart.

          Der Tote gehört den Deutschen, basta

          Der neue Kollege aus Graz allerdings beherrscht die österreichischen Spielregeln nicht so richtig. „Früher ist ein Beamter mit einem eingerissenen Daumennagel in Pension gegangen, Herr Wolfgang“, klagt der Hofrat. Inzwischen drängt selbst ein Rollstuhlfahrer in den Außendienst. Palfinger, der Topmann, ist nach einem Gleitschirmunfall querschnittgelähmt und sitzt im Rollstuhl. Aber wenn der Hofrat einen Tonfall aus dem Effeff beherrscht, dann ist es die schlüpfrige Gönnerhaftigkeit: Ihm „als Rotarier und Behindertenbeauftragten“ mache das gar nichts aus. Diskriminierung? „Nicht bei der Salzburger Polizei.“ Diskriminierung gibt es ebenfalls nicht gegenüber den bayrischen Kollegen aus Traunstein, beispielsweise dem grantelnden Hauptkommissar Hubert Mur (Michael Fitz). Den „Rollmops“ will er nicht bei der Leiche haben, eigentlich gar keinen Österreicher. Der Tote, der betrügerische Investor Holzer, gehört den Deutschen, basta.

          Major Palfinger, der im Rollstuhl so wenig eingeschränkt und davon abgesehen so gewitzt wirkt, dass man das Wort „Inklusion“ nur verschämt herausbringt, und Hauptkommissar Mur bilden das neue Polizistentraumpaar im grenzüberschreitenden Ermittlerverkehr. Die neue Serie „Die Toten von Salzburg“ leistet sich hier und da einen kalkulierten, abgemilderten Behindertenwitz und kümmert sich ansonsten mit Erfolg um Lokalkolorit. Kollegin Irene Russmeyer (Fanny Krausz) singt im Laienchor der Festspiele und verstärkt in dieser Folge als Constanzen-Double das Ensemble der „Entführung aus dem Serail“. „Singing Police“, kommentiert der Tenor Dave Harper (Max Müller), der den Belmondo gibt. Das Festspielhaus spielt eine entscheidende Rolle bei der Lösung des Falls, insbesondere der Regisseur mit seinen gähnend neumodischen Einfällen, bei dem die Proben immer länger dauern als vorgesehen.

          Irdische gegen überzeitliche Gerechtigkeit

          Verdächtig sind die Witwe Holzer (Isabel Karajan) und ihr Liebhaber, der Fitnesstrainer Nico Brix (Harald Windisch), ebenso der Anwalt der Geschädigten, Stefan Sandberger (Hary Prinz), und die zahlreichen Betrogenen. Mit Immobilienanteilsscheinen, hinter denen sich nur Luft verbarg, hatte der Tote ein Vermögen verdient und als ehemaliger Staatsanwalt bis in höchste Polizeikreise seine Kontakte spielen lassen.

          Für Erhard Riedlsperger (Buch und Regie), Klaus Ortner (Buch) und Kai Longolius (Kamera) scheint „Die Toten von Salzach“ eine Herzensangelegenheit zu sein. An Lokalkolorit und charakteristisch gezeichneten Typen mangelt es nicht, die Behinderungsthematik wird beiläufig mit bespielt, wobei der eigentliche Kriminalfall als Dutzendware durchgeht. Interessant verspricht die Entwicklung des Verhältnisses zwischen Palfinger und seinem Bruder, dem Priester und Sekretär des Erzbischofs, vulgo „Pressesprecher des lieben Gotts“, Sebastian Palfinger (Simon Hatzl) zu werden. Ein Vertreter der irdischen und einer der überzeitlichen Gerechtigkeit - daraus lassen sich, siehe „Don Camillo und Peppone“, stets Funken schlagen. „Die Toten von Salzburg“ lässt sich also recht vielversprechend an. Dem Hofrat Seywald, den der Schauspieler und Kabarettist Steinhauer selbstredend blendend spielt, bitten wir indes, mehr Platz einzuräumen.

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