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Neue Klinik-Serie bei Sky : Dann doch lieber privat versichert

  • -Aktualisiert am

Zeigen die Instrumente: Schwester Dawn (Alex Borstein, links) und ihre Kollegin kennen keine Gnade mit den Senioren, die ihnen anvertraut sind. Bild: HBO

In der amerikanischen Klinik-Serie „Getting On“ setzen sich grimmige Greise gegen ihre Pfleger zur Wehr. Krankenhausszenarien, die mit ihrem Humor weniger das Gesundheitssystem kritisieren als den zwischenmenschlichen Umgang.

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          Ob Altenpflege langweilig sei? Die Figuren aus der HBO-Serie „Getting On“ wissen die Antwort: „Im Gegenteil: Hier ist die Action!“ „Getting On - Fiese alte Knochen“ spielt auf der Geriatriestation eines Krankenhauses - im Titel kommen sowohl das Sterben als auch die Bewältigung des Alltags zum Ausdruck -, aber wer die bittersüße Geschichte einer Handvoll verschrobener Alter erwartet, liegt völlig falsch. Vielmehr besteht die „Action“ auf der Station weitgehend aus eifersüchtigen Beißereien zwischen dem diensthabenden Personal: Dr. Jenna James (Laurie Metcalf), eine geltungssüchtige Mittelmaßmedizinerin, will ihre seltsamen Studieninteressen finanzieren; die biedere Krankenschwester Dawn (Alex Borstein) findet im neuen Chefpfleger Patsy (Mel Rodriguez) einen vermeintlichen Gesinnungsgenossen, und die neue Schwester Denise (Niecy Nash), die als Einzige das Herz am rechten Fleck zu haben scheint, muss erst mal lernen, dass die Dinge nicht beim Namen, sondern in ihrer politisch korrekten Form genannt werden. Das macht den Kern dieser Comedy aus: Vor lauter Sorge darum, den bürokratischen Verordnungen über die würdige Behandlung von Patienten zu genügen, vergisst man hier schnell mal die Würde der Patienten.

          Ach ja, die Patienten: Dass die Alten in „Getting On“ bloß Nebenfiguren sind, möchte man der Serie zunächst vorwerfen. Doch anstatt zu drolligen Protagonisten einer Feelgood-Komödie zu werden, fungieren die Greise als grimmiger Chor in einer Farce, die nichts Gutes über unseren Umgang mit alternden Menschen zu sagen hat. Mit irritierten Blicken quittieren die Alten das ungeschickte Gerangel um vorschriftsgemäße Umgangsformen mit denen, für die kein Platz mehr ist in der Gesellschaft.

          Das friedlich dahindämmernde Großmütterchen

          Die Darstellung alter Menschen ist im amerikanischen Fernsehen auf eine Handvoll Stereotype beschränkt - meist wahlweise putzige oder unerträgliche Großeltern aus Serien wie „Alle lieben Raymond“ oder zuletzt „Die Millers“, die Viagra-Schlucker oder hilflos Gestürzten aus der Werbung. Dass die Alten in „Getting On“ bloß den Hintergrund für eine Comedy über den Umgang mit ihnen bilden, ist nicht zuletzt ein pointierter Kommentar zu diesem Zustand. Denn hin und wieder wird ganz am Rande offenbar, dass sie dem bequemen Bild vom friedlich dahindämmernden Großmütterchen so gar nicht entsprechen.

          Mark V. Olsen und Will Scheffer, die schon für die Polygamisten-Serie „Big Love“ verantwortlich zeichneten, haben den Stoff von einer gleichnamigen britischen Comedyserie adaptiert, und entsprechend trocken, manchmal nachgerade düster ist der Tonfall. Das stieß einigen Fernsehkritikern sauer auf, aber das Leben auf der Geriatrie als heiteren Spaziergang darzustellen wäre wohl eher lächerlich als komisch. „Getting On“ ist eine bittere Pille, die sich stark an „The Office“ anlehnt: Angestrengtes Wohlmeinen führt immer tiefer in die Idiotie. Die Wunde, in die der Finger gelegt wird, ist nicht das vielkritisierte Gesundheitssystem, sondern der menschliche Hang dazu, sich in emotional komplizierten Situationen hinter bürokratischen Vorschriften zu verschanzen.

          Daraus entwickeln sich genügend absurde Situationen, und es wäre nicht nötig gewesen, das Ganze noch mit Humor aus dem Bereich unterhalb der Gürtellinie zu spicken. Aber es wird leider allzu oft und ausdauernd über Fäkalien gestritten, und Dr. James’ Sammlung von Stuhlproben ist ein Running Gag der Serie. In einer Folge taucht auf den Weihnachtskarten der Station eine Vulva-Fotografie auf, die das Personal verzweifelt einer Patientin zuzuschreiben versucht, natürlich aus Respekt für die Fotografierte. Doch „Getting On“ läuft auch immer wieder zu großer Form auf, etwa wenn Dawn und Denise das Jammern einer kambodschanischen Patientin zu entschlüsseln versuchen. Oder wenn sich eine besonders renitente Patientin (herrlich: June Squibb) die unerträglich bemutternden Floskeln der Schwestern mit wüsten Beschimpfungen vom Leibe hält.

          Denn die alten Menschen, die hier dem Tod ins Auge blicken, scheren sich keinen Deut um politische Korrektheit und die peinlich konstruierte Wohlfühlatmosphäre. Manche möchten Sex, andere rauchen, Dritte auf eigene Rechnung sterben. Alles scheint besser, als bloß verwaltet zu werden.

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