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Neue TV-Serie „This Is Us“ : Das kommt in der besten Familie vor

  • -Aktualisiert am

Rebecca (Mandy Moore) und Jack (Milo Ventimiglia) wollten drei Kinder (Mackenzie Hancsicsak, Lonnie Chavis, Parker Bates) und bekamen sie auch. Bild: Pro Sieben

Die Serie „This Is Us“ bei Pro Sieben sieht wie eine Seifenoper aus. Erzählerisch aber ist sie vom Feinsten. Mit Humor und sanftem Pathos sucht und findet sie das Große im Kleinen.

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          Russische Spione, die im Kalten Krieg unerkannt beim Klassenfeind leben, um in erster Linie Familienprobleme auszutragen („The Americans“), eine verkorkste Familie, deren Oberhaupt sich als transsexuell outet („Transparent“), das Anhimmeln eines Kunstcowboys als Postfeminismusübung („I Love Dick“) – selbst da, wo neue Edelserien nicht von Helden, Hackern, Präsidenten oder Mafiosi handeln, sondern vom Alltag zwischen Liebe und Sarg, ist heute ein besonderer Dreh nötig, schon um keine Erinnerung an all die Sitcoms und Soaps aus dem Fernsehpaläolithikum aufkommen zu lassen.

          Da scheint es mutig, sich genau auf dieses vergiftete Erbe zu stürzen: „This Is Us“, eine der vielversprechendsten Dramaserien des Jahres, nimmt die Themen alter Schundproduktionen – wiederaufgetauchte Väter, mit ihrem Playboyleben hadernde Playboys, mit ihrem Gewicht hadernde Adipöse, dem besten Freund ausgespannte Frauen – und macht daraus tränenreiches Fernsehgold. Man zeigt uns, dass gar nicht die Themen das Problem waren, sondern die Überzeichnung des Personals zu solchen Witzfiguren, dass es nur folgerichtig schien, sie mit Schaufensterpuppen zu besetzen, was sich bei der anstehenden „Denver Clan“-Neuauflage hoffentlich nicht wiederholt.

          Der verlorne Vater kehrt zurück, der Sohn kann es nicht fassen: Sterling K. Brown (links) und Ron Cephas Jones in „This Is Us“.
          Der verlorne Vater kehrt zurück, der Sohn kann es nicht fassen: Sterling K. Brown (links) und Ron Cephas Jones in „This Is Us“. : Bild: Pro Sieben

          In der fulminant lebenszugewandten NBC-Show von Dan Fogelman („Crazy, Stupid, Love“) lässt das Spiel aller Beteiligten keinen Zweifel daran, dass sie es ernst meinen mit ihren Figuren. Die geschliffenen, ehrlichen Dialoge sitzen. Zuverlässig unterschreiten die Pointen den Kalauerpegel. Darin ähnelt „This Is Us“ am ehesten noch der feinen HBO-Alltagskomödie „Togetherness“, wobei man aber weit schamloser auf das Pathos der großen Momente im kleinen Leben zielt, eine Emotionenbewirtschaftung der Extraklasse, die man sich gefallen lässt, wenn etwas so Warmherziges so wenig peinlich daherkommt.

          Ein kleinen Twist gibt es denn doch in der auf mehreren Zeitebenen spielenden Serie, eine arithmetische Spielerei: Vier Menschen haben am selben Tag Geburtstag, nämlich der fluffige Jack (Milo Ventimiglia), eine spannende, weil ambivalente Figur, und seine drei Kinder, die Jacks Frau Rebecca (Mandy Moore) um 1980 just am 36. Geburtstag ihres Gatten zur Welt bringt. Weil einer der Drillinge tot geboren wird, adoptiert das auf drei Kinder eingestellte Paar einen Jungen, der am selben Tag geboren, aber ausgesetzt wurde.

          Gutenachtgeschichten mit Onkel: Faithe Herman, Justin Hartley und Eris Baker in „This Is Us“.
          Gutenachtgeschichten mit Onkel: Faithe Herman, Justin Hartley und Eris Baker in „This Is Us“. : Bild: Pro Sieben

          Auf der zweiten Zeitebene begegnen wir den drei Geschwistern an ihrem 36. Geburtstag und sehen, was aus ihnen geworden ist. Da haben wir den leicht verlorenen Schönling Kevin (Justin Hartley), der zum Star einer miesen Soap avancierte. Dass er vor Publikum – also vor Handykameras – zur großen Zuschauerbeschimpfung ausholt, ist dick aufgetragen, aber schön selbstbezüglich: „Warum schaut ihr euch den Quatsch an? Es ist eure Schuld, dass ihr so wenig von uns verlangt!“ Nur schwer aus einer Drei-Millionen-Dollar-Rolle aussteigen zu können ist wohl die Urform eines Luxusproblems, für Kevin aber eine existentielle Frage. Wie in allen schwierigen Fragen wendet er sich an seine Schwester Kate (Chrissy Metz), die ihr eigenes Päckchen zu tragen hat: Übergewicht amerikanischer Dimensionen. Erstmals hat Kate jedoch einen Mann (Chris Sullivan) kennengelernt, der es ernst meint. Beide Geschwister verstehen es vorzüglich, die Sorgen des anderen zu zerstreuen.

          Am meisten mit sich im Reinen ist allerdings Adoptivbruder Randall, gespielt vom herausragenden Sterling K. Brown (bekannt aus „The People v. O. J. Simpson“) und die heimliche Hauptfigur. Randall, inzwischen erfolgreicher Händler von Wetter-Derivaten und geradezu perfekter Familienvater, hatte seiner schwarzen Hautfarbe wegen nicht die leichteste Jugend, ist seinen Adoptiveltern aber zutiefst dankbar. Gleich zu Beginn der Serie findet er seinen biologischen Vater (Ron Cephas Jones) wieder, einen ehemaligen Junkie, der – sterbenskrank – zu Randalls herziger Familie zieht: der Beginn einer komplizierten Liebesgeschichte.

          Dieser durchaus seifige Plot generiert immer wieder Situationen, die glaubhafte Dramatik und überwältigende Empathie besitzen, was auch am Gespür Fogelmans für Überraschungen liegt. Obschon nicht alle Stränge gleich interessant geraten sind – die Dickenhandlung hätte schlanker ausfallen dürfen –, lässt sich mit „This Is Us“, das in selbstreflexiven Momenten an „Episodes“ erinnert, in überdrehten Plauderszenen an „Girls“ und in Sachen lebenslange Freundschaft an Hanya Yanagiharas zur Serie werdenden Midlife-Roman „Ein wenig Leben“, die Zeit bis zur Rückkehr von „Top of the Lake“ im Spätsommer ordentlich überbrücken. Es ist ja nicht jeder Appell, dem eigenen Leben eine Richtung zu geben, gleich aufdringliche Ratgeberpoesie. Dass aus der bittersten Zitrone mit etwas Zucker Limonade werden kann, ist zumindest eine schöne Botschaft. Und die Musikauswahl ist exquisit: Wo hört man sonst noch „Can’t Find My Way Home“ von Blind Faith, diese Sehnsuchtshymne, in der eine ganze Ära aufgehoben scheint?

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