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Neue ARD-Serie „Paul Kemp“ : Der ist einfach ein guter Typ

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Guck mal, wer da liegt: Paul Kemp (Mitte, hinten) hat es als Mediator mit verzwickten Familiengeschichten zu tun. Da liegt manche Leiche im Keller Bild: ARD/ORF/Petro Domenigg

Die ARD hat eine neue Wohlfühlserie, etwas komplexer als die anderen im Vorabendprogramm: Für „Paul Kemp“, den säkularen Seelsorger, ist trotzdem „alles kein Problem“.

          Die Welt, so heißt es an einer Stelle in der neuen ARD-Serie „Paul Kemp - Alles kein Problem“, ist unverbesserlich. Vor allem aber sind die Menschen unverbesserlich. Als soziale Wesen defizitär. Ewig unzufrieden mit sich und ihren Beziehungen, mit ihren Liebesbeziehungen zumal. Auf dauernde Harmonie nicht angelegt und zum friedlichen Zusammenleben nur bedingt geeignet. Man könnte das eine anthropologische Konstante nennen. Für Paul Kemp (Harald Krassnitzer) ist es seine Geschäftsgrundlage. Der Psychologe ist Seelenklempner in Wien, er reinigt die mit seelischem Ballast verstopften Abflussrohre seiner Klienten, hilft ihnen, die vermeintlich größten Ärgernisse als Scheinprobleme zu entlarven, und erspart denen den Gang zum Anwalt oder vor Gericht, für die alles auch ein finanzielles Problem ist.

          Paul Kemp ist hauptberuflicher Mediator, übt damit einen vergleichsweise jungen Beruf aus. In der ersten Folge der vorerst dreizehnteiligen Koproduktion von ORF und SWR, die schon mit einigem Erfolg im österreichischen Fernsehen gesendet wurde, übernimmt er einen Fall am Wiener Krankenhaus. Die Krankenhausleitung möchte einen Kunstfehlerprozess vermeiden. Anscheinend haben Chirurg und Anästhesist Fehler bei einer Gallenoperation gemacht. Die Schmerzen der Patientin wollen nicht vergehen, was auch nicht im Interesse ihres windigen Anwalts läge. Kemp - Lebensberater, Seelsorger, Mitfühlender - findet heraus, was die Dame wirklich quält, und hat gleich darauf einen neuen Fall. Seit Jahren führt der Anästhesist ein Doppelleben mit zwei Frauen, zwei Kindern und zwei Wohnungen. Nun hat seine persönliche und wirtschaftliche Erschöpfung dramatische Ausmaße angenommen. Ob Kemp hier vermitteln könne?

          Mehr Komplexität mit zwinkerndem Auge

          Kemp kann und stößt auf Erstaunliches. Doch so kompetent der Mann im Beruf ist, so sensibel er die wahren Nöte der narzisstisch Gekränkten aufspürt und ihre Gefühle sortieren hilft, im eigenen Leben sieht es bei ihm so durcheinander aus wie bei Hempels unterm Sofa. Frau Ella (Katja Weizenböck) pflegt ein Verhältnis mit dem schöngeistigen Nachbarn Christian (Michael Dangl), Sohn Tim (Pascal Giefing) erfährt wenig Verständnis für seine Pubertätsnöte, der berufliche Kompagnon Mark (Alexander Lutz) hält all das Leid der anderen, das seine Geschäftsgrundlage bildet, nicht mehr aus und ruiniert den Laden. Wenig später wird Paul Kemp ein Verhältnis mit der gestörten Lisa (Judith Rosmair) eingehen. Mit seinem Bruder spricht er im Übrigen seit fünfzehn Jahren nicht mehr, und das ausschließliche Tragen von beigen Cordanzügen, vorzugsweise in Kombination mit kleingeblümten Hemden, mutet, gelinde gesagt, etwas seltsam an. Fels in der Brandung ist die überpatente Büroleiterin Brigitte (Michou Friesz).

          Von der Spannung zwischen beruflicher Kompetenz und privatem Versagen ihrer Hauptfigur lebt die Serie „Paul Kemp“, und zwar gar nicht schlecht. Die Bücher (Uli Brée, Klaus Pieber) pflegen zwar auch die üblichen Dialogklassiker („Du hast mich schon vor langer Zeit verlassen“; „Du bist mit deiner Arbeit verheiratet, nicht mit mir“), wenn es um Beziehungsgespräche geht, aber ansonsten auch einen recht trockenen Humor. Harald Krassnitzer zeigt einen schönen Hang zum Fatalismus. Die Auftaktfolge „Lauter Lügen“ (Regie: Harald Sicheritz) serviert den für Familienserien am Dienstagabend im Ersten leicht erhöhten Komplexitätsgrad mit einem zwinkernden Auge.

          Man hat seine Probleme und pflegt die üblichen Dialogklassiker: Kemps Frau Ella (Katja Weitzenböck, l.) und derselbige (Harald Krassnitzer)

          Ein Risiko geht die ARD mit „Paul Kemp“ gewiss nicht ein. Bei den Grundmustern anderer Erfolgsformate hat man genau hingeschaut. Die gewisse Skurrilität der verhandelten Fälle sah man so ähnlich bei „Mord mit Aussicht“, moderne Familie gab es schon in „Familie Dr. Kleist“ oder „Tierärztin Dr. Mertens“, das Thema Seelsorger als menschlich-allzumenschliche Erscheinungen kennt man aus „Um Himmels Willen“. Sicher nicht umsonst spielt die erste Folge zum Teil im Krankenhaus („In aller Freundschaft“). Dass „Paul Kemp“ trotzdem mehr als die Summe dieser Teile ist, liegt vor allem an Harald Krassnitzer. Der ist einfach ein guter Typ. Und gestritten wird zum Glück immer.

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