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„Patrick Melrose“ auf Sky : Leben oder sterben, das ist hier die Frage

Er badet niemals lau: Benedict Cumberbatch spielt den himmelhoch-jauchzend-verzweifelten Patrick Melrose. Bild: Sky

Einen Auftritt, wie ihn Benedict Cumberbatch in der Serie „Patrick Melrose“ hinlegt, sieht man nicht alle Tage. In der Titelrolle sprengt er regelrecht den Bildschirm – und gibt nebenbei Hamlet.

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          Als Patrick Melrose der Anruf aus New York erreicht, umspielt seinen Mund ein seliges Lächeln. Sein Vater sei tot, sagt die Stimme am anderen Ende der Leitung. Patrick steht die Freude ins Gesicht geschrieben. Er wirkt erlöst. Dann setzt er sich einen Schuss Heroin.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Sein Vater ist tot, und dieser junge Mann hat nichts anderes zu tun, als zu grinsen und sich vollzudröhnen? Es gibt einen Grund dafür, wie wir in der ersten Folge der fünfteiligen Serie „Patrick Melrose“ in Andeutungen und in der zweiten in aller Deutlichkeit erfahren: Patrick Melrose wurde als kleiner Junge aus wohlhabendem Elternhaus von seinem Vater jahrelang sexuell missbraucht. Seine Mutter schaute weg, trank und spielte die Charity-Lady. Patricks Kindheit war der pure Horror. Mit den Drogen fing er schon als Jugendlicher an. Jetzt, mit fünfundzwanzig, nimmt er, was er kriegt, um sich zu betäuben: Alkohol, Kokain, Heroin, Pillen, Tabak, von allem reichlich und alles zusammen. Frauen sind für Patrick ebenfalls Plaisir, doch geht ihm nichts über den Rausch, der ihm das große Vergessen beschert.

          Arrogant und großartig

          Diesen großspurigen, arroganten, scheinbar verwöhnten Patrick Melrose sehen wir, wie er lamentiert, bramarbasiert, irre lacht, jubelt, schimpft, schreit, heult, lallt, säuft, frisst, sich übergibt, sich die Adern kaputtmacht, sich verbrüht, langsam an der Wand hinabgleitet, über den Boden kriecht, im Restaurant aus der Rolle fällt, mit Geld um sich wirft, mit Dealern verhandelt, das Hotelzimmer demoliert und schließlich die in Eiche gefasste Urne mit der Asche seines Vaters durch die Gegend wirft und tritt. Doch er wird das Ding nicht los.

          An diesem Punkt, an dem Patrick Melrose alles unternommen beziehungsweise eingenommen hat, um sich umzubringen, verstehen wir längst, warum. Drehbuch und Regie haben uns behutsam an die Vorgeschichte herangeführt. Und außerdem spielt Benedict Cumberbatch diesen Patrick Melrose. Er explodiert förmlich in der Rolle. Die erste Episode des Fünfteilers ist ein großer Monolog, in dem sich Patrick die Sinnfrage stellt. Er sucht sich von der Erinnerung an seinen Vater zu befreien, doch er wird diesen Dämon nicht los. Er ringt mit sich selbst, wie Hamlet: „To be, or not to be, that is the question.“

          Die Existenzfrage stellte auch der englische Schriftsteller Edward St Aubyn, als er achtundzwanzig Jahre alt war. Er schloss einen Pakt mit sich selbst. Der lautete: Entweder schreibe ich ein Buch, oder ich nehme mir das Leben. Aus einem Roman wurden fünf, die zwischen 1992 und 2011 erschienen sind, sie handeln von einem jungen Mann namens – Patrick Melrose. Mit dessen Geschichte schrieb sich Edward St Aubyn seine ureigene Last von der Seele. Der erste Roman, „Schöne Verhältnisse“, erschien, lange bevor das Thema sexueller Missbrauch von Kindern die Aufmerksamkeit erfuhr wie heute. Damit wurde St Aubyn berühmt, nicht nur in der Bewältigung seiner eigenen Vergangenheit, sondern auch, weil er messerscharf, pointiert und mit bösem Witz die Verlogenheit und Blasiertheit der britischen Upper Class zu Papier brachte.

          Brillanter Hauptdarsteller

          Daraus einen Film oder eine Serie zu machen war immer wieder geplant, glückte aber erst, als sich der Autor David Nicholls der Sache annahm. Mit dem Deutschen Edward Berger („Deutschland 83“) trat der richtige Regisseur hinzu, und Benedict Cumberbatch ist sowieso das perfect match. Als er in einem Interview gefragt wurde, welche Rollen er unbedingt einmal spielen wolle, nannte er zwei: Hamlet und Patrick Melrose. Die Beiden stünden auf seiner bucket list – also der Liste von Dingen, die man unbedingt abgehakt haben sollte, bevor man in die Kiste springt. Nun spielt Cumberbatch in der von Showtime und Sky (und ihm selbst mit-) produzierten Serie beide auf einmal.

          Mit seiner Darstellung springt Cumberbatch den Zuschauer förmlich an. Er ist schnell, klug und witzig, schaltet von null auf hundert und wieder zurück, von der Emphase direkt in den Burnout. Dass bedeutet aber nicht, dass die Regie die anderen Charaktere zu kurz hätte kommen lassen. Hugo Weaving stellt Melrose senior als kühlen, diabolischen Sadisten dar, der nicht nur seinen Sohn missbraucht, sondern generell gerne Menschen quält. Jennifer Jason Leigh legt Patricks Mutter als dem Schein nach anteilnehmende Pseudo-Beschützerin an, der es in Wahrheit nur darum geht, ihren gesellschaftliches Status zu wahren. Das alles könnte ziemlich depressiv wirken, ist aber, dank der Schauspieler und auch durch Tempo-, Licht-, Farb- und Stimmungswechsel von einer Folge zur nächsten, einfach nur meisterhaft inszeniertes, mitreißendes, anrührendes, packendes Fernsehen

          „Ich habe beschlossen, clean zu werden“, sagt Patrick einem Freund am Telefon am Ende der ersten Episode. „Und dann?“, lautet die Gegenfrage. „Was machst du dann?“

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