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TV-Kritik „Marseille“ : So setzen Amerikaner Savoir-vivre in Szene

Er spielt den aufrechten Bürgermeister von Marseille, der nicht den kleinsten Dreck am Stecken hat: Gérard Depardieu. Die Franzosen finden das zum Lachen. Bild: Netflix

Die EU will Netflix eine Europa-Quote aufzwingen. Jetzt hat der Online-Dienst seine erste europäische Serie: „Marseille“ mit Gerard Dépardieu. Die Franzosen finden das zum Lachen.

          Ich schlafe, mit wem ich will“, erklärt die schöne Julie ihrem Freund, einem etwas zudringlichen Araber, der nicht so ganz zu ihr passt. Was die junge Frau, die als Journalistin für die Netzredaktion der großen Stadtzeitung arbeitet, aber nicht daran hindert, manchmal auch mit ihm ins Bett zu gehen. Sie wohnt mit einer Freundin zusammen, die sich für das andere Geschlecht nicht interessiert, in der Wohnung der beiden spielen sich ebenso komische wie erotische Szenen ab.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Julies Freund stammt aus Algerien und wohnt in der Cité. Er weigert sich mutig, Dealern zu Diensten zu stehen. Sie lassen sein Auto mit einer Brandbombe in Flammen aufgehen. Julies treuliebender Vater, eine richtige moralische Instanz, ist Bürgermeister. Er ist Bürgermeister dieser verkommensten französischen Stadt Marseille. Ihr widmet Netflix seine erste europäische Serie, sie wurde als französische Antwort auf „House of Cards“ angekündigt.

          Bürgermeister Robert Taro (Gérard Depardieu) glaubt an die Moral in der Politik. Im Hafen von Marseille scheint man ihm das abzunehmen.

          Das Drehbuch stammt von Dan Franck, der vor Jahren mit dem Prix Renaudot ausgezeichnet wurde. Dass ihm der amerikanische Produzent jede Freiheit gelassen habe, betont er so penetrant, dass man hellhörig wird. Gérard Depardieu, Frankreichs international zugkräftigster Star, spielt - großartig - den Bürgermeister, der seine Stadt liebt. Sie ist neben ihrer Fischsuppe „Bouillabaisse“ für feine Seife und das „Tarot de Marseille“ berühmt. Nach dem Kartenorakel hat der Autor seinen Bürgermeister Robert Taro benannt - das Wortspiel ist nicht die einzige unterschwellige und politische Botschaft dieser Serie.

          Spott und Hohn

          Sie beginnt im Zentrum der Macht in Marseille, im Fußballstadion. Taro kokst, aber das ist auch sein einziges Laster. Und er tut es nur, um seinen Verpflichtungen gerecht zu werden. Er glaubt an die Moral in der Politik. Seine Frau ist eine zarte, kränkliche Cellistin. Eigentlich will Taro sein Amt nach zwanzig Jahren abgeben. Sein Kronprinz Lucas Barrès ist skrupellos und sexbesessen. Bei der Abstimmung um ein Casino am Hafen wendet er sich gegen Taro, der dann doch weitermachen will. Es kommt zum Machtkampf zwischen den beiden, die Mafia ist im Spiel, die Morde häufen sich.

          Frankreich, das Land des Films, hatte die neue Ära der Fernsehserien verschlafen. Inzwischen fällt die Bestandsaufnahme nicht mehr so düster aus. Noch nie aber ist eine aufwendige Produktion so einmütig in Bausch und Bogen verdammt und mit Spott und Hohn eingedeckt worden, und das keineswegs nur in den Online-Netzwerken, sondern auch in der Presse: „Rote Karte für Marseille“, „Reinfall“, ein „industrieller Unfall“, „Debakel“, „finanzielle Katastrophe“, „der erste hausgemachte Flop von Netflix“. Gerügt werden: die „Armut des Drehbuchs“, die „unverdaulichen Dialoge“ und „unsäglichen Schnitte“ einer „bleischweren Inszenierung“ mit „schwachen Schauspielern“. Entsetzt und konsterniert folge man dieser Geschichte, schreibt ein führender Kritiker, und sei am Schluss geradezu fasziniert angesichts ihrer Belanglosigkeit.

          Damit kann Netflix die Franzosen nicht für sich gewinnen

          „Kann man davon etwas retten?“ fragte ein Magazin Depardieu. Will Netflix ausgerechnet während des Festivals von Cannes den Beweis erbringen, dass die Franzosen keine guten Serien produzieren können? Die ersten beiden Folgen wurden im frei empfangbaren, größten Privatsender TF1 gezeigt - und von den Werbeunterbrechungen zerstückelt. War das als Werbung für ein Netflix-Abonnement gedacht? Das scheint schwer vorstellbar. Netflix zeigte auch gleich noch den Film von Abel Ferrara mit Depardieu als Dominique Strauss-Kahn und dessen Vergewaltigungsverfahren in New York. Ins französische Kino war der Film nie gekommen.

          Jetzt spielt Depardieu einen französischen Politiker, den Dan Franck als tugendhaften Anti-Strauss-Kahn vorstellt. Der Schriftsteller ist ein enger Freund des gefallenen Politikers, dem er seine Pariser Wohnung zur Verfügung gestellt hatte, in der Strauss-Kahn seine Präsidentschaftskandidatur vorzubereiten vorgab. Franck hatte die Ausstrahlung des Films von Abel Ferrara zu verhindern versucht. Ging es ihm mit „Marseille“ und diesem Robert Taro, der seiner Frau treu ist, darum, seinen Freund und Frankreich zu rächen? Seinen Auftraggebern jedenfalls hat Franck eine teure Serienstaffel beschert, mit der Netflix die Franzosen nicht für sich gewinnen kann. Auch nicht mit den Ausschweifungen, die hier inszeniert werden. Für eine Ausstrahlung in Amerika müssten wahrscheinlich so viele Schnitte vorgenommen werden, dass der ganze Plot zusammenbräche.

          Ein herrliches transatlantisches Missverständnis

          Frank Underwood, der von Kevin Spacey gespielte Präsident in der Netflix-Serie „House of Cards“, hat der französischen Politik kürzlich auch seine Aufwartung gemacht. Spacey alias Underwood twitterte dem französischen Premierminister Manuel Valls ein Wort des Trostes. Valls hatte gerade auf eher undemokratische Weise das neue Arbeitsrecht ohne Abstimmung im Parlament durchgesetzt und den Protest der Linken wie der Rechten auf sich gezogen. „Demokratie ist so was von überschätzt“, twitterte Underwood.

          Valls, dessen Gattin - eine Geigerin - das Vorbild für die Frau des von Gérard Depardieu gespielten Politikers Taro abgibt, entblödete sich nicht, mit dem berühmten Churchill-Zitat zu antworten: „Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen - abgesehen von allen anderen.“ „Vergiss das nie!“, schickt Valls noch hinterher. Der seit 21 Jahren real regierende Bürgermeister von Marseille, Jean-Claude Gaudin, 77, freut sich derweil über die Werbung für seine Stadt. Allerdings dementiert er auch verzweifelt, die politischen Sitten seien von jener lockeren Art, wie in der Serie dargestellt.

          „Marseille“ ist also ein herrliches transatlantisches Missverständnis. Ein Meisterwerk ist es nicht, aber ungeachtet der exzessiven Verrisse in der französischen Presse durchaus sehenswert.

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